Der Winter ist die schwierigste Jahreszeit für Menschen, die auf der Straße leben. Daher hat das Team von result entschieden, die diesjährige Spende an eine Einrichtung zu geben, die sich mit der Hilfe für Wohnungslose beschäftigt. Unsere Wahl fiel auf „Freunde der Kölner Straße und ihrer Bewohner e.V.“. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen auf der Straße zu unterstützen. Kern des Angebotes ist der Kältebus, der bei Temperaturen unter 0 Grad systematisch durch die Kölner Straßen fährt und Wohnungslosen, die unterkühlt sind, dabei hilft, in Notschlafsäle oder ins Krankenhaus zu kommen.
In unserem Interview sprechen wir mit Melanie Krauss, der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Vereins. Sie ist schon seit vielen Jahren bei den „Freunden“ aktiv und kümmert sich aktiv und mit viel Engagement um die Wohnungslosen in Köln.
Begegnungen auf Augenhöhe
„Wir nennen die Menschen auf der Straße, mit denen wir zu tun haben, unsere Gäste oder unsere Freunde. Damit wollen wir versuchen, Augenhöhe herzustellen. Das halten wir für sehr wichtig“, betont Melanie Krauss, als sie die Arbeit des Vereins erläutert. „Für uns ist das ein Geben und ein Nehmen, denn die Begegnungen und Gespräche, die wir führen und die Freude, die wir teilweise gemeinsam erleben, ist für uns eine Bereicherung. Oft bekommen wir sehr viel Dank und das ist mir dann regelrecht unangenehm. Schließlich habe ich ja auch was davon.“
Für Melanie Krauss sind die Gäste an ihrer Essenstation oder am Kältebus Menschen, mit denen sie gerne Zeit verbringt, und ihr Engagement wirkt ansteckend. Obwohl Vollzeit berufstätig, ist sie wie alle anderen Mitglieder und Helfer ehrenamtlich mehrfach die Woche im Verein aktiv. „Ich kümmere mich um Orga und Verwaltung, aber versuche auch, so oft wie möglich auf der Straße zu sein“, erzählt sie. „Ich schätze es sehr, mit unseren Gästen ins Gespräch zu kommen. Oft erfährt man viel Überraschendes und Berührendes.“

Mit Vorurteilen aufräumen
Der gelernten Sozialwissenschaftlerin liegt es sehr am Herzen, mit Vorurteilen aufzuräumen und die Akzeptanz der Wohnungslosen zu erhöhen: „Viele Menschen scheuen sich, auf die Menschen auf der Straße zuzugehen. Und viele haben negative Bilder im Kopf von verwahrlosten und vielleicht auch aggressiven Menschen. Natürlich gibt es die auch, aber wenn wir mit unseren Gästen zusammentreffen, sind wir jedes Mal erstaunt, wie unterschiedlich und vielfältig die Menschen auf der Straße sind. Einige davon würde man in keiner Weise sofort als obdachlos erkennen oder einstufen.“
Es seien Menschen aus unterschiedlichsten Schichten, die auf der Straße landen. „Zu uns kommen sowohl Beamte und Künstler als auch Unternehmer oder Handwerker. Sie alle verbindet, dass es einen schweren Schicksalsschlag in ihrem Leben gab und sie dadurch Arbeit und Wohnung verloren haben. Ein häufiges Thema sei Trennung: Gerade Männer haben oft eine Trennung nicht verkraftet, in deren Zuge sie aus dem gemeinsamen Zuhause ausziehen mussten. Das hat sie dann aus der Bahn geworfen.“ Natürlich gebe es daneben auch Alkoholiker, Drogenkranke und illegale Einwanderer. „Aber jeder unserer Gäste ist ein eigenständiger Mensch mit eigener Geschichte – und alle sind unterschiedlich“, betont Melanie Krauss.
Seit Corona deutlich mehr Menschen auf der Straße
Mit Sorge beobachtet Melanie Krauss, wie sich die Obdachlosigkeit seit Corona entwickelt hat: „Wir haben inzwischen dreimal so viele Gäste wie noch vor Corona. In den vergangenen Jahren haben wir unser Angebot stetig ausbauen müssen“, erzählt sie. Auch der Bedarf an Spenden steige immer weiter. Der Verein übernimmt eine Reihe von Aufgaben: „Zweimal die Woche fahren wir zum Breslauer Platz und teilen Essen und Getränke aus. Daneben versuchen wir, die Menschen auf der Straße hier in Köln mit Schlafsäcken, Isomatten und Kleidung zu versorgen.
Im Winter dann ist der Kältebus ein großes Thema. Immer, wenn die Temperaturen sinken, organisieren wir einen Bereitschaftsdienst. Dann fahren wir durch die Stadt und schauen nach den Menschen, die auf der Straße leben. Wenn jemand unterkühlt ist, organisieren wir ein Taxi für den Transport zur Notschlafstelle oder rufen den Krankenwagen.“ Der Verein betreibt darüber hinaus die einzige Kölner Kältebus-Hotline. Dort können sich Bürgerinnen und Bürger melden, wenn sie jemanden auf der Straße finden, dem es nicht gut geht.
Melanie Krauss: „Leider gibt es von der Stadt hier in Köln kein Kältebus-Angebot. Das ist in anderen Städten anders. Daher rufen die Menschen bei uns an. An besonders kalten Tagen können auch schon einmal bis zu 50 Anrufe eingehen. Dann wird es sehr hektisch. Die Vereinsmitglieder fahren dann mit ihren privaten PKW ebenfalls durch Köln, in Ergänzung zum Kältebus.“
Zu wenig Dauerspender
Eine besondere Herausforderung für den Verein ist das Einsammeln der Spenden. Es gebe kaum Dauerspender, man müsse jedes Jahr neu planen und schauen, wo die Hilfe herkommt. Aber dafür habe man im Verein nur wenig Kapazitäten, da man mit der Zuwendung an die Gäste komplett ausgelastet sei.
Benötigt werden zum einen Lebensmittel-Spender, die möglichst langfristig mit Essen oder Getränken unterstützen. So suche man derzeit beispielsweise einen Bäcker, der Brötchen liefern kann. Darüber hinaus benötigt der Verein aber auch Geld, um die wöchentliche Essensversorgung und die Versorgung mit Winterkleidung und Schlafsäcken sicherzustellen.
Auch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden immer wieder gebraucht. „Jeder kann gerne einmal vorbeikommen und unsere Arbeit anschauen. Wir freuen uns über jeden, der unterstützt. Egal, ob auf der Straße oder im Lager beim Sortieren der Sachspenden“, so Krauss.
Schöne und traurige Schicksale teilen
„Für uns besonders motivierend ist es, wenn wir mit den Menschen über längere Zeit in Kontakt kommen und sich so etwas wie Freundschaften bilden“, berichtet Melanie Krauss. „Es gibt einige Wohnungslose, die wir sogar abends nach der Schicht noch einmal besuchen, um mit ihnen etwas zusammenzusitzen und zu reden. Wir gehen auch mit unseren Freunden zusammen spazieren, zum Amt oder mal einen Kaffee trinken. Unsere Hauptaufgabe liegt darin, wohnungslose Menschen bei Minusgraden vor dem Erfrieren zu schützen. Aber in Einzelfällen versuchen wir auch, darüber hinaus zu unterstützen: etwa bei der Suche nach einer Unterkunft oder indem wir uns um sehr kranke Menschen kümmern. Und ab und zu gehen wir auch zu Beerdigungen von Menschen, die viel zu früh gestorben sind.“

Um selbst mit dem Erlebten fertig zu werden, treffen sich die Ehrenamtler regelmäßig zu einem „Stammtisch“. Dort kann man sich austauschen und über Positives und Belastendes sprechen. Das Positive scheint aber – zumindest für Melanie Krauss – deutlich zu überwiegen, wenn man ihre Erzählungen hört: Von gemeinsamen Tänzen, von Lachen, einer schönen Nikolaus-Aktion und anderen Dingen redet sie mit glänzenden Augen und sichtlich bewegt. Und ab und zu geschieht dann auch ein kleines Wunder: So habe man einen jungen Mann mit viel Einsatz von der Straße geholt. Jetzt habe er Wohnung und Job und komme ab und zu, um zu helfen.
Das Gespräch mit Melanie Krauss wirft für eine Stunde ein helles Licht auf die Menschen, die normalerweise im Schatten leben und von uns allen meist übersehen werden. Es macht Mut, das nächste Mal nicht wegzusehen oder verschämt Geld in den Becher zu werfen, sondern vielleicht auch ein Gespräch zu beginnen. Die „Freunde der Straße“ machen vor, wie es geht.
