Wie das Kölnische Stadtmuseum neue Räume für Dialog und Stadtgeschichte schafft

Wie kann das gelingen? Wir hatten die Möglichkeit, darüber mit Dr. Matthias Hamann zu sprechen, der seit 2023 das Kölnische Stadtmuseum leitet.

Nach einer langen, umbaubedingten Schließung wurde das neue Stadtmuseum 2024 in der Kölner Innenstadt wiedereröffnet: Zukunftsgerichtet, interaktiv und bunt, aber auch auf deutlich kleinerer Fläche präsentiert das Museum die Geschichte der Domstadt. Hamann ist mit der Entwicklung seit Eröffnung zufrieden: „Die Besucherzahlen sind sehr gut, das Haus erfährt großen Zuspruch. Das ist nicht selbstverständlich, denn unsere aktuellen Räumlichkeiten bieten wenig Raum für Wachstum durch Sonderausstellungen oder größere Aktionen.“

Sieben Jahre Schließung als Chance für neue Formate

Die siebenjährige Schließungsphase nutzte das Museum intensiv, um digitale Formate und neues Storytelling auszubauen. Für Dr. Hamann steht dabei vor allem ein Gedanke im Mittelpunkt: Vernetzung.

„Ein Stadtmuseum umfasst alle denkbaren Themen einer Stadt. Damit hat es beinahe unbegrenzte Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen und unterschiedlichste Gruppierungen in den Blick zu nehmen.“

Das Museum versteht sich dabei zunehmend als offener Ort der Begegnung: „Wir erhalten eine Reihe von Veranstaltungsanfragen. Zum Beispiel vom Frauennetzwerk, vom Büro des Oberbürgermeisters oder aus der freien Kulturszene. Außerdem bieten wir in unserem Open Space Raum für Lesungen, Konzerte oder Gespräche. Das wird von den verschiedensten Gruppierungen genutzt, und so soll es aus meiner Sicht auch sein. Das Stadtmuseum ist wie kein anderes Museum ein Ort für alle.”

Das Museum als Plattform für gesellschaftlichen Dialog

Der Netzwerkgedanke prägt die Arbeit von Dr. Hamann seit vielen Jahren. Bereits als Direktor des Museumsdienstes Köln war es ihm wichtig, Brücken zwischen den einzelnen Häusern zu schaffen und unterschiedliche Zielgruppen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Das Kölnische Stadtmuseum sieht er dafür als ideale Plattform: „Das Stadtmuseum der Zukunft ist nicht nur ein Haus, sondern vielmehr ein Verhandlungsraum.“

In einem 2024 erschienenen Aufsatz* beschreibt Dr. Hamann die heutige gesellschaftliche Situation mit dem Begriff „VUKA“ – eine Abkürzung für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Diese Faktoren bestimmten derzeit die Weltlage und führten zu einer sehr angespannten gesellschaftlichen Stimmung, die zu Polarisierungen neige. Das Museum wolle deshalb Räume für konstruktiven Austausch schaffen:

„Wir möchten als Stadtmuseum zum Dialog vor dem Hintergrund gemeinsamer Geschichte ermuntern. Dabei geht es nicht darum, Gegensätze zu verneinen, sondern destruktiven Social-Media-Kriegen einen konstruktiven Austausch entgegenzusetzen.“

Stadtgeschichte endet nicht an den Museumswänden

Für Dr. Hamann reicht die Aufgabe eines Stadtmuseums weit über das eigentliche Museums-Gebäude hinaus. Sonderausstellungen an externen Orten seien zwar zunächst aus räumlicher Notwendigkeit entstanden, inzwischen verstehe er diesen Ansatz jedoch als zukunftsweisendes Konzept, „mit dem Museum nicht nur die eigene Fläche, sondern auch städtische Räume zu bespielen.

Entsprechend hat Dr. Hamann sich dafür eingesetzt, die Via Culturalis Köln und den Tag des offenen Denkmals für Köln unter der Federführung des Kölnischen Stadtmuseums zu integrieren:

„Wir versuchen, das Kölnische Stadtmuseum stärker als Plattform zu interpretieren, nicht nur als Gebäude mit einer Ausstellung. Deshalb denken wir virtuell und analog in unterschiedlichsten Formaten.

Dazu gehören auch Stadtführungen rund um das Antoniterquartier, in dem sich das Museum heute befindet. „Allein rund um den Standort des Museums finden sich so viele stadtgeschichtlich relevante Orte und Bauwerke, dass wir als Kölnisches Stadtmuseum nicht einfach daran vorbeiarbeiten können.“

Neue Zugänge zur Stadtgeschichte

Eine der kommenden Aufgaben sieht Dr. Hamann darin, bedeutende Kölner Persönlichkeiten im Stadtbild sichtbarer zu machen – etwa Karl Marx, Heinrich Böll oder auch Ferdinand Franz Wallraf, dem das erste Museum in Köln zu verdanken ist.

Auf die Frage, inwieweit KI und Digitalisierung hier unterstützen, antwortet er:

Digitales Storytelling ist für uns unverzichtbar und eröffnet hervorragende neue Möglichkeiten. Historische Objekte lassen sich virtuell in das heutige Stadtbild einfügen. Natürlich müssen wir als zukunftsorientiertes Museum solche Potenziale mitdenken.“

Auch bei der Arbeit mit der umfangreichen Sammlung des Museums könnten KI-Technologien künftig unterstützen. Zwischen 450.000 und 480.000 Objekte gehören zum Bestand – darunter Fotografien, Münzen und zahlreiche historische Dokumente zu 2.000 Jahren Stadtgeschichte.

Die Bestimmung, Katalogisierung, Dokumentation und Digitalisierung dieser Objekte könnten – so die Hoffnung von Dr. Hamann – mit KI deutlich effizienter werden als bislang. Eine riesige Chance, die umfangreiche Sammlung noch einfacher sichtbar zu machen und zu nutzen.

Geschichte als Orientierung für die Gegenwart

Für Dr. Hamann soll das Museum künftig noch stärker aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen und historisch einordnen.

„Wir hatten zum Beispiel zur UEFA EURO 2024 das Thema „Migrantischer Fußball“ gesetzt und hier mit den Fußballvereinen der Stadt kooperiert. Auch in den Lokalteilen des Kölner Stadtanzeigers und der Kölnischen Rundschau hatten wir eine Serie, in der wir verschiedene Sammlungsobjekte vorgestellt haben. Für diese Kooperationen müssen wir themenbezogen schnell und effizient die passenden Stücke aus der Sammlung identifizieren.“

Die Vision von Dr. Hamann ist klar: Als historisches „Gedächtnis der Stadt“ möchte er die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die die Stadt seit Jahrtausenden prägen, miteinander vernetzen, aktiv auf aktuelle Entwicklungen und Trends Bezug nehmen und helfen, diese aus historischer Sicht einzuordnen:

„Wir möchten die geistige Rüstkammer der Stadt sein und Menschen befähigen, Themen in toleranter Art und Weise miteinander auszuhandeln – vielleicht auch mit dem Blick zurück, um besser zu verstehen, wann Entwicklungen schieflaufen oder kippen.“

So versteht sich das Kölnische Stadtmuseum heute nicht mehr nur als Ort der Erinnerung, sondern zunehmend als aktiver Raum für Austausch, Orientierung und gesellschaftlichen Dialog.

Info

Dr. Matthias Hamann, „Stadtmuseum der Zukunft. Zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und institutionellen Notwendigkeiten“, Gerhart Baum (Hg.), Vorsorge über die Zukunft von Museen, Wienand Verlag, 2024.