Das seit 28. Juni 2025 in Kraft getretene Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) hat die Diskussion um mehr Barrierefreiheit neu entfacht. Doch was bedeutet Barrierefreiheit wirklich, wie lässt sie sich auch in der digitalen Kommunikation umsetzen? Darüber habe ich mit Sophia Goldhammer von der Agentur für Barrierefreiheit gesprochen. Kennengelernt haben wir uns auf der rp24, für die Sophia gemeinsam mit weiteren engagierten Menschen den Aktionsstand „re:publica goes accessible“ auf die Beine gestellt hatte. Mit ihrem inklusiven Agenturteam setzt sich Sophia aktiv für Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen ein – physisch, digital und kommunikativ.
Barrierefreiheit ist kein Nischenthema
Barrierefreiheit wird häufig als ein Nischenthema für Menschen mit Behinderung angesehen, aber das greift aus Sicht der Agenturgründerin zu kurz: „Barrierefreiheit betrifft nicht nur Menschen mit offensichtlichen Behinderungen, sondern auch jene, die altersbedingt Einschränkungen haben, die Sprache möglicherweise nicht sprechen oder schlichtweg keine technischen Expert*innen sind. Es geht darum, dass jeder die gleichen Chancen hat, am gesellschaftlichen und digitalen Leben teilzunehmen.“
Diese Perspektive verändert den Blick auch auf die digitale Barrierefreiheit erheblich. Es geht nicht darum, ein „Extra“ zu schaffen, sondern die digitale Welt so zu gestalten, dass sie zugänglich und nutzbar für alle ist. Und das gilt auch für soziale Medien, die oft übersehen werden, wenn es um das Thema geht. Sophia erklärt: „Gerade in den sozialen Netzwerken, die sich stark auf Visuelles stützen, werden Menschen mit Sehbehinderungen oft ausgeschlossen, weil grundlegende Funktionen wie Alt-Text oder Untertitel fehlen bzw. nur optional sind. Dies führt dazu, dass wichtige Informationen und Interaktionen für einige Nutzerinnen und Nutzer unerreichbar bleiben.“
Barrieren in der digitalen Kommunikation: Mehr als nur Technik
Barrieren bei der Webentwicklung können in vielerlei Hinsicht auftreten. Eine klare Struktur und lesbare, verständliche Texte sind essenziell, doch genau das wird oft vernachlässigt. „Die meisten Menschen denken bei Barrierefreiheit immer noch an Rollstuhlrampen. Aber im digitalen Raum sind die Barrieren oft viel subtiler und deshalb auch schwerer zu erkennen. Wie viele Menschen wissen zum Beispiel, wie sie den Kontrast auf ihrem Browser erhöhen? Meine Eltern hätten Schwierigkeiten damit“, erzählt Sophia und bringt damit eine alltägliche Herausforderung auf den Punkt.
Ein weiteres Problem sei, dass viele Unternehmen zwar theoretisch barrierefreie Lösungen anstreben, diese aber nicht in der Grundstruktur ihrer digitalen Angebote berücksichtigen: „Es reicht nicht, ein Plugin oder Overlay zu installieren, das Schriftgrößen und Farben ändert. Diese Lösungen versprechen Barrierefreiheit, schaffen sie aber nur bedingt. Barrierefreiheit muss von Grund auf mitgedacht werden, und das betrifft die Struktur, den Inhalt und das Design gleichermaßen.“
Was viele an einer konsequenten Umsetzung abschreckt ist, dass Barrierefreiheit oft als zu komplex oder kostspielig angesehen wird. „Aber das Gegenteil ist der Fall. Barrierefreiheit macht das Leben für alle einfacher – nicht nur für Menschen mit Behinderung. Nehmen wir erneut das Beispiel Kontraste: Ein guter Kontrast macht es nicht nur Menschen mit Sehbehinderung leichter, sondern auch Menschen, die müde sind oder denen gerade die Sonne aufs Display ihres Smartphones scheint, auf dem sie etwas lesen möchten“, so Sophia.
Digitale Barrierefreiheit: Ein langer Weg
Im Bereich der digitalen Kommunikation hinkt Deutschland noch weit hinterher und das insbesondere bei öffentlichen Einrichtungen, findet Sophia: „Selbst Seiten von diesen Institutionen sind oft nicht vollständig barrierefrei. Viele erfüllen die Grundvoraussetzungen nicht, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet wären.“ Aus Sophias Sicht eines der größten Missverständnisse in der Barrierefreiheitsdebatte: „Oft wird übersehen, dass Menschen mit Behinderung keineswegs eine homogene Gruppe bilden. Es gibt unzählige Arten von Behinderungen – von Seh- und Hörbehinderungen über kognitive Einschränkungen bis hin zu Menschen, die schlichtweg ein älteres Gerät oder eine langsame Internetverbindung haben.“

Die Gründungsperson der in Leipzig ansässigen Agentur teilt ihre Erfahrung aus der Praxis: „Als Agentur für Barrierefreiheit arbeiten wir eng mit Expert*innen zusammen, die aus erster Hand wissen, wie Barrieren in der digitalen Welt aussehen. Und das Feedback ist oft ernüchternd. Selbst große Plattformen wie LinkedIn werben damit, dass sie barrierefrei seien, aber die Realität sieht anders aus. Unsere blinden Teammitglieder sagen häufig, dass LinkedIn für sie schwer zu navigieren ist. Das zeigt, dass es nicht reicht, Barrierefreiheit als Marketing-Tool zu nutzen – es muss wirklich in die DNA einer Plattform integriert sein.“
Social Media und Barrierefreiheit: Noch viel Luft nach oben
Im Bereich der sozialen Medien gibt es zwar Fortschritte, aber noch lange keinen Durchbruch. „Plattformen wie Instagram bieten mittlerweile die Möglichkeit, Untertitel automatisch zu generieren oder Alt-Texte für Bilder einzufügen. Das ist ein guter Schritt, aber oft bleiben diese Funktionen optional. Was wir brauchen, ist eine grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie Plattformen aufgebaut sind“, findet Sophia.
Ein zentrales Problem, das Sophia außerdem hervorhebt: Viele Social-Media-Inhalte setzen auf schnelle Reize und visuelle Überflutung. „Wir leben in einer Welt, die von schnellen Informationen und visuellen Impulsen geprägt ist, aber diese Designsprache benachteiligt viele Nutzer*innen. Lange Sätze, überladene visuelle Elemente, krasse Farbwelten oder fehlende Untertitel sind nicht nur für Menschen mit Behinderung problematisch – sie erschweren es allen, sich auf den wesentlichen Inhalt zu konzentrieren und Informationen effizient zu verarbeiten.“
Hier könnte Barrierefreiheit tatsächlich zu einer Verbesserung des Gesamterlebnisses führen: „Wenn wir Inhalte so gestalten, dass sie auch für Menschen mit Behinderung zugänglich sind, profitieren am Ende alle davon. Kurze, klare Sätze, eine gut strukturierte visuelle Darstellung und verständliche Sprache sind keine Einschränkung, sondern eine Verbesserung.“
Weniger kreative Freiheit zugunsten von Barrierefreiheit?
Da stellt sich mir die Frage: Muss der kreative Ausdruck leiden, um barrierefreie Inhalte zu schaffen? Sophia versteht meinen Konflikt, betont aber, dass es nicht darum geht, Kreativität zu opfern, sondern die richtigen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen. „Soziale Medien sind zwar Plattformen für Kreativität und Selbstausdruck, aber es fehlt an den nötigen Tools, um sicherzustellen, dass diese Inhalte auch barrierefrei zugänglich sind.“ Plattformbetreiber sollten mehr Funktionen für Barrierefreiheit anbieten. „Content Creators, vor allem im Influencer-Bereich, sehen Barrierefreiheit noch nicht als integralen Bestandteil ihrer Kreativstrategie. Das liegt vor allem daran, dass die Plattformen selbst noch nicht genug dafür tun, diese Praktiken zu fördern.“
Eine stärkere Integration von barrierefreien Funktionen – wie automatische Untertitel, Kontrast-Optionen oder einfache Texterklärungen – und deren bewusste Förderung durch die Plattformbetreiber könnten einen entscheidenden Unterschied machen. So ließen sich kreative Inhalte weiterhin bunt und vielfältig gestalten, ohne dass jemand ausgeschlossen wird.
Barrierefreiheit ist Gemeinschaftsarbeit
Für Sophia ist es wichtig zu betonen, dass Barrierefreiheit keine Einbahnstraße ist. „Wir arbeiten eng mit verschiedenen Communities zusammen, um sicherzustellen, dass wir die Bedürfnisse der Nutzerinnen verstehen und umsetzen. Es reicht nicht, dass wir uns als Expert*innen verstehen. Wir müssen die Menschen, die von unseren Angeboten profitieren sollen, aktiv einbeziehen. Nur so können wir Barrierefreiheit wirklich gestalten.“
Ein Beispiel für diesen Ansatz ist ein Projekt der Agentur, bei dem ein neues Corporate Design für ein Museum entwickelt wird. „Wir sind von Anfang an involviert und helfen dem Designteam dabei, die Barrierefreiheit von Farben, Schriften und Logos sicherzustellen. Wir diktieren nichts, sondern arbeiten gemeinsam an einer Lösung, die für alle funktioniert. Es geht darum, das Produkt zu verbessern – nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern für alle.“
Chancen für eine insgesamt bessere Kommunikation
Barrierefreiheit ist kein „Nice-to-have“, sondern ein „Must-have“, das allen zugutekommt. „Wir haben in unserer Arbeit immer wieder gesehen, dass eine barrierefreie Gestaltung von Websites und Kommunikationsmitteln die Nutzererfahrung insgesamt verbessert. Wenn wir es schaffen, Barrieren für Menschen mit Behinderung zu entfernen, schaffen wir gleichzeitig eine klarere, einfachere und bessere Kommunikation für alle“, schließt Sophia.
Barrierefreiheit ist also mehr als eine gesetzliche Vorschrift – sie ist eine Chance, digitale Kommunikation grundlegend zu verbessern. Unternehmen, die das erkennen und etablieren, werden nicht nur inklusiver, sie schaffen auch ein besseres Erlebnis für alle Kundinnen und Kunden. Für Menschen, die mit Einkaufstüten in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand dieses bedienen wollen. Für Menschen, die sich Digitalisierung aneignen müssen. Für Menschen mit anderen Muttersprachen. Für Menschen, die aufgrund von Stress, Verantwortung, Zeitmangel oder Überreizung auf präzise und einfache Informationen angewiesen sind. Oder auch für all jene, die bei Sonnenschein auf ihrem Smartphone lesen möchten oder im dunklen Club auf dem Handy schnell etwas nachschauen wollen.
