Der 28. Juni ist ein heißer Tag hier in Köln. Gemeinsam mit meinem Kollegen Philipp mache ich mich mit der Straßenbahn auf den Weg zur Lagerhalle des deutsch-ukrainischen Vereins Blau-Gelbes Kreuz in Köln-Zollstock/Raderberg. Von der Haltestelle aus sind es etwa zehn Gehminuten bis dorthin. Wir unterhalten uns über den Krieg und die Arbeit des Vereins. Ich selbst war schon mal vor Ort, um im Lager zu helfen. Leider gab es an diesem Sonntag im Mai wenig zu tun, weil über das Wochenende kaum Spendengüter im Lager angekommen waren. Aber genauso gestaltet sich die Arbeit der ehrenamtlichen Menschen im Verein: Sie wissen heute nicht zwingend, was morgen kommt. Ungewissheit ist das, was ihren Alltag eint mit dem von den Familien und Freunden zurück in ihrer Heimat, der Ukraine.
Begegnung mit den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern
Am Eingang der Halle angekommen stehen wir vor einem kleinen Tisch mit Stühlen, an dem sich ein paar Helfer*innen für eine Pause niedergelassen haben. Sie wirken müde und auch etwas bedrückt, aber das tut der Herzlichkeit, mit der sie uns empfangen und miteinander im Gespräch sind, keinen Abbruch. Und dann kommt auch schon Natalie auf uns zu, mit der ich für diesen Termin im Vorfeld geschrieben hatte, um uns nicht minder herzlich in Empfang zu nehmen. Sie selbst kam in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch mit Sachspenden zur Halle und wollte beim Packen helfen. Schnell wurde ihr klar, dass es hier viel zu tun gab – und geben würde. Aus anfänglichem Aktionismus entstand in den nächsten Wochen nach dem 24. Februar eine strukturierte Gemeinschaft, bei der auch Natalie ihre Aufgabe gefunden hat: „Jeder macht das, was sie oder er am besten kann. Bei mir ist so die Pressearbeit, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit gelandet.“ Eine glückliche Fügung für das Blau-Gelbe Kreuz. Denn Natalie Nothstein ist Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation NANDINI®, die sich mithilfe der digitalen Medien für mehr gesellschaftliches Engagement einsetzt. Natalie unterstützt die Vereinsvorsitzende Linda Mai und ihr Team bei allen Belangen rund um das Thema Außenkommunikation. „Der Verein braucht Aufmerksamkeit, muss sichtbar sein und bleiben, um Hilfe zu bekommen. Woher sonst sollten die Menschen erfahren, was wir tun und wie man uns unterstützen kann – nicht nur was das Ehrenamt angeht, sondern auch hinsichtlich der Spenden, die dringend benötigt werden.“ Dauerhaft in den sozialen Medien und in der Presse präsent zu bleiben sei auch deshalb wichtig, erklärt uns Natalie, weil die Bedarfe sich ständig ändern: „Zu Beginn des Krieges wurden ganz andere Sachen benötigt als jetzt. Nur Hygieneartikel und Babynahrung waren von Anfang wichtig und sind es bis jetzt geblieben.“

Zur Entstehungsgeschichte des Vereins
Dass die Bedürfnisse von Kindern im Verein eine besondere Rolle spielen, passt zur Gründungsgeschichte. Seit 2014 – also nach der international nicht anerkannten Annexion der Krim durch Russland – organisierte man hier unter vielen anderen Hilfsangeboten von 2016-2019 das Projekt „Ferien ohne Krieg“. Ziel war es, den durch die Gefechte in der Ostukraine verletzten oder verwaisten Kindern schöne und ruhige Ferien zu ermöglichen.

Medizinische Unterstützung und Rettungsdienste: zentrale Aspekte der Hilfe
Seit dem 23. Februar realisieren die aktiven Unterstützer*innen vom Blau-Gelben Kreuz nun verschiedenste Maßnahmen, um den Ukrainer*innen in ihrem Land oder auch Geflüchteten hier in Köln Hilfe zu leisten. Über das aktuelle Highlight ihrer Arbeit berichtet glücklich und beseelt die inzwischen zu uns gestoßene Linda Mai: „Wir haben gerade den dritten Krankenwagen bekommen. Zwei haben wir von Spendengeldern bereits kaufen können. Der erste wurde vom Gesundheitsministerium in der Ukraine bei uns angefordert. Den haben wir direkt nach Kiew geschickt – mithilfe von ehrenamtlichen Fahrern einer niederländischen NGO.“
Die Krankenwagen sind bei Weitem noch nicht alles, was der Verein für die medizinische Versorgung der Menschen vor Ort in der Ukraine bereithält. Inzwischen werden neben unterschiedlichen Babyboxen auch spezifische medizinische Notfallpakete geschnürt. Denn, so erzählt uns Natalie, „80 % der Spenden, die wir bekommen, wenden wir auf für Medizin und medizinische Güter. Damit kann man Menschenleben einfach am effektivsten retten. Und Medizin ist sehr, sehr teuer. Bei der Beschaffung werden wir unter anderem hier in Köln von der Regenbogen-Apotheke unterstützt. Zudem muss der Transport gut organisiert werden, sprich, die Güter müssen über vertrauensvolle Wege in die Ukraine gebracht werden.“ Komplette medizinische Notfall-Kits werden im Lager zusammengestellt. Die Inhaltsliste haben Ärzt*innen und Soldat*innen ausgelotet. So kann eine erste medizinische Notfallversorgung durchgeführt werden. „Mit einem von uns gepackten Rescue Backpack können fünf Menschenleben gerettet werden. Da ist dann so was drin wie Medizin oder Medizingüter wie Tourniquets“, so Natalie. Außerdem werden Survival Backpacks gepackt. Die enthalten unter anderem Protein, kalorienreiche Nahrung oder eine Decke.

Herausfordernd: Logistik und Organisation der Hilfstransporte
Um die Transporte zu organisieren, ist ein ausgefeiltes logistisches Vernetzungsgeflecht von Köln aus zu den Menschen und Organisationen vor Ort in der Ukraine wichtig. Einzelheiten dazu möchte uns Natalie nicht verraten, um die Personen, die mit dem Auto oder Transporter die Hilfsgüter aus den 40-Tonnern an den Grenzen abholen und innerhalb der Ukraine weiterbefördern, nicht zu gefährden. „164 Transporte haben wir seit dem 5. März organisiert! Das ist eine ganze Menge. In den beiden Wochen davor haben wir völlig vergessen, diese zu zählen – da haben wir nur gepackt, was ging, und die Wagen schnellstmöglich auf die Reise geschickt. Tatsächlich liegt die Zahl also nochmal höher.“ Einige medizinische Produkte verlangen nach besonderen Transportbedingungen, erklärt uns Natalie weiter: „Medizin, die gekühlt werden muss, können wir nicht einfach mit dem Transporter in die Ukraine fahren. Das dauert viel zu lange. Deswegen sind wir eine Partnerschaft eingegangen mit der Ukraine Air Rescue. Die fliegen unsere Medizin und wir können dank ihnen die Hilfe dann direkt weitergeben.“
[irp posts=“30649″ name=“Weihnachtsgruß 2020: Hinschauen, zuhören und ein Gefühl von Wärme vermitteln“]Auf die Frage, ob Geld- oder Sachspenden sinnvoller seien, antwortet Natalie, dass sich der Verein grundsätzlich über beides freue. „Was gerade an Hilfsgütern gebraucht wird, darüber informieren wir zeitnah und gezielt auf einer Extra-Seite der Homepage. Hinsichtlich Geldspenden kann ich aber sagen, dass wir viele Waren bei den Handelsunternehmen zu vergünstigten Konditionen kaufen können. Der REWE-Konzern hier in Köln ist bei Lebensmittelspenden zum Beispiel eine wirklich große Stütze für uns. Mit Spenden in Form von Geld lassen sich aktuelle Bedarfe einfach gezielter abdecken.“ Textilspenden machen tatsächlich nur Sinn, wenn sie ebenfalls am Bedarf ausgerichtet sind. Gerade gehören dazu Decken, Schlafsäcke, Regenjacken oder aber Isomatten und Luftmatratzen. Um Kleidung für Geflüchtete hier in Köln zu organisieren, hat sich der Verein mit Kleiderkammern der Stadt zusammengetan.
Eine ganze Stunde führt uns Natalie zu den unterschiedlichen Packstationen, erzählt und erklärt mit Inbrunst die Hintergründe zur Arbeit im Lager. Das große Organisationstalent und die Liebe zum durchdachten Detail der Menschen hier vor Ort wird uns in jedem Moment deutlicher. Sie wollen etwas bewegen, und sie bewegen sehr, sehr viel.
Willkommens-Magazin: Unterstützung für Geflüchtete in Köln
Der Verein kümmert sich aber wie erwähnt nicht nur um Hilfslieferungen in die Ukraine. Die inzwischen über 80 aktiven ehrenamtlichen Vereinsmitglieder sind zudem bemüht um die geflüchteten Menschen, die aus der Ukraine zu uns nach Köln gekommen. So entstand in der ersten Märzwoche gemeinsam mit Redakteur*innen vom Kölner Stadtanzeiger und weiteren Beteiligten der Stadt ein Willkommens-Magazin. Natalie zeigt uns eines der am Eingang ausgelegten Exemplare und erklärt: „Das Magazin haben wir komplett auf Ukrainisch gestaltet und es dann immer in unsere Care-Pakete für Neuankömmlinge gelegt, damit die wissen, wo sie hier angekommen sind. Da stehen wichtige Adressen drin, ein kleines Wörterbuch gehört dazu, der übersetzte KVB- und Stadtplan oder auch Infos zum Dom. Wir haben viel Unterstützung von den Beteiligten erfahren. Inzwischen sind wir bei der dritten Auflage.“
Unterstützung durch Bevölkerung und Unternehmen
Linda Mai zeigt sich sichtlich berührt über das Engagement der Kölnerinnen und Kölner und bestätigt ein lang Gehegtes „Vorurteil“ über die Menschen in unserer Stadt: „Ich glaube, die Kölner haben halt echt das Herz am rechten Fleck. Wenn die irgendwie mitbekommen, sie können auch nur mit einer Kleinigkeit eine große Freude bereiten, dann sind die da sofort mit dabei.“ So wird auch die Halle, in der wir stehen, seit Kriegsbeginn von ihrem hier nicht näher zu benennenden Besitzer dem Verein kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wenige Tage vor unserem Besuch hatte er Linda Mai angeboten, auch nach Ablauf der ursprünglich vorgesehenen Monate die Halle weiter nutzen zu dürfen.
Gemeinschaft als Anker in dieser schweren Zeit
Es ist beeindruckend zu sehen, mit wie viel Liebe, Talent und Ausdauer die Ehrenamtler*innen im Verein ihre Arbeit organisieren – quasi aus dem Nichts heraus, wurden Meilensteine auf den Weg gebracht. Das hinterlässt auch bei uns den Willen, den Verein weiterhin zu unterstützen. Philipp bietet seine Dienste für Foto-Arbeiten an. Ich habe das Glück, etwas näher dran zu wohnen und werde sicherlich erneut im Lager vorbeischauen, um beim Packen zu helfen, oder privat spenden. Und wer weiß, vielleicht wandeln wir unser nächstes Team-Event einfach mal um in einen Tag fürs Ehrenamt beim Blau-Gelben Kreuz. Letzteres haben bereits Unternehmen gemacht und einen erfüllten Tag im Lager verbracht, wie uns Linda berichtet. Für die tapfere, mutige und aktive „Frontfrau“ des Vereins steht fest: „Das Kreuz in unserem Verein steht als Symbol für Gemeinschaft. Und es ist das Zeichen für Hoffnung. Menschen in Not zu unterstützen, wenn Hilfe benötigt wird, das ist uns wichtig. Das ist enorm wichtig für jede Gemeinschaft. Wenn jeder so denkt und ein bisschen gibt, dann kann man ganz, ganz Großes schaffen.“ Den Beweis dafür kann jeder sehen, der hier in der Halle vorbeischaut. Die selbstgemalten Bilder von Kindern aus der Ukraine, die die Ehrenamtlichen Helfer*innen erreichen und auf besondere Weise die Lagerhallen-typischen tristen Wände verschönern, sprechen für sich.

