Zwingt uns KI, das bisherige Bildungssystem zu überdenken?

In einem Facebook-Post von Mirko Lange wurde ich aufmerksam auf eine Video der Tagesschau, das am Wochenende in den sozialen Netzwerken für Aufmerksamkeit sorgte. Thema: »Künstliche Intelligenz als Konkurrent für unsere Kinder«. Genau wie auch Mirko, zeigten sich viele im Netz beeindruckt von den Aussagen des Gründers und Vorstandsvorsitzenden der Alibaba Group, Jack Ma. Mich hat sein Statement auch sehr nachdenklich gemacht. Ich frage mich aber, ob er recht hat.


KI ist kein Gegner, es sei denn, wir machen sie dazu 

Am meisten gestört hat mich der Satz: »Unsere Kinder könnten den Kampf gegen Maschinen verlieren.« Da habe ich mich gefragt: »Welcher Kampf? Wer greift uns denn an? Maschinen? Von wem gebaut?« Es ist dieselbe Konnotation, die auch in Sätzen vorkommt wie »Die Märkte sind beunruhigt über das Wahlergebnis in XYZ« Wer sind denn die Märkte? Müssen wir die Märkte beruhigen? Und überhaupt: Was passiert ansonsten, tuen wir dies nicht?

Sprache ist oft verräterisch, auch in diesen Fällen: Betrachtet man die Aussagen genau, bedeuten sie doch, dass Mensch und Gesellschaft nicht mehr führend sind in der Gestaltung des eigenen Gemeinwesens. Die Wirtschaft hat das Sagen. Sie ist die lenkende Kraft, ihr ordnen wir uns unter. Damit stellen wir unsere grundlegenden Werte und unsere Existenz auf den Kopf. Möglicherweise ist dem so, aber dann müssen wir darüber diskutieren, ob dies wirklich gewollt ist.


Vermittlung von Fach- und Sachwissen bleibt wichtig

Aus meiner Sicht sollte die Ausrichtung des Bildungsangebots für unsere Kinder primär weder von den Entwicklungen der Technologie noch von den Anforderungen der Wirtschaft abhängen. Es ist vielmehr die Frage, welche Bildungsgrundlagen wir politisch, gesellschaftlich definieren. Dies gilt für Schule ebenso wie für Universitäten. Nicht umsonst versuchen wir nachdrücklich, zumindest öffentliche Bildungseinrichtungen von den Einflüssen der Wirtschaft freizuhalten. Das hat Sinn, das will die Gesellschaft so, um eine Unabhängigkeit der Lehre sicherzustellen.

Natürlich muss das Bildungssystem in Zeiten der Digitalisierung überdacht werden. Aber auf Sach- und Fachwissen verzichten zu wollen, weil KI das besser können wird, halte ich für einen völligen Fehlschluss. Schauen wir doch mal genauer hin: Schillers Glocke wurde früher doch nicht auswendig gelernt, weil man keine Möglichkeit hatte, das Gedicht zu googlen! Stand es doch in jedem Bücherregal. Man hat es gelernt, weil die Rezitation dieses Gedichts zum Grundkanon der Bildung gehörte. Oder sollte man die Daten von Beginn und Ende des Zweiten Weltkrieges künftig weglassen, weil man die ebenfalls bei Google findet? Wollen wir nicht vielmehr sicherstellen, dass unser Kinder diese Daten im Kopf haben?

Die Definition unserer Bildungsinhalte bestimmt sich nicht an den Zugriffsmöglichkeiten von Automaten, auch nicht an der Konkurrenz durch KI, sondern am gesellschaftlichen Grundverständnis: Wir vermitteln das, was unsere Gesellschaft für eine gebildete Bürgerin bzw. einen gebildeten Bürger als relevant definiert. Dazu gehört der klassische Fächerkanon genauso wie »modernere Themen« – etwa Digitalisierung beziehungsweise Medienkompetenz.

Sicherlich muss Bildung sich stärker entwickeln und auf eine moderne Gesellschaft zugeschnitten werden. Aber nicht, um den Anforderungen der Wirtschaft zu entsprechen, sondern um Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, eine intelligente Debatte darüber zu führen, welche Rolle Wirtschaft und Politik in unserer Gesellschaft spielen soll. Digitalisierung hin oder her. Das für uns relevante System ist nach wie vor der Mensch.

Von |2018-01-29T14:58:35+00:0029. Januar 2018|Kategorien: Digitaler Wandel, Medienkompetenz|Tags: , , , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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