Wie werden wir in Zukunft lesen?

Ohne melancholisch klingen zu wollen, erinnere ich mich sehr gerne an die Zeiten, in denen der Kauf eines neuen Albums der Lieblingsband regelrecht zelebriert wurde. Für das erste Hören plante man gleich einige Stunden ein, um sich den Silberling intensiv zu Gemüte zu führen und dabei aufmerksam die Texte im aufwendig gestalteten Booklet zu lesen. Hinterher wurde die Platte im – natürlich alphabetisch nach Künstlern sortierten – heimischen Plattenregal verstaut.

Nicht zuletzt mit Einführung des ersten iPods vor ziemlich genau zehn Jahren veränderte sich die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, drastisch. Den Gang zum Plattenladen hat ein Klick auf den „Album kaufen“-Button ersetzt, das Plattenregal wurde vom Speicherplatz auf der Festplatte des Computers oder des iPods abgelöst. Zugegebenermaßen möchte ich es aber auch nicht mehr missen, einen Großteil meiner Musiksammlung im Hosentaschenformat einfach so immer verfügbar zu haben.

(Bildquelle: CC-BY pamhule| flickr.com)

Ein ähnlicher Wandel, wie er sich beim Musikkonsum vollzogen hat, wird dem Buchmarkt regelmäßig jedes Jahr aufs Neue pünktlich zur Buchmesse prophezeit. Die Möglichkeit, Bücher in digitaler Form als E-Book zu lesen, ist nicht ganz neu – der große Durchbruch scheint aber (bisher) noch auszubleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Es fehlt der echte Mehrwert des digitalen Lesens. Vor allem das haptische Erlebnis beim Lesen eines gedruckten Buches geht verloren, wenn dieses in digitaler Form auf einem E-Reader vorliegt. Oder haben Sie schon mal versucht, Post-its in Ihr iPad zu kleben oder es zu bekritzeln? Patina und Kaffeeflecken auf Ihrem Kindle würden sich auch eher schlecht machen. Das sind doch genau die Eigenschaften, die den Charme des Leseerlebnisses auf traditionellem, gedrucktem Wege ausmachen. „Ein Leser ist nun mal in einer anderen Welt als ein Browser.“

Und doch gibt es einige Indizien dafür, dass sich die Verlage in absehbarer Zeit auf tiefgreifende Änderungen in der Buchbranche einstellen müssen. Bereits jetzt verkauft Amazon in den USA mehr elektronische als gedruckte Bücher. Hierzulande gestaltet sich die Situation mit einem Anteil der digitalen Bücher von unter einem Prozent am Umsatz des Gesamtmarktes zwar noch etwas anders, aber immer günstiger werdende Lesegeräte und eine weiter steigende Anzahl digital verfügbarer Buchtitel lässt erahnen, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird. Einige Marktbeobachter prophezeien sogar, dass die Endgeräte in absehbarer Zeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Sollten E-Books dann noch von der Buchpreisbindung befreit werden, würde sich eine massive Steigerung der Nachfrage ergeben. Dies könnte den Buchmarkt ähnlich verändern, wie damals die Einführung des iPods.

Neben der sofortigen Verfügbarkeit und Bereitstellung vieler Bücher auf kleinem Raum ergibt sich aus meiner Sicht jedoch einer der vielversprechendsten Vorteile des elektronischen Lesens aus der Verknüpfung mit sozialen Elementen. Das Berliner Startup Readmill zum Beispiel verfolgt mit seiner iPad-App die Idee des „sozialen Lesens“. Anders als herkömmliche E-Book-Reader stellt die App nicht nur den reinen Content digital dar, sondern will es dem Leser ermöglichen, sein Leseerlebnis mit anderen Gleichgesinnten zu teilen. So kann der Nutzer mitteilen, welches Buch er gerade liest, Passagen markieren, die ihm besonders gut gefallen und sehen, was andere Leser über die gleiche Passage denken. Dadurch entsteht aus meiner Sicht ein echter Mehrwert, bei dem man darüber nachdenken könnte, ob es sich nicht doch lohnt, auf die „fühlbaren“ Vorteile des herkömmlichen Buches zu verzichten.

Es bleibt auf jeden Fall spannend, die Entwicklung weiter zu verfolgen. Vielleicht ist es ja demnächst genauso selbstverständlich, mit dem E-Reader am Strand zu liegen und in seinem Lieblingsbuch zu schmökern, wie es heute nicht mehr wegzudenken ist, seine Musik in der Hosentasche mit sich herumzutragen.

Von | 2017-04-28T11:04:31+00:00 15. Dezember 2011|Kategorien: Medienforschung|Tags: , , , , , , , , , , |

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6 Kommentare

  1. Susanne Beckers 15. Dezember 2011 um 11:39 Uhr

    Ich finde den Mehrwert des gemeinsamen Lesens sehr spannend. Für mich persönlich kommt das Ganze aber aus zwei Gründen nicht in Frage:

    1.Erstens ist ein Buch für mich mehr als nur “das Lesen”. Neben der Tatsache, dass ich meine Bücher gerne im Schrank stehen habe und anschaue (wie auch meine Schallplatten ;-) empfinde ich auch ein Buch in der Hand angenehmer als ein elektronisches Gerät.
    2.Diskutiere ich gerne anschließend über Bücher (gerne auch vernetzt), möchte aber mein Leseerlebnis für mich allein haben und unvoreingenommen genießen.

    Insofern können mich hier auch sinkende Kosten auf Dauer nicht vom Vorteil überzeugen. Aber schauen wir mal, vielleicht wird es bei mir dann eine ähnliche Koexistenz geben wie bei der Musik. Du kannst mich ja in 10 Jahren oder so noch mal ansprechen.

  2. Alexa Brandt 16. Dezember 2011 um 11:28 Uhr

    Die heutige Meldung zum Thema: “Amazon nennt erstmals Zahlen: Über 1 Mio Kindle pro Woche verkauft”. Zum Weihnachtsfest 2012 dürften die Reader zu DEN Verkaufartikeln auch unter dem deutschen Weihnachtsbaum gehören. Diese Entwicklung wird sich nicht mehr aufhalten lassen – es dürfte einzig eine Frage der Zeit sein, bis auch der letzte Staub auf Bücherregalen der Vergangenheit angehört – einige wenige Zeitzeugnisse mit Nostalgiefaktor einmal ausgenommen. Womit ja grundsätzlich nicht das Buch an sich stirbt, sondern sich lediglich seine Darreichungsform ändert.

  3. Daniel Plotzki 16. Dezember 2011 um 12:17 Uhr

    Man darf auf jeden Fall gespannt sein! Die zugehörige Meldung ist übrigens hier zu finden.

  4. Claus 18. Dezember 2011 um 13:59 Uhr

    Ich bin Lesemuffel seit früher Kindheit. Kaum ein Buch habe ich freiwillig gelesen. Doch der Kindle hat mir einen neuen, motivierenden Zugang zur Welt des Lesens ermöglicht und jetzt lese ich endlich die Bücher, die ich in den letzten 20 Jahren gekauft und nie gelesen habe.

    Ich denke die gedruckte Fassung eines Buches wird nicht aussterben. Ein besonderes Buch würde ich mir dennoch gerne ins Regal stellen. Für die Zukunft hoffe ich deshalb, dass Käufer der gedruckten Version die digitale dazu bekommen.

  5. Dominik 19. Dezember 2011 um 17:09 Uhr

    Musik und Schrift im Hosentaschenformat machen durchaus Sinn. Ich sehe allerdings noch keine Lösung für die Schnittmenge “Notenschrift”. Da wird sicher noch einige Jahre mit Papier geraschelt und mit Bleistift geteilt. Vielleicht werden in Zukunft ganze Orchester ohne zentnerschwere Notenmappen reisen? Das wäre was!

  6. Daniel 22. Dezember 2011 um 9:04 Uhr

    Es scheinen doch immer mehr auf den Geschmack des elektronischen Lesens zu kommen: Der Kindle zu Weihnachten das meistverkaufte Produkt beim Amazon.

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