Wie viel Nähe schafft das Social Web? Teil 1: Auf persönlicher Ebene

Gestern wurde ich aus meinem Netzwerk gefragt, wie man im Social Web Nähe zu Kunden herstellen könne. Das fand ich eine spannende Frage, nicht nur im Bezug auf Kunden. Daher habe ich mich entschlossen, meine Gedanken in einer zweiteiligen Blog-Reihe festzuhalten. 

 

 

Und? Wie viel Nähe schafft das Social Web?

»Wenn es Dir wirklich schlecht geht, kann Dir niemand auf Facebook die Hand auf die Schulter legen«, sagte vor einigen Jahren Margot Käßmann auf einer Medien-Konferenz und dieser Satz hat mich sehr beeindruckt.

Ich finde, sie hat recht: Virtuelle Kommunikation bleibt in der Regel flüchtig, ist oberflächlich und wenig intensiv. Dabei ist es natürlich ein Unterschied, ob diese virtuelle Kommunikation öffentlich (auf Netzwerkplattformen) oder privat (z. B. im Chat) stattfindet. Wie flüchtig oft gerade öffentliche Beiträge sind, zeigt sich bei Facebook- oder Google+-Diskussionen recht deutlich. Übrigens auch bei der gerade oben erwähnten Diskussion (Frage) zum Thema »Nähe durch Kommunikation im Social Web«, an der ich aufgefordert wurde teilzunehmen.

Wenn man die verschiedenen Kommunikationsformen, die uns zur Verfügung stehen, auf einer Skala der Nähe bzw. Ferne anbringt, dann sähe das wohl so oder so ähnlich aus:

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Grafik: result gmbh
Die Grafik stellt eine skizzenhafte Einordnung der »Nähe« von Kommunikationsmedien dar. Allerdings betrachtet sie nur die Form der Kommunikation, nicht die Qualität der Beziehung. Letztere ist zunächst einmal unabhängig von den Medien, und sie stellt die eigentlich spannende Dimension dar. Was ich damit meine: Im Netz kommunizieren auch solche Menschen »oberflächlich« miteinander, die sich auf Beziehungsebene extrem nah stehen. Ebenso sind dort Menschen vielleicht sogar recht intensiv miteinander im Austausch, die sich nur über dieses Medium – also insgesamt eher flüchtig – kennen.

Die Kommunikation im Netz – so »dünn« sie auch sein mag – zahlt dabei durchaus positiv auf eine Beziehung ein. Personen, die einem von jeher wichtig sind, geraten beispielsweise seit der Erfindung von Facebook nicht mehr aus dem Blick. Man bleibt verbunden und man erfährt mehr von Ihnen als früher durch gelegentliche Telefonate. Möchten diese Freunde oder Verwandten einen intensiven Austausch, dann verabreden sie sich in der Regel persönlich – ganz so wie früher. Die »Oberflächlichkeit« der virtuellen Kommunikation hat somit nicht per se eine negative Auswirkung auf die Art der Beziehung.

Wie aber sieht dann der andere Fall aus? Also der Fall, dass Menschen virtuell kommunizieren, sich aber in der Realität nicht oder kaum kennen? Kann darüber Nähe geschaffen und eine Beziehung aufgebaut werden, die die Qualität einer Freundschaft aufweist? Es gibt eine Reihe von Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. Die Länge der Beziehung beispielsweise, die Intensität und Dauer des Austauschs, die Art der Kommunikationsinhalte, ob es sich um öffentliche oder private Kommunikation handelt, um hier nur einige Einflüsse zu nennen. Dennoch denke ich: Über das Netz lassen sich maximal Bekanntschaften – keine Freundschaften – aufbauen und engere Beziehungen in einem ersten Schritt anbahnen. Hier greift das Käßmann-Zitat: Echte Zuwendung erhält man im Netz nur bedingt.

Aber dies ist etwas, was die (meisten) Nutzerinnen und Nutzer des Internets durchaus verstanden haben. Sie wissen genau, dass für eine bestimmte Nähe der persönliche Kontakt unabdingbar ist. Das spürt man. Und wenn man dann das Bedürfnis danach hat, setzt man es auch entsprechend um und trifft sich ganz real als Netzgemeinschaft – sei es beim Twittwoch, auf einem Barcamp, bei einem InstaWalk oder einfach auch mal bilateral auf einen Kaffee. Online-Beziehung einer gewissen Güte führen fast unweigerlich zu Offline-Aktivitäten. Und das ist wirklich toll.

Schwierig und problematisch wird es nur dann, wenn Internetnutzer Unterschiede zwischen echter Freundschaft und loser Internetbekanntschaft nicht realisieren (können). Dies ist beispielsweise eine Gefahr, die insbesondere Kindern droht. Sie glauben, Freunde gefunden zu haben und vertrauen zu können, wo sie tatsächlich nur mit virtuellen Scheinidentitäten in Kontakt sind. Sie glauben, einen Mensch zu sehen, wo sie genau genommen bloß einen Ausschnitt von einem Menschen sehen können. Auch manche Erwachsene tun sich mit der Unterscheidung schwer. Da es virtuell viel leichter und risikoloser ist, einen Erstkontakt aufzubauen (Thema »Flüchtigkeit«), ist mancher, dem reale Beziehungen schwer fallen, versucht, im Netz Ersatz zu finden. Und das kann dann durchaus gefährlich sein und in Enttäuschung münden. Ich denke aber, auf das Gros der Nutzerinnen und Nutzer trifft das nicht zu. Sie sind offline wie online mit (mehr oder weniger) Beziehungskompetenz ausgestattet und erleben da wie dort die übliche Skala von positiven und negativen Erfahrungen, die zwischenmenschliche Beziehungen halt so mit sich bringen.

Klammerbemerkung: Mancher mag jetzt innerlich widersprechen, weil er an das Phänomen der Netzsolidarität denkt: Menschen helfen Menschen, die sie nicht kennen, nur, weil sie ihre Geschichte im Netz erfahren haben. Dies ist allerdings ein anderes (spannendes) Phänomen, was sich für mich nicht auf eine konkrete Beziehungsebene sondern auf Empathie bezieht.

Insgesamt gilt meiner Ansicht nach: Das Social Web ist eine Kommunikationsplattform, die Kontakte ermöglicht, wo sie real nicht möglich sind. Nähe kann man auf diesen Plattformen situativ sicherlich erleben, Nähe schaffen kann das Web (allein) nicht. (Und wenn man einen Menschen ausschließlich virtuell kennt, dann sollte man sich den Titel eines Kinderbuches meines Sohnes in Erinnerung rufen: »Ich kenn Dich nicht, ich geh nicht mit! «)

In Teil 2 dieser Beitrag-Serie werde ich auf das Thema »Wie viel Nähe schafft das Social Web?« im Hinblick auf die Kommunikation von Unternehmen näher eingehen.

By | 2015-07-15T13:59:54+00:00 25. September 2014|Categories: Allgemein, Neue Medien, Social Media, Social Web|Tags: |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. […] Frage beantwortete Sabine Hass freundlicherweise und äußerst ausführlich in 2 Kommentaren. Teil 1 und Teil 2. In Teil 2, in dem sie auf die Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen eingeht, bringt […]

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