Wie verändert das Web 2.0 die Gesellschaft?

Ich bin am 6. Mai 2008 bei einer Tagung der Aktion Mensch zu einem Workshop mit dem Thema “Fragmentierung, Vielfalt, Mash-up: Wie verändert das Web 2.0 die Gesellschaft?” eingeladen. In diesem Zusammenhang bin ich gebeten worden, drei Thesen zu formulieren.

These 1: Das Medium Internet wird zu einem sozialen Interaktionsraum.

Web 2.0 bedeutet, dass das Netz nicht mehr nur als Medium zum Abrufen von Dateien genutzt wird, sondern dass Nutzer das Netz verwenden, um Inhalte selber zu gestalten und im Internet öffentlich zu kommunizieren.

Dabei stellen sie entweder selbst produzierte oder aus anderen Quellen stammende Texte, Fotos und Videos ins Netz, verbreiten diese Inhalte weiter, sie kommentieren und diskutieren. Nutzer präsentieren ihre Person auf Profilseiten, suchen und halten Kontakte zu anderen Nutzern und vieles mehr.

Gleichzeitig gelangen immer mehr Inhalte aus den klassischen Massenmedien (TV, Radio, Video-DVD, Musik-CD etc.) ins Netz.

Über die Möglichkeiten des Web 2.0 werden alle diese Inhalte für jedermann unmittelbar kommunikativ anschlussfähig. Das bedeutet, dass die Unterscheidung zwischen Massenkommunikation und Individualkommunikation für das Internet irrelevant wird: Individuelle Nutzer kommunizieren nicht nur über massenmediale Inhalte, sondern auch mit massenmedialen Inhalten.

Anschauliches Beispiel aus dem Bereich der Musik ist ein Internetangebot wie Last.fm. Hier übermitteln die User, was sie gerade über das Internet, mp3s oder CDs an Musik hören an eine Datenbank. Musikstücke und Künstler können verschlagwortet werden, Künstlerbiographien getextet und verändert werden, Fotos und Videos hochgeladen und Konzerttermine eingetragen werden. Auf diese Weise kann man nicht nur mitteilen, welche Musik einem gefällt, sondern auch über das öffentliche Nutzungsverhalten anderer Hörer nach ähnlicher Musik suchen, sich die Lieblingslieder anderer anhören, Kontakte aufnehmen und sich über Künstler und Genres informieren.

Auf mittlere Sicht wird diese Entwicklung dazu führen, dass die derzeitigen One-to-Many-Massenmedien wie TV, Radio, CD und DVD im Internet aufgehen werden – mit den oben beschriebenen Möglichkeiten der Mitgestaltung und Kommunikation.

These 2: Raum und Zeit verlieren bei gesellschaftlicher Interaktion an Bedeutung.

Im Internet sind mediale Inhalte theoretisch jederzeit und überall abrufbar. (Ein schönes Bild dafür ist die Vorstellung, dass an allen Kinos der Welt folgendes Programm angeschlagen wäre: ‚Heute: Jeder Film, den es gibt. Wann immer Sie wollen’).

Auch die kommunikativen Prozesse im Web 2.0 (Schreiben und lesen in Weblogs, Austausch in Sozialen Netzwerken, Verbreiten und Austauschen medialer Inhalte in Text, Ton oder Bild etc.) sind ortsungebunden und asynchron. Weder müssen die Teilnehmer von Kommunikation am gleichen Ort sein, noch müssen sie zur gleichen Zeit an der Kommunikation teilhaben.

Deshalb haben bei sozialen Prozessen in Zukunft räumliche Entfernungen wie unterschiedliche Wohnorte oder Gleichzeitigkeit von Kommunikation eine schwindende Bedeutung.

Die Verschiebung verläuft zugunsten von inhaltlichen Aspekten. Im datenbankgestützten Internet ist Kommunikation stärker nach gemeinsamen Interessen als nach dem das zufälligen Aufeinandertreffen von Individuen geleitet.

Die Identität der Kommunizierenden im Web 2.0 ist weniger durch Wohn- und Lebensumfeld, Herkunft und körperliche Attribute geprägt als vielmehr durch das digitale Abbild ihrer Kommunikationen.

These 3: Das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit verschiebt sich.

Im Web 2.0 wird ein breites Spektrum bislang privater Kommunikationsprozesse öffentlich: Über Weblogs und Wikis, in sozialen Netzwerken (wie StudiVZ, Facebook, MySpace oder Xing) tauschen sich Nutzer öffentlich mit Freunden, Bekannten, Kollegen oder Wildfremden aus.

Persönliche Themen und Informationen werden dabei gleichsam massenmedial für jedermann verfügbar. Individuelle Kommunikationsäußerungen können direkt zu einem Teil gesamtgesellschaftlicher Kommunikation werden.

Die digitale Sozialisierung von Menschen, die mit dem Web 2.0 aufwachsen und die Macht der Möglichkeiten dieses Mediums werden dazu führen, dass es in Zukunft üblich sein wird, dass Menschen eine mit ihrer realen Person verbundene Repräsentation im Netz haben werden, die dort öffentlich agiert. So wie es heute selbstverständlich ist, dass ein Unternehmen oder eine Organisation eine Website unterhält (und man sich über die Ausnahmen wundert, wo das nicht der Fall ist), werden in Zukunft die meisten Menschen im Internet sozial agieren – indem sie Beschreibungen über sich selbst veröffentlichen, mit anderen Nutzern kommunizieren, Inhalte kommentieren, Informationen über ihr Mediennutzungsverhalten zur Verfügung stellen und vieles mehr.

Der Effekt wird sein, dass viele Kommunikationsinhalte und Informationen, die heute als privat gelten, in Zukunft öffentlich sein werden. (Gutes Beispiel für das technologiegetriebene Schmelzen des Privaten ist die Verbreitung von Mobiltelefonen und das gleichzeitige Verschwinden von Privatheit schützenden Telefonzellen.)

Wer sich an diesen digitalen Kommunikationsprozessen nicht beteiligen will oder kann, wird sich in Zukunft zunehmend sozial isolieren.

Schlussfolgerungen

Neben der Schaffung passender rechtlicher Rahmenbedingungen (Urheberecht, Datenschutz etc.) gilt es, allen Bürgern die Teilhabe an diesem Medium zu ermöglichen. Dazu gehören der technische Zugang, die Handhabbarkeit der Technik und die Vermittlung der notwendigen Medienkompetenz, um mit den Möglichkeiten des Mediums adäquat umgehen zu können.

Von | 2008-04-23T13:51:18+00:00 23. April 2008|Kategorien: Internet|Tags: , , , |

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6 Kommentare

  1. Per 27. April 2008 um 7:26 Uhr
  2. […] « Wie verändert das Web 2.0 die Gesellschaft? […]

  3. […] dann auf nicht dafür vorgesehene standorte ? wenn die nicht vorgesorgt haben sind sie selbst schuld ! sie verachten rentner nicht weniger als ich nervende punks !!! was beschweren sie sich ?! sie […]

  4. […] einem Workshop zum Thema “Wie verändert das Web 2.0 die Gesellschaft?” mitwirken. Meine Thesen dazu sind, dass das Internet immer mehr zu einem sozialen Interaktionsraum wird, dass Raum und […]

  5. […] finden dank Web 2.0 laut diesem Blogeintrag bisher private Kommunikationsprozesse plötzlich öffentlich statt. Es findet über Weblogs, Wikis […]

  6. […] by admin on 06 Jun 2008 at 05:03 am | Tagged as: Allgemein gesellschaftls, ich versuche Dir ledglich argumentativ Dein Unwissen > vorzuführen. Got fooled, did not realize it. > […]

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