Wie der veränderte Medienkonsum uns beispielhaft die Zukunft weist

Wie gut erinnere ich mich noch an die Studien zur Einführung von Pay-TV. Was haben die deutschen Sendeanstalten damals gekämpft. »Bezahlfernsehen? Niemals! Was soll das kosten? 20 DM im Monat? Ich zahle doch schon Rundfunkbeitrag. Bin ich verrückt?«, so oder ähnlich lauteten die mehrheitlichen Äußerungen Anfang der 90er-Jahre. Premiere kämpfte damals noch um jeden Kunden. Heute, keine 15 Jahre später, lässt sich feststellen: Medieninhalte gegen Bezahlung sind für uns kein Problem mehr, überhaupt keine Diskussion!

Tatsächlich gibt es nur noch wenige Haushalte, die nicht in irgendeiner Form zusätzlich zum »normalen« Fernsehen Medieninhalte hinzukaufen oder abonniert haben. Allein Pay-TV nutzten hierzulande im Jahr 2014 insgesamt 11,7 Millionen Menschen. Und darüber hinaus zahlten sie: Abokosten für Internetflat, für Musikkanäle, Online-Spiele, Video-on-Demand etc. Natürlich fallen auch Kosten weg. CDs werden immer seltener gekauft, Videotheken weniger besucht. Dennoch: Die Selbstverständlichkeit, mit der Nutzerinnen und Nutzer inzwischen feste Monatsbeträge zahlen, um »on demand« auf Medieninhalte zuzugreifen, stellt einen grundlegenden Wandel dar. Und das Ende der Fahnenstange ist sicherlich noch nicht erreicht.

Das durchschnittliche Medienbudget: zwei Beispiele

Um diesen Wandel deutlich zu machen, sollte man sich einmal ein oder zwei Familien aus dem Bekanntenkreis anschauen oder das eigene Budget zusammenrechnen. Hier meine zwei Beispiele:

Familie 1 (4 Personen):
Internet ländlicher Raum: LTE 40 Euro/Monat
Spotify 3 Mitglieder: 20 Euro/Monat
AppleTV inkl. 2 Serien/Filmen pro Woche: 20 Euro/Monat
Apps/Spiele: ca. 5 Euro/Monat
Mobiles Internet auf 3 Endgeräten: 40 Euro/Monat
Gesamtkosten pro Monat: 125 Euro

Hinzu kommen noch die klassischen Medienangebote wie Bücher (50 Euro pro Monat), ein Zeitungsabo (40 Euro/Monat) sowie Hörspiele/Musik/Filme auf CD oder DVD (10 Euro pro Monat). Ja, und dann ist da noch der Rundfunkbeitrag, der Monat für Monat mit 17,50 Euro zu Buche schlägt.

Familie 2 (2 Personen):

Internet Kabel inkl. HD Comfort 50 Euro/Monat
Netflix 10 Euro/Monat
Spotify 1 Mitglied 10 Euro/Monat
In App-Käufe 10 Euro/Monat
Mobiles Internet auf 2 Endgeräten 30 Euro/Monat

Auch hier ergibt sich ohne Bücher/Zeitungsabo und Rundfunkbeitrag bereits ein monatlicher Betrag von 110 Euro.

Sicherlich: Es gibt noch genügend Haushalte, die mit weniger Medienbudget auskommen beziehungsweise auskommen müssen. Aber in meinen zwei nicht sonderlich untypischen Beispielen liegt das monatliche Aufkommen für Medien- und Internetnutzung bei immerhin knapp 150 Euro (inklusive Rundfunkbeitrag). Das wäre vor fünf bis zehn Jahren noch undenkbar gewesen.

Diese Entwicklung zeigt aus meiner Sicht, dass sich die Mediennutzung endgültig und unumkehrbar verändert hat und die Bereitschaft, für virtuelle Güter Geld auszugeben, ohne anschließend irgendeine Art von Hardware im Schrank zu haben, kontinuierlich ansteigt. Immer mehr Menschen haben nicht mehr das Bedürfnis, eine CD (oder auch ein Buch) zu »besitzen«. Das Überangebot an Medieninhalten und Unterhaltung ermöglicht es, immer wieder auf Neues zuzugreifen. Man muss Musik, Filme oder Spiele nicht mehr im Schrank sammeln, wenn sie online jederzeit abrufbar sind.

Veränderter Medienkonsums beispielhaft für weitere Entwicklung

Natürlich hat das auch weitergehende Implikationen:

  1. Always on
    Wenn ein großer Teil von dem, was früher im eigenen Schrank stand, nun online ist, möchte man sowohl zu Hause als auch unterwegs online sein können. Dieser Bedarf ist so groß, dass man dafür gerne in eine mobile Internetflat investiert. Offline-Sein wird als Nicht-Vollständig-Sein erlebt. Der virtuelle Lebensraum soll sich genauso nahtlos um uns herum gestalten wie der reale.
  1. Lineare Angebot reichen nicht mehr
    Die Vielfalt im verfügbaren Angebot sorgt dafür, dass Nutzerinnen und Nutzer sich mit dem linearen Angebot nicht mehr ausreichend versorgt fühlen. Sie möchten TV und Radio durch das On-Demand-Angebot ergänzen, um ein optimales Unterhaltungsangebot zu haben. Bedarf besteht vor allem an Musik nach eigenem Interesse, Fußball-/Sport-Übertragungen oder aktuellen Serien. Der Tagesablauf wird nicht mehr durch die Medien determiniert. Das Abendessen muss nicht mehr vor der Tagesschau abgeschlossen sein. Stattdessen wird der Medienkonsum individuell an den Tagesablauf angepasst und gestaltet. Die entstehende Heterogenität lässt die Schnittmengen gemeinsamer Mediennutzungserfahrungen deutlich geringer werden.
  1. Was im Digitalen möglich ist, soll auch im Realen möglich sein
    Erwartungen nach passgenauen Produkten, passgenauer Beratung, passgenauer Aufbereitung von Informationen, passgenauen Lieferzeiten und Serviceangeboten etabliert sich nicht nur im Bezug auf die Medienangebote. Auch in allen übrigen Lebenssituationen ist man weniger tolerant und kompromissbereit. Dies trifft alle Branchen mit rasanter Geschwindigkeit und wird sowohl Ärzte zwingen, besser auf ihre Patienten einzugehen, als auch die Industrie, individuelle Produkte statt Fließbandware zu produzieren.

Wir stehen erst am Anfang einer rasanten Entwicklung und die Veränderungen sind vielfältig. Wenn die Abschaffung des Bargeldes Wirklichkeit wird, Industrie 4.0 jede Variante eines jeden Produkts produzierbar macht, die Smartwatch am Arm Standard ist… die Zukunft ist bereits ganz nah.

Von | 2016-06-07T16:23:11+00:00 7. Juni 2016|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Fernsehen, Medienforschung, Podcast, Radio, Social TV|

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

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