Was kommt nach dem Bildungsbürger?

Es ist wirklich beunruhigend zu beobachten: Der Bildungsbürger stirbt aus. Wenn man sich das Publikum der klassischen „Bildungsbürger-Medien“ ansieht, dann muss man einen schleichenden Wandel verzeichnen. Der frühere, hoch gebildete Bürger mit einem fest standardisierten Kanon an „Pflichtwissen“ ist kaum noch auffindbar.

Nun kann man sich natürlich frohreden: Das ist der Zeitgeist, das ist nicht schlimm! Schließlich hat auch die Informationsflut enorm zugenommen. Da gibt es nicht mehr allgemeinverbindliche Pflicht-Disziplinen, da interessiert und bildet sich jeder individuell nach seinen Interessen. Heute existiert eben der geigespielende Punk friedlich neben dem theaterinteressierten Architekten oder der an Neue Musik interessierten Fußballerin.

Wenn es nur so einfach wäre! Aber es werden nach längerem Nachdenken doch einige offene Fragen offenbar. Zum Beispiel diese: Was machen Kultur- und Bildungsprogramme, wenn das Repertoire plötzlich derartig vielfältig und spezifisch wird? Wer ist dann die neue Zielgruppe dieser Programme? Oder grundlegender: Was macht die Politik mit der Erkenntnis, dass sie auf einen „kulturellen common sense“ nicht mehr zurückgreifen kann? Welche Kulturangebote muss sie vor diesem Hintergrund noch fördern? Welche fallen dieser „Verspartung“ zum Opfer? Und schließlich: Ist es nicht trotz allgemeiner Individualisierung geradezu notwendig, bestimmte Kulturthemen zur Pflicht zu machen? Muss man nicht einfach wissen, was Goethe geschrieben, Mozart komponiert, Nolde gemalt hat? Können wir zulassen, dass jeder nur noch über das verfügt, was für ihn ganz persönlich wissenswert erscheint?

Ich gehe davon aus, dass es die Aufgabe der Gesellschaft sein wird, das „Bildungsbürger-Repertoire“ auf den Prüfstand zu stellen und zu modernisieren. Über Bord werfen sollte man es nicht…

Von | 2010-01-25T09:57:42+00:00 25. Januar 2010|Kategorien: Allgemein|Tags: |

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

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