Was Gutjahr eigentlich sagen wollte …

Was für ein Auftakt zum gestern gestarteten Medienforum.NRW, als Blogger und Journalist Richard Gutjahr inmitten der Elefantenrunde mit Monika Piel (Intendantin WDR), Anke Schäferkordt (Geschäftsführerin RTL) und Jürgen Doetz (VPRT) den Vergleich anstellte, die Mächtigen in Sendern und Verbänden verhielten sich wie die Machthaber arabischer Länder, eingeschlossen in ihren hoheitlichen Palästen (Sender und Medienhäuser) und fern ab von der Wirklichkeit des Volkes vor den Toren (also uns, die wir uns immer mehr im Netz tummeln).

Tatsächlich war der Vergleich etwas unglücklich gewählt – aber wer will es ihm schon verdenken angesichts der Medienschwergewichte und begrenzten Zeit, nicht richtig zum Ausdruck gebracht zu haben, was er wohl tatsächlich meinte.

Denn sagen wollte er –  so glaube ich – nicht, dass Journalisten nicht wissen, was Internet & Co. sind (inzwischen dürften alle von Facebook, Twitter und Co. gehört haben ;-), und das weiß auch ein Richard Gutjahr). Nein. Ich denke, er wollte vielmehr zum Ausdruck bringen, dass viele der Hierarchen in den großen Medienhäusern sich zwar Trendstudien und Strategiepapiere zum Thema social media anschauen, aber immer noch davor zurückschrecken, selbst in medias res zu gehen, also dort, wo die neuen Plattformen entstehen, diese auszuprobieren und endlich und einfach mitzumachen!

Ja, ja. Ich höre sie schon, all jene, die jetzt fragen werden: „Warum sollte ich das tun? Muss ich denn gleich jeden Hype mitmachen? Ich verstehe auch so, was da passiert, da brauche ich diesen Kram nicht auch noch für mich anwenden.“ Das aber ist grundlegend falsch! Und genau das ist der Punkt, an dem viele „klassisch Intellektuelle“ etwas Entscheidendes noch nicht verstanden haben.

Ich wage einmal folgenden Vergleich: Ich kann nicht über Afrika schreiben, wenn ich das Land nur aus Bildbänden kenne. Und ich kann schon gar nicht für Afrikaner berichten, wenn ich ihr Leben nur aus Reiseberichten kenne. Kein seriöser Journalist würde das anders sehen. Ähnliches gilt auch für social media. Ich muss die Wirkmechanik, die dort gepflegte Kultur, die vorherrschende Stimmung und die partizipierenden Personen kennen- und verstehen lernen. Und das gelingt nur durch eigene Teilhabe.

„Aber,“ lautet jetzt wohl die Frage des „klassisch Intellektuellen“, „warum ist das so wichtig? Kriege ich nicht sowieso schon irgendwie mit, worum es geht?“

Auch auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort: Es ist deshalb wichtig, weil das „digitale Leben“ andere Kommunikations- und Umgangsformen hervorbringt – und damit verbunden grundlegend andere Erwartungen an die Medien an sich. Während der Bildungsbürger von früher sich von den Medienveranstaltern eine gewisse Art an Verlautbarungsjournalismus und die Etablierung von „Wissensautoritäten“ wünschte, strebt der moderne Leser, Hörer und Zuschauer, also jener mit digitalem Hintergrund, nach einem Austausch auf Augenhöhe.

Die junge Generation reagiert meiner Ansicht nach sehr intelligent auf die neuen Anforderungen einer digitalisierten Informationsgesellschaft. Sie weiß um die Möglichkeiten der Manipulation von Quellen und Bildern. Und weiß sehr genau, dass die Mehrzahl der Journalisten häufig in einem Geflecht aus Sachzwängen und Verbindungen gefangen ist, das schlussendlich nur noch wenig Raum für Objektivität lässt. In der Konsequenz bröckelt der unkritische Glaube an die großen alten  Medieninstitutionen (aber auch der an Unternehmen, Behörden etc).

Und in der Folge tritt ein anderer Umgang mit Quellen in den Vordergrund: Digital Natives umgeben sich mit einem Netzwerk aus „virtuellen Freunden“, mit denen sie Tag für Tag einen digitalen Umgang pflegen. Im täglichen Austausch und Dialog mit ihrem thematisch selektierten, virtuellen Freundeskreis stellen sie die Authentizität, Glaubwürdigkeit und Transparenz ihrer Netzwerkmitglieder kontinuierlich auf den Prüfstand und identifizieren so all jene, die sich als zuverlässig herausstellen und als Quelle taugen.

Die Informationen dieser nach eigenem Ermessen „autorisierten“ Quellen sind für sie von Bedeutung – und nicht mehr per se die Nachrichten der großen Institutionen.

Will man also künftig noch Relevanz haben im großen Meer der Meldungen, dann muss man sich als glaubwürdige Quelle neu etablieren – dies gilt für Öffentlich-Rechtlich wie Privat und kann nur im Dialog und Austausch mit den Nutzern und durch die Teilhabe an deren digitalem Leben gelingen.

Denn, um im Beispiel zu bleiben: Wenn ich in Afrika lebe und mich um ein Verständnis dieser Kultur bemühe, dann werden ich meist von den Einheimischen offen empfangen. Oder um es abschließend einmal mehr mit Gutjahr zu sagen: Liebe „Senderchefs, Ressortleiter oder freie Autoren: Springen Sie ins kalte Wasser, und lernen Sie zu schwimmen. Sie werden merken, so kalt ist das Wasser gar nicht, und ich verspreche Ihnen, nach einer Weile wollen Sie gar nicht mehr heraus.“

Von | 2011-06-21T12:15:39+00:00 21. Juni 2011|Kategorien: Allgemein, Kommunikation, Medienforschung, Social Web|Tags: , , |

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

2 Kommentare

  1. Cathrin Jacob 22. Juni 2011 um 8:52 Uhr

    Ich finde es durchaus legitim, wenn sich ein Senderchef nicht tagtäglich im Social Web bewegt. Wenigstens mal ausprobieren: Das würde schon reichen. Was ich aber viel schlimmer finde, ist, dass vielfach so getan wird, als habe man Social Media verstanden. Man kann nicht wissen, »was da passiert«, wenn man sich dem verschließt. Wer es als »Dreck« bezeichnet, finde ich, muss sich vorher in der Tat die Finger schmutzig gemacht haben. Der Vergleich mit den arabischen Machthabern – nun gut, da bekommt das Ganze dann einen etwas ungewollten Beigeschmack – ist wohl, wie Sabine schrieb, der Situation geschuldet. Provokation ist durchaus legitim. Schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Da war doch endlich mal was los auf dem Podium wo sich alle doch immer mit ihrer eigenen Soße übergießen. Bin gespannt, ob die Meinung der Intendanz-Exzellenzen sich bis geändert hat. Nächstes Mal sollten sie Thomas Bellut einladen :) #mefo2012

  2. […]   Auf dem result-Blog gibt es dazu noch einen guten Artikel von Sabine Haas: Was Gutjahr eigentlich sagen wollte… […]

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