Warum Radio das Fernsehen in Sachen Social Media locker in den Schatten stellen kann

Alle reden über die Bedeutung von Bewegtbild und davon, dass Video das Killerangebot in Zeiten sozialen Internets sei. Das Fernsehen hört das gerne und sagt sich: „Prima! Diese Trends spielen uns in die Hände: Wir haben Bewegtbild. Wir sind vorne mit dabei!“ Dem Radio dagegen werden (wieder einmal) schwere Zeiten vorhergesagt: „Kids hören kein Radio mehr!“, heißt es. Und am mangelnden Erfolg von Podcasts lasse sich ja auch der geringe Erfolg der Audioangebote im Web ablesen.

Ich glaube nicht an diese Thesen. Im Gegenteil: Aus meiner Sicht lassen sich zwei andere wagen:

1. Radio ist im sozialen Netz zu Hause und hat dort große Chancen, eine tragende Säule in den relevanten Angeboten zu werden.

2. Fernsehen und Social Media verstehen sich nicht besonders. Und das Fernsehen hat noch viel Lernbedarf, um seine TV-Formate souverän ins Netz zu verlängern.

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Wie ich auf diese Thesen komme und was ich damit verbinde, möchte ich anhand der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehlandschaft erläutern. Bei den Privaten stellt sich die Situation etwas anders dar, weist aber in eine ähnliche Richtung.

Zu These 1:

Das öffentlich-rechtliche Radio ist schon seit vielen Jahren eins: Es ist „social“. Erinnert sich noch jemand an die Anfänge von SWF3? An den SWF3-Club? Kennt Ihr noch Domian von ehemals WDR 1 (die Sendung gibt es ja bis heute!)? Und wenn wir noch weiter zurückgehen: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Radio als zutiefst demokratisches und bürgernahes Medium gegründet. Es lebte schon damals von der Beteiligung des Otto Normalverbrauchers und von der Rückmeldung der Hörer.

Entsprechend hatte Radio schon immer das, was sich heute viele Marken und Onlineangebote sehnsüchtig wünschen: Eine echte Community, mit der man auch souverän umzugehen weiß. Diese Souveränität zeigt sich jetzt sehr deutlich, wenn man sich die Angebote der Radiosender anschaut. Ob 1LIVE, Bayern 3, SWR 3 oder Jump. Sie alle haben einen Facebook-Auftritt, der sich sehen lassen kann. Sie gehen locker mit ihren Fans um, treffen den richtigen Ton und wirken weder steif und öffentlich-rechtlich noch verkrampft.

Screenshot 1live auf Facebook

Der Facebook-Auftritt von 1LIVE begleitet das aktuelle Radioprogramm, bietet darüber hinaus aber auch andere auf seine Hörerschaft abgestimmte Infos.

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Was jetzt noch fehlt, ist eine konsequente Verlängerung der eigenen Marke ins Netz und eine gezielte Nutzung der digitalen Möglichkeiten zur Etablierung einer zukunftssicheren Multimediamarke. Aber ich bin zuversichtlich, dass dem Radio dies ebenfalls gelingen wird. Denn es ist recht einfach: Die Fülle des bereitstehenden Radiomaterials ist vielseitig und interessant. Es gibt in der öffentlich-rechtlichen Radiolandschaft wunderbare Wortbeiträge, böse Kommentatoren, eine Menge Comedy, viele bekannte und beliebte Protagonisten, Hörspiele und eine Reihe von Veranstaltungen.

Das meiste davon wird bislang ausschließlich für das Radio aufbereitet, aber schon jetzt häufig im engen Austausch mit den Hörern und ihren Erwartungen. Für Radiomacher ist es meiner Ansicht nach ein recht kleiner Schritt, die bisherigen Produktionen ins Web zu „verlängern“. Es ist nicht allzu aufwändig, neben dem Ton auch noch einige Bilder bereitzustellen oder von den Hörern einzusammeln. Es ist technisch leicht lösbar, ein Studiointerview mit einer mobilen Kamera auch zu filmen. Es ist finanzierbar, eine Comedy für das Netz mit Illustrationen zu versehen.

Die Radiomacher der Öffentlich-Rechtlichen entdecken diese Möglichkeiten gerade und setzen sie mehr und mehr um. Das Ergebnis weist aus meiner Sicht in die richtige Richtung, und wenn die Sender Gas geben, können Sie in nächster Zeit eine Menge bewirken.

Zu These 2:

Ganz anders stellt sich mir die Lage für das öffentlich-rechtliche Fernsehen dar. Dieses Medium hat sich von Beginn an positioniert als eine Art „Elitemedium“. Es war immer schon sehr teuer und damit sehr besonders, Fernsehen zu produzieren. TV-Sendezeiten sind kostbar und werden daher zu einem großen Teil mit namhaften Protagonisten gefüllt. Früher waren es oft die „alten weisen Männer“ aus Wirtschaft, Politik und Journalismus, die dort Raum bekamen – zum Wohle und zur Bildung der Bürger. Heute sind es vielleicht mehr Prominente, Stars und Sternchen, aber auch große Filme oder aufwändige Serien, mit denen man sich positioniert. Natürlich gibt es auch den Trend, Alltagsmenschen mit Alltagsproblemen zu zeigen und diese ins Fernsehen zu holen. Aber auch solche Formate sind meist inszeniert und von den Machern dramaturgisch durchgeplant. Fernsehen ist damit in der Regel wenig spontan und wenig „social“. Es sendet, wir schauen zu. So sind es die Zuschauer gewohnt, und viele von ihnen möchten auch, dass dies erst einmal so bleibt.

Entsprechend ist der Umgang des Fernsehens mit sozialen Netzen deutlich schwieriger. Von einigen gelungenen Ausnahmen abgesehen, sind die öffentlich-rechtlichen TV-Formate auf Facebook oft wenig kommunikativ, wirken häufig ebenfalls stark inszeniert oder gestelzt oder sind erst gar nicht vorhanden. Der Dialog mit den Zuschauern ist meist rein themenbezogen und dient der eigenen Arbeitsoptimierung. Fernsehmacher und Protagonisten zeigen wenig von sich, sondern verstecken sich hinter ihrer Sendungsmarke.

„Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“: ein gelungenes Beispiel für die Verlängerung öffentlich-rechtlicher TV-Sendungen in soziale Netzwerke

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Noch schwieriger ist die multimediale Nutzung der digitalen Angebote durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Dessen TV-Sendungen sind immer Hochglanz, dramaturgisch durcherzählt und mit professioneller Qualität ins Bild gesetzt. Zudem ist TV generell kleinteiliger, da jede Sendung eine eigene Marke darstellt und sich im Social Web positionieren muss. Somit ist es für das Web oftmals wenig geeignet. Sieht man einmal von Highlightvideos und -trailern zu einer Sendung ab, dann gibt es bei den Öffentlich-Rechtlichen wenig Sendungsmaterial, das man eins zu eins vom Fernsehen in das Internet übertragen könnte. In der Regel muss es überarbeitet, ergänzt oder gekürzt werden und – vor allem – eine neue Sprache finden. Dies stellt die Macher vor eine enorme Herausforderung. Anders als bei Radioprogrammen ist es für Fernsehformate völlig neu, die Zuschauer und die digitale Welt als Beteiligte wahrzunehmen und gedanklich mit einzubinden. Produktionsprozesse müssen die Interaktion und den Dialog als Element von Beginn an vorsehen. Das ist ungewohnt und dem Fernsehen bislang eher fremd.

Entsprechend sind viele Formate, die von Anfang an transmedial geplant wurden, häufig wenig erfolgreich. Sie wirken auf die Zuschauer fremd und gehen an den üblichen Erwartungen und Nutzungssituationen vorbei. Das Fernsehen experimentiert noch. Ein bisschen fühlt man sich erinnert an die Anfänge des Mediums, als die Bilder laufen lernten und alles irgendwie ein bisschen „gebastelt“ aussah. Man kann zwar zuversichtlich sein, dass das Fernsehen seinen Weg findet – vor allem Formate aus den privaten Sendeanstalten sind schon sehr interaktiv und nehmen auf eine lebendige Community Bezug. Dennoch ist der Weg des Fernsehens, „social“ zu werden, in meinen Augen ein ganzes Stück weiter als der des Radios.

Von | 2015-07-16T13:02:35+00:00 12. Dezember 2012|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Fernsehen, Medienforschung, Neue Medien, Radio|

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

Ein Kommentar

  1. Hannes 14. Dezember 2012 um 12:29 Uhr

    Meines Erachtens ist es zu kurz gedacht Social Media für Radio auf soziale Netzwerke wie Facebook zu beschränken. Da entwickeln sich zwei Parallelwelten die höchstens zufällig einander bedingen oder befruchten. Viel mehr muss eine systematische Einbeziehung der Hörer in das laufende Programm stattfinden, um das Programm inhaltlich relevanter zu gestalten. Hierbei wird natürlich auch der Moderation und Redaktion eine große Verantwortung gegeben, denn es können eben nicht nur die Onlineredakteure die Kommunikation im Social Web übernehmen.

    CrowdRadio (www.crowdradio.de) ist so eine (neue) Lösung für diese Integration. Natürlich muss hier eine Integration von Facebook stattfinden. Aber über Facebook alleine werde die Hörer nicht ansatzweise so ernst genommen.

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