Ich sitze gerade in der unerwartet warmen Frühlingssonne auf meinem Balkon und überlege, warum Blogs eigentlich wichtig sind. Warum das? Weil ich einen Beitrag zur Blogparade #blogswirken von Katrin Hilger schreiben möchte.

Gleich zu Beginn meiner Überlegungen plagen mich auch schon Zweifel: Gibt es nicht schon genug Geschichten im Netz? Haben wir nicht an allen Stellen von allem zu viel? Warum sollten jetzt auch noch Hinz und Kunz bloggen? Reicht es nicht bei Weitem aus, was uns die Medienhäuser bieten? Immerhin haben die ihr Fach gelernt. Und bei aller Kritik am Qualitätsjournalismus: Es gibt von Verlagen, TV-Sendern und Radioanbietern eine ganze Menge sehr fundierte und teilweise zudem sehr schön aufbereitete Inhalte. Da kann man insgesamt in Quantität und Qualität als Bloggerin oder Blogger kaum mithalten.

Was also können Blogs da noch »draufsetzen«? Ich bin überzeugt, es gibt eine Menge, was Blogs an Mehrwert bieten können. Also sammle ich hier einmal, was mich an Blogs eigentlich so fasziniert und wo sie eine Lücke schließen, die die anderen Anbieter nicht füllen können oder wollen.

Darum finde ich Blogs wichtig

Insgesamt komme ich auf fünf wichtige Punkte, die Blogs ausmachen. Eine Anmerkung vorab: Ich unterscheide bei meiner Nutzung und Einschätzung grundsätzlich nicht zwischen Corporate oder privaten Blogs. Ich finde das auch schwierig, weil auch eine Menge privater Blogs inzwischen businessorientiert ausgerichtet sind. Für mich unterscheidet sich das Angebot nur in »gut« oder »schlecht« bzw. »stark werblich« oder »nicht werblich«. Wer der Absender ist, interessiert mich natürlich, aber ich lehne Unternehmensmitarbeiter als Blogautoren genauso wenig ab wie einen engagierten Laien.

1. Blogs schaffen ein wenig Unabhängigkeit vom Medienangebot

Natürlich kommt die Bloglandschaft in Deutschland derzeit in keiner Weise gegen die online vertretene Medienlandschaft an. Das ist vermutlich auch nicht das Ziel der Bloggerinnen und Blogger. Aber dennoch ist den Medien die Tatsache durchaus bewusst, dass es viele unabhängige Blogs gibt und diese für die Leserschaft eine interessante Alternative darstellen.

Die latente »Bedrohung« durch die Konkurrenz freier Blogs sorgt dafür (ebenso wie die manifeste Bedrohung durch Google, Facebook und Co.), dass Medien online ihre Stellung sichern und ausbauen müssen. Sie können es sich nicht leisten, die Online-Publika zu ignorieren oder nur unzureichend zu versorgen. Sie sind gezwungen, ihre Mehrwerte zu schärfen und an ihrer Qualität zu arbeiten, um weiter bestehen zu können. Das ist zwar eine enorme Herausforderung und für viele Medienanbieter möglicherweise auch nicht schaffbar, ist aber dennoch der einzig richtige Weg, die Digitalisierung positiv für uns alle nutzbar zu machen.

2. Blogs bedienen Nischen

Das wunderbare an Blogs ist für mich, dass sie oftmals konsequent Spezialthemen bedienen, ohne sich darum zu kümmern, wie viele Menschen sich für dieses Thema eigentlich interessieren. Das führt zu Angeboten, die abseits des sogenannten Mainstreams liegen und die anzeigenfinanzierte Medienhäuser niemals machen könnten. So beispielsweise das Corporate Blog der IKB über harte Finanzzahlen, der nur für Experten von Interesse ist, oder auch das Bestatterwebblog, das sich vornehmlich den Themen Beerdigungen und Trauer widmet.

Aber auch innerhalb von Familien- oder Reiseblogs, die ja breitere Zielgruppen bedienen, finden sich oft wunderbar spitze Beiträge wie etwa die Beiträge von Bloggerin Vielweib on Tour zum Reisen mit einem demenzkranken Vater.

Es sind also Themen aus dem sogenannten »Long Tail«, dem langen Ende einer Kurve, die niemals »Null« erreicht, aber immer kleinere Interessentengruppen bedient. Ich persönlich finde das großartig, weil es eine Vielfalt sichtbar macht, die beim Durchblättern der Medienseiten nicht erkennbar wird. Ich lese diese Themen auch dann gerne, selbst wenn ich nicht inhaltlich interessiert oder betroffen bin. Denn es zeigt mir, welche besonderen Blickwinkel jenseits meiner Filterblase existieren und wie anders manche Menschen auf die Welt schauen.

3. Blogs zeigen neue Perspektiven

Blogs beleuchten nicht nur Nischen, sie zeigen auch andere Perspektiven. Anders als Medienhäuser sind sie nicht an das Gebot der Objektivität gebunden. Sie können nach Herzenslust subjektiv und ungenau, überspitzend und einseitig auf die Welt schauen. Jeder kann schreiben, wenn er will. Und jeder kann schreiben, was er will – oftmals ohne jede Form einzuhalten oder zu beachten.

Als Nutzerin oder Nutzer von Blogs muss man sich dessen natürlich bewusst sein: Die Recherchetiefe bei Blogs ist nicht immer hoch und man tut gut daran, Fakten noch einmal mit einer zweiten Quelle zu überprüfen. Aber das stört mich in der Regel nicht weiter, denn entweder interessiert mich die subjektive Meinung des Autors oder ich habe ihn als Experten eingeordnet, der »im Groben« weiß, wovon er redet. Möchte ich dann aus einem Blog zitieren, prüfe ich eben nach, ob der Inhalt so stimmt. Das mache ich übrigens bei Medienartikeln ebenso und auch dort keineswegs nur der Form halber.

Ich erlebe es als sehr erfrischend, dass vor allem auf privaten Blogs »frei von der Leber weg« geschrieben wird. Die Texte sind oft witzig, oft polarisierend, wirken authentisch und regen zum Austausch an. Es ist ein grundlegend anderes Leseerlebnis als beim Rückgriff auf sogenannte »offizielle« Quellen, weil es direkter ist und insgesamt persönlicher wirkt. Ich finde das bereichernd.

4. Blogs sind diskussionsfreudig

Diesen Punkt erfüllen in besonderer Weise die privaten Blogs. Sie schreiben ihre Beiträge oftmals so, dass man sich geradezu aufgerufen fühlt, darauf zu reagieren. Man fühlt sich persönlich angesprochen und nicht nur informiert, sondern zum Gespräch angeregt. Dies ist ein besonderer Reiz an Blogs: Die Themen und Thesen des Autors ziehen oft eine Diskussion nach sich (entweder in den sozialen Medien oder auf dem Blog selbst), die manches Mal für sich genommen schon sehr interessant und spannend ist.

Diese Chance, zu Debatten und Diskussionen anzuregen bzw. zumindest verschiedene Meinungen einzuholen, lassen sich Corporate Blogs viel zu häufig entgehen. Hier fehlt meist der Mut, provakant und polarisierend zu schreiben, um Widerspruch oder Kritik zu wecken. Es wäre schön, wenn mehr Blogs von Unternehmen diese Möglichkeit stärker nutzen würden.

5. Blogs verleihen Multiplikatoren eine Stimme und machen sie zu strategischen Partnern

Ich finde es gut und wichtig, wenn neben Journalisten und Prominenten auch weitere Stimmen im Netz zu vernehmen sind. Multiplikatoren im Netz, die eine dezidierte Meinung vertreten und über eine nennenswerte Reichweite verfügen, haben eine relevante Bedeutung für die Meinungsbildung und den gesellschaftlichen Diskurs. Sie schaffen Vielfalt und geben vielen Institutionen erst eine Stimme und ein Gesicht.

Für mich ist es zur Beurteilung dieser Meinungsführer unerlässlich, dass es einen Ort im Netz gibt, wo man sich ausführlicher und hintergründiger mit diesen Personen auseinandersetzen kann. Regelmäßige »Meinungs-Einsprengsel« auf Twitter, Facebook oder Instagram sind mir persönlich zu wenig.

Der Ort, an dem eine Person sich in Gänze zeigt, ist oft entweder ein eigener YouTube-Channel oder aber das Blog. Eine solche Basis ist aus meiner Sicht enorm relevant, weil sie die Persönlichkeit des Multiplikators, seine Haltung und seine Einstellungen ganzheitlicher sichtbar macht.

Nur wenn ich ein einigermaßen fundiertes Bild von der Person habe, kann ich ihre Reputation einschätzen und überlegen, ob sie als strategischer Partner von Relevanz ist. Das halte ich vor allem bedeutsam, wenn es um eine strategische Vernetzung geht und damit verbunden um die Sichtbarmachung von Meinungen.

Fazit zu meinem Pro-Blog-Plädoyer

Es gibt also viele Gründe, warum ich Blogs wichtig finde und diese nicht missen möchte. Trotzdem besteht natürlich das Problem eines ständig wachsenden Überangebotes. Was lese ich, was schaue ich, was höre ich? Wie überblicke ich noch diesen Wust an Content, der durch meine verschiedenen Timelines rauscht? Das sind Fragen, denen man sich bei jedem Besuch im Netz erneut stellen muss – geleitet durch gute Filter, aber auch durch viel manuelle Suche. Am Ende reichen sicher weder Qualität noch Kontinuität aus, um sich mit einem Blog Gehör zu verschaffen. Strategie, Marketing und ein wenig Glück gehören sicher auch mit dazu. Ich hoffe dennoch, dass sich die, die schreiben wollen, davon nicht abhalten lassen.