Warum ARD und ZDF keinen Livestream brauchen – und es ohne irgendwie auch nicht geht

Freitagabend hat uns alle der Putschversuch in der Türkei überrascht – und viele von uns bis ins Mark erschreckt. Informationsinteressierte und Betroffene, die von einer solchen Nachricht hören, wollen genau wissen, was passiert ist. Sie möchten Klarheit, Beruhigung, Entwarnung. Aber genau das konnte am Freitagabend niemand bieten.

Weder auf Twitter, wo eine Menge Augenzeugen berichteten, noch bei den Printangeboten, die mit leeren Schlagzeilen titelten und auch nicht im Fernsehen, wo unscharfe Live-Bilder wenig erhellend kommentiert wurden. Es konnte nicht fundiert berichtet werden, weil schlicht Chaos herrschte und das Ereignis, über das man etwas erfahren wollte, noch in vollem Gange war. Als Leser, Nutzer, Zuschauer war man nichts weiter als ein Schaulustiger an der Autobahn, der möglichst viel erhaschen will vom Geschehen, aber das Geschehen bewegt sich vorbei.

Und dennoch: Obwohl die Live-Berichterstattung höchst unbefriedigend war, wurde auf Twitter und Facebook viel Kritik darüber laut, dass vor allem ARD und ZDF nicht live berichteten, sondern an ihrem normalen Programm festhielten.

Was hätte man denn gewollt? Live-Reporter, die nichts wissen und doch alle zwei Minuten mit einem Mikro in der Hand in die Kamera sprechen, ohne etwas zu sagen? Live-Bilder im Dunkeln von fahrenden Panzern und Menschenmengen, die irgendwohin laufen? Interviews mit Experten, die von den Ereignissen genauso überrollt waren, wie alle anderen? Es hätte nichts gebracht. Und, was noch wichtiger ist: Es hätte auch bei Weitem nicht alle Zuschauerinnen und Zuschauer interessiert. Stattdessen haben die Vollprogramme ARD und ZDF (diese sind keine Nachrichtensender wie CNN!) ihr Programm fortgesetzt und im Hintergrund an einer möglichst aussagekräftigen Sondersendung gearbeitet. Einen Live-Ticker haben sie gehabt, allerdings im Netz und nicht im Fernsehen. War das wirklich falsch? – Ich denke nicht.

Andererseits verstehe ich die Kritik. Wenn man von dem Putschversuch hört und in neugieriger Erwartung ARD oder ZDF einschaltet und dort auf einen Krimi oder eine Serie stößt, dann ist man irritiert. Geht an denen alles vorbei? Kriegen die nichts mit? Wer entscheidet denn da gerade das Programm? Dieser Eindruck ist fatal, denn durch unsere Netzgewohnheiten erwarten wir jederzeit und in »real time« die Informationen, die wichtig sind. Dies leistet das Fernsehen derzeit in keiner Weise. Es ist immer noch ein lineares Angebot in Sendungshäppchen – und bei Ereignissen, wie denen in der Türkei, wirkt dies schief und nicht mehr zeitgemäß.

Eine Lösung für dieses Dilemma habe ich nicht. Vielleicht hätte ein Ticker schon einiges abfedern können. Vielleicht müssen ARD und ZDF ihr Programm auch in solchen Situationen stärker mit News durchbrechen. Aber eines steht fest: Berichterstattung funktioniert nur dann, wenn es eine fundierte Informationslage gibt. Alles andere ist nur Gerede.

Freue mich auf Kommentare, Diskussion und Eure Sichtweise zum Thema!

Von | 2016-07-18T11:18:24+00:00 18. Juli 2016|Kategorien: Allgemein|

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

Hinterlassen Sie einen Kommentar