Vom Internet über das Outernet zum „OutTHEREnet“

Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, aber ich entdecke im sogenannten Medienwandel überwiegend positive Aspekte. Medien und die Digitalisierung nehmen mittlerweile einen Großteil unseres Alltags ein, und so manch einer wird zu Recht bemängeln, dass kaum Lücken für Spaziergänge an der frischen Luft verbleiben. Doch nun las ich jüngst in der ZEIT, ausgerechnet das Internet sei dafür verantwortlich, dass die Menschen wieder mehr an die frische Luft gehen! Das Internet ist also nicht mehr das virtuelle Land der Couch-Potatoes und Stubenhocker?

Planking - Quelle: CC-BY marketingfacts | flickr.com

Die Menschen gehen wieder raus, auf die Straße oder in die Natur, und das aus ganz unterschiedlichen Gründen, von denen ich im Folgenden einige vorstellen möchte:

Als mir eine Kollegin das erste Mal von Geocaching erzählt, leuchten ihre Augen. Geocaching ist eine Art Schatzsuche oder Schnitzeljagd, die man nicht – wie man das von früher kennt – mithilfe von Zetteln und Pfeilen durchführt, sondern mit einem GPS-fähigen Handy. Ziel der Suche ist es, einen Schatz zu finden, der an einem ausgewählten Ort hinterlegt ist und mittels Koordinatenangaben gefunden werden kann. Was ist das Besondere am Geocaching? Der Weg, das Rätsellösen, das ist der wirkliche Spaß. „Man darf wieder Kind sein, auch mit seinen Kindern“, erklärt mir meine Kollegin. Weltweit sind Caches versteckt, für die sich die Community-Mitglieder eine zum Teil themenbezogene Schnitzeljagd ausgedacht haben. Geocaching findet immer mehr Zuspruch, und die Community wächst rasant.

Ein weiteres dieser Outdoor-Internet-Phänomene ist das Planking. Beim Planking legt sich eine Person mit dem Gesicht nach unten und seitlich angelegten Armen hin (irgendwohin: auf eine Wiese, auf einen Stromkasten etc.) und lässt sich fotografieren. Die Aufnahmen entstehen oftmals an öffentlichen Plätzen und werden dann im Internet veröffentlicht.

Oder auch das Flashmobbing, das spätestens seit dem „YEAH“-Aufruf der Piratenpartei im Rahmen des Bundestagswahlkampfes 2005 bekannt sein sollte. Hier ein paar weitere und durchaus unterhaltsame Beispiele aus BerlinAntwerpen und den Niederlanden.

Beim Smartmob (Protestaktionen meist von Globalisierungsgegnern) oder Carrotmob (Unterstützungsaktion für klimagerechte und nachhaltige Einzelhändler) handelt es sich um Unterformen des Flashmob.

Aber auch aus politischen Gründen gehen die Menschen weltweit wieder verstärkt auf die Straße – beflügelt vom Internet! Beispiele sind die „Wutbürger“-Bewegung rund um den geplanten Ausbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs (auch „Stuttgart21“ genannt), die „Grüne Revolution“ im Iran und die sogenannte Arabolution in den nordafrikanischen Staaten.

Alle Bewegungen haben eines gemeinsam: Es handelt sich um politische, gesellschaftliche Zusammenkünfte, die sich zum Teil im Social Web organisieren und darüber hinaus eine Kraft entwickelten, die sich auf das Leben weltweit auswirkt.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde noch der Verfall des öffentlichen Lebens beklagt, die  Proklamation des „Biedermeiering” spiegelte die Individualisierung unserer Gesellschaft(en) wider. Und jetzt das! Von „einem Rückzug ins Private“ kann man deshalb nicht mehr wirklich sprechen.

Wenn man Facebook-Gründer Mark Zuckerberg glaubt, gibt es so etwas wie Privatsphäre ja ohnehin nicht mehr – Stichwort Post-Privacy. Wer nicht in der Lage ist, die eigenen Facebook-Privatsphäreeinstellungen richtig zu definieren, der kann schon einmal den ein oder anderen unerwarteten Gast auf seiner Party begrüßen. Und was Facebook nicht weiß, weiß ohnehin Google…

Jeder Schritt, jede Aktivität im Netz hinterlässt Spuren. Sollte ich meinen eingangs formulierten Satz doch zurücknehmen? Ich meine: Nein! Zumindest für den Moment. Denn derzeit befriedigen die Menschen ihr Bedürfnis nach Realräumen, sie erleben das Miteinander, die „Kraft der Intersubjektivität“, von der Jürgen Habermas im eingangs erwähnten Zeit-Artikel spricht.

Für das OutTHEREnet, wie ich es nennen möchte, bedarf es schlicht schärferer Datenschutzbestimmungen, damit der Mensch auch dort noch privat sein darf und kann.

Aus Forschersicht bin ich jedenfalls gespannt, wohin uns der Medienwandel und mit ihm das OutTHEREnet in den nächsten Jahren noch führen wird – politisch wie privat.

Über den Autor:

8 Kommentare

  1. Astrid 22. Juli 2011 um 10:17 Uhr

    kleiner Hinweis: Antwerpen liegt in Belgien.

  2. Thomas Göhrig 22. Juli 2011 um 10:29 Uhr

    Ein schöner Überblick über die neuen Möglichkeiten im Ourdoor Bereich durch das Web 2.0. Findet man nicht allzu oft neben der ganzen Panikmache.

    Noch eine andere Aktivität, etwas nostalgischer als Planking: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,773091,00.html

    Thomas Göhrig

  3. Christine Heller 22. Juli 2011 um 10:33 Uhr

    @Astrid: Da fehlte ein Komma und ein “und”. Vielen Dank!

  4. Astrid 22. Juli 2011 um 15:56 Uhr

    @Christine: Ah, jetzt ist alles klar.

  5. Cathrin Jacob 23. Juli 2011 um 10:39 Uhr

    Oh, lieber @ThomasGöhring, das ist fantastisch vielen Dank! Kannte ich noch nicht!
    (für alle: http://dearphotograph.com/)
    Wenn das Wetter mitspielt und nicht gerade das alte Foto aufweicht, ist das eine wunderschöne Outdoor-Aktivität!
    Und @Astrid: Vielen Dank für den Hinweis. Peinlich… Aber dafür haben wir ja euch :)

  6. Helmut 23. Juli 2011 um 11:33 Uhr

    Was es alles gibt…man höre, lese, staune und mache mit :-)

  7. Cathrin Jacob 27. Juli 2011 um 9:52 Uhr

    In dem ZEIT-Artikel sind noch ein paar mehr wirklich tolle Beispiele:
    – Parcouring:http://www.parkour.de/
    – Adbusting: http://www.adbusters.org/
    und mein Liebling, weil Umweltverschönernd:
    http://www.guerrillagardening.org/
    Enjoy!

  8. […] meinem letzten Blogbeitrag über das OutTHEREnet habe ich mich mit politisch motivierten Aktionen und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten […]

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