Vlogger: etablierten Medien entglitten, YouTube auf den Leim gegangen?

In Deutschland (und auch bei uns auf dem Blog) wird immer gerne und viel über Blogger gesprochen – oft auch über deren geringen Erfolg. Bei der #rp14 wurde mir erstmals bewusst, dass wir dabei eine extrem wichtige und durchaus erfolgreiche Sparte meist ausblenden: die Videoblogger oder auch Vlogger genannt. 

Was ich dabei bemerkenswert finde: Die spannende und durchaus bedeutsame Sparte der YouTube-Vlogger findet sich auch bei den Medienunternehmen kaum im »relevant set«. Man vernetzt sich zwar so langsam mit schreibenden Bloggern und entdeckt deren Talente in der journalistischen Arbeit. Videoblogger hingegen sind meist nicht im Dialog.

Das ist fatal, da Videoblogs in meinen Augen oftmals von Personen bespielt werden, die grundsätzlich wenig Know-how und Wissen über journalistische Grundlagen mitbringen. Sie sind jung und nicht unbedingt medienpolitisch interessiert, sodass ihnen viele Bedingungen einer fundierten Berichterstattung gar nicht oder nur intuitiv klar sind. Wie schön wäre es, wenn diese jungen Talente und »Stars« von professionellen Journalisten gecoacht und gefördert würden?

Aber die Realität sieht anders aus, denn nur zwei interessieren sich wirklich für die Arbeit der Vlogger (neben den zahlreichen Nutzerinnen und Nutzern, die sie schauen): YouTube bzw. Google sowie die Agenturen. Denen laufen die Bloggerinnen und Blogger dann meist auch in die Arme. Das Ergebnis: Verträge, über die man besser nicht spricht. Es ist der Run auf Klickzahlen und die ständige Suche nach möglichst verdeckten Werbeformen.

Was die Blogger bei Youtube nicht lernen:

  • Warum es Sinn macht, Redaktion und Werbung zu trennen.
  • Was unabhängiger Journalismus bedeutet.
  • Wie man als Bloggerin oder Blogger seine Eigenständigkeit wahren kann.
  • Welches Hintergrundwissen die Qualifikation von Blogs stärken kann.
  • Welche Kompetenzen einen guten Journalisten ausmachen.
  • Welche Bedeutung Journalismus für die Gesellschaft hat… und so weiter.

Okay, ich schränke ein: Auch die Medienveranstalter agieren nicht immer idealistisch. Auch bei klassischen Medien gibt es werblich gefärbte Redaktionsbeiträge, gibt es Sponsoringverträge und Ähnliches. Aber: Ein Bewusstsein für journalistische Werte ist in der Regel vorhanden, und das eigene Tun wird zumindest meist reflektiert. Bei Youtube, Google und den Agenturen spielt es dagegen schlicht keine Rolle.

Gesellschaft, Politik und Medien – die viel Zitierten – lassen auch hier wieder eine Chance ungenutzt: Ständig wird nach Talenten gerufen, und ständig suchen die etablierten Medien nach Wegen, mit den jungen Menschen in den Dialog zu treten. Die große Zahl engagierter Vlogger aber, die genau dies sind – also Talente mit Zugang zu jungen Zielgruppen –, werden ignoriert und in keiner Weise gefördert. Sie sind den Etablierten schon lange entglitten.

(Bild Startseite result.de (cropped): flickr – Clintus McGintus Cropped (CC BY-SA 2.0))

Mehr zum Thema findet sich auch in diesem Beitrag von BR PULS:

Von | 2015-07-16T10:26:54+00:00 20. Mai 2014|Kategorien: Allgemein, Fernsehen, Multimedia (Foto, Video & Audio), Social TV|Tags: |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. Andreas Quinkert 21. Mai 2014 um 17:36 Uhr

    Es ist überaus lobenswert, dass hier ausdrücklich auf die Trennung von Redaktion und Werbung hingewiesen wird! Als PR-Journalist wurde ich im Rahmen meiner Ausbildung selbst auf den journalistischen Ehrenkodex “verpflichtet”, und ich stehe nach wie vor dahinter. Dies gilt auch für meinen PR-Blog.

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