Seit etwa zwei Monaten bin ich jetzt auf Twitter aktiv und verfolge dadurch sehr intensiv und umfassend, was ich zuvor nur sporadisch und in den Grundsätzen mitbekommen habe: Die Diskussion um das Social Web und das Thema der Netzkontrolle.

Dabei fühle ich mich, wenn ich der Blogosphäre lausche, doch sehr an die Blumenkinder-Zeit oder die 68er-Bewegung erinnert. Freiheit wird immer wieder betont, Netzautonomie, Demokratie von unten und Offenheit.

Der Wunsch nach „Privatsphäre“, so lese ich heute, sei typisch deutsch. Wir seien halt durch die Nazizeit geprägt und zeigten uns nirgendwo nackt, außer in der Sauna. Ist das nicht eine gewisse Analogie zu freier Liebe und Leben in Kommunen? Ich sage nur, „Klotür abschließen ist spießig“.

Alle Transparenz in Ehren: Ich halte es für naiv, es egal zu finden, welche Informationen zu Einzelnen wie und wo auffindbar sind. Wenn meine Kranken- und Versicherungsinformationen überall vorliegen, wenn meine politische Meinung jederzeit nachvollziehbar wird, meine Haltung gegenüber allen und jedem, dann kann mir das irgendwann auf die Füße fallen. – Auch – aber nicht nur – hier in Deutschland.

Insgesamt fehlt mir in der Diskussion, wie ich sie wahrnehme, sehr das Verständnis für den „Otto-Normal-User“. Für den, der kein „Medienprofi“ ist, den die Dinge schnell überfordern, der über seine Einträge nicht Buch führen kann und will, der das Netz nicht als Lebensinhalt, sondern als nützliches Mittel für seine Zwecke sieht.

Was soll er tun? Soll er alle Schranken fallen lassen, weil es, wie Ibo Evsan gerne sagt, sowieso zu spät ist: „Wir sind alle nur Tags“? Soll er sich gänzlich aus dem Social Web zurückziehen, denn nur so ist er sicher vor z.B. politischer Überwachung oder Identitätsdiebstahl?

Mir fehlt der Mittelweg, die Option, die alltagstauglich wäre.

Allerdings finde ich das nicht schlimm. Eigentlich eher spannend zu beobachten. Denn auch die Blumenkinder und die 68er haben gnadenlos übertrieben und dennoch Wesentliches bewegt. Also warte ich mal ab, verhalte mich dabei postmodern tolerant allen Seiten gegenüber bzw. „altersweise“ und schaue, wohin das Ganze treibt.

Sicher ist, dass die neue Generation viele Aufgaben anpacken muss, die bisher von den „Social-Web-Ideologen“ elegant wegdiskutiert werden. Aber das wird die „Upload-Generation“ schon schaffen, da bin ich mir sicher. Vielleicht mit viel Meckern über die „Alten“, die ja so schräg drauf waren und ihnen das alles „eingebrockt“ haben. Am Ende aber wird ein neues Verständnis von Privatsphäre, Dialog, Transparenz und Glaubwürdigkeit stehen. Möglicherweise ein grundlegend anderes, als die abendländische Gesellschaft heute vorgibt.