Viereinhalb Thesen zur Zukunft des Fernsehens

Prognosen sind für Markt- und Medienforscher immer eine besondere methodische Herausforderung – einerseits führt man die anwendungsbezogene Forschung mit dem Blick in die Zukunft durch, weil man auf Basis der Daten oder Erkenntnisse Entscheidungen für die Zukunft treffen möchte. Andererseits ist die Zukunft unbestimmt. (Und selbst dann, wenn sie theoretisch bestimmt wäre und sich jede Entwicklung in einem Ablauf vorher festgelegter Regeln vollzöge, wäre der analytische Zugang von außen dennoch praktisch unmöglich, wie Heinz von Foersters mit seiner „nicht-trivialen Maschine“ anschaulich vor Augen führt.)

Was ist also zu tun? Man kann qualitative Veränderungen in Systemen als einen Prozess verstehen, bei dem sich neue Ordnungsmuster etablieren, beispielweise Verhaltensweisen oder Verständnismuster. In Umbruchphasen entstehen einige solcher Muster und verschwinden wieder, bis sich manche durchsetzen und die neue Systemdynamik prägen.

Dafür möchte ich gerne einen Blick auf Verhaltensmuster rund um den Fernsehkonsum werfen, denen wir derzeit in qualitativen Studien zum Medienkonsum begegnen und von denen ich mir gut vorstellen kann, dass sie sich als typische Verhaltenweisen beim Fernsehkonsum der Zukunft durchsetzen werden.

In diesem Text möchte ich ein paar dieser Überlegungen beschreiben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und eher im Sinne einer Hypothesenbildung für zukünftige Studien in diesem Bereich.


These 1: „Fernsehen“ verschmilzt mit „Videogucken“

    (Bildquelle: CC-BY debagel | flickr.com)

    Heute verstehen wir unter „Fernsehen“ das …

    1. lineare Ausstrahlen von TV-Sendungen
    2. in einem festen Zeitschema

    Dieses Verständnis wird nicht mehr das Leitmodell für Fernseh-/Videokonsum in der Zukunft sein. Es wird sich in eine Vielzahl von Möglichkeiten aufsplitten:

    • Bewegtbild schauen
    • zeitversetztes Sehen
    • Vor- und Zurückspulen
    • gezielte Auswahl von Inhalten
    • Einbettung in andere Kontexte (Websites etc.)
    • das Weiterverarbeiten und Verändern von Inhalten (Mash-Ups)

    Was weder bedeuten soll, dass jeder immer „sein eigener Programmdirektor“ sein will, noch, dass synchrones Fernsehen verschwindet.

    Aber es wird nicht mehr der Standard-Normalfall sein, lineares Fernsehen zu gucken. Und wenn Fernsehinhalte doch auf diese Weise genutzt werden, dann weil es zur Situation passt – zum Beispiel wenn man sich einfach berieseln lassen möchte oder es einen sozialen Grund gibt, gleichzeitig live mit anderen Nichtanwesenden zu gucken.


    These 2: Die sozialen Medien helfen dem „Fernsehen“

    (Bildquelle: CC-BY orarewedancer | flickr.com)

    Ein typisches Nutzungsmuster, das uns in Studien immer häufiger begegnet, ist die parallele Nutzung von Social Media zum Fernsehkonsum. Ich glaube, dass sich beides vortrefflich ergänzt, und dies eine Chance für das Fernsehen ist. Produziert mehr interessanten Live-Content, bei dem die Menschen via Social Media gemeinsam dabei sein wollen!

    Mein Lieblingsbeispiel dafür ist seit Langem der Hashtag #tatort auf Twitter. Für viele Nutzer wird der sonntagabendliche Krimi vor allem dadurch zum Ereignis, weil das Format Futter für eine aufgekratzte, lustige Plauderei mit der Timeline und gemeinsames Mörderraten liefert. Ich selbst hatte 2010 ein in dieser Hinsicht prägendes Erlebnis mit dem Hastag #esc. Plötzlich war meine Timeline voll mit witzigen Kommentaren zu den Auftritten beim European Song Contest. Alle, aber auch wirklich alle, – selbst ehemalige Punkmusiker –, haben plötzlich nur noch davon geredet. Ich habe mich in meinem Leben auch noch nie für diese Musik interessiert, daraufhin aber trotzdem den Fernseher eingeschaltet, fühlte mich bestens unterhalten, habe mit den anderen Zuschauern und mit Lena mitgefiebert und viel Unsinn über diese absurde Show geschrieben. Fernsehen war ja angeblich schon immer gemeinsames Lagerfeuer, und was liegt da näher, als basierend auf diesem Bedürfnis und Cory Doctorow folgend („Not Content ist king. Conversation ist king. Content is just something to talk about.“), Fernsehen mit Social Media zu verknüpfen.


    These 3: Faulheit siegt!

    (Bildquelle: CC-BY der_dennis flickr.com)

    Der großartige Peter Glaser sagt: „Faulheit siegt!“. Was er damit meint, ist, dass im Web gerade solche Angebote absurd erfolgreich sind, die maximal einfach und „super convenient“ sind. Google mit seiner „Instant-Suche“, Amazon mit seinem unerschöpflichen Angebot und „One-Klick“ sind da gute Beispiele. RSS ist als einfache und praktische Technik, die für viele einen Tick zu abstrakt und umständlich zu sein scheint, vielleicht ein Gegenbeispiel. Auch das klassische Fernsehen ist ein gutes Beispiel für eine solche bequeme Angebotsreduktion. Kein lästiges „Hochfahren“ oder Anmelden, einfach einschalten (oder eingeschaltet lassen), und man kann und soll nicht anderes tun, als per Fernbedienung einen Sender zu wählen.

    Wer also, wie in den ersten zwei Thesen beschrieben, in der zukünftigen Medienwelt erfolgreich Fernsehen, Social Media, On-Demand-Internetinhalte, Lean-back- und Lean-Foreward-Nutzung verbinden will, kann nur dann sehr erfolgreich werden, wenn die Nutzung extrem einfach sein wird.


    These 4: Fernsehen der Zukunft ist in ein mediales Ökosystem eingebettet

    (Bildquelle: CC-BY Paul Robertson flickr.com)

    Bei diesen Entwicklungen rund um das Fernsehen der Zukunft werden sich bereits bestehende Systeme miteinander verbinden und interagieren.

    Um das TV-Set als zentrales Element gruppieren sich die verschiedenen Arten von Endgeräten: Große Screens und vor allem ein großer Bildschirm im Wohn- oder Schlafzimmer werden wie bislang das Zentrum bleiben, ergänzend nehmen Parallel-Nutzungsmuster, zum Beispiel auf Handhelds unterschiedlicher Art und Größe wie Smartphones oder Tablet-PCs, in neuen Nutzungssituationen eine erkennbare Rolle ein.

    Um das lineare Programm herum gruppieren sich andere Nutzungsmuster wie zeitversetztes Sehen, Spulen, On-Demand.

    Um die Inhalte herum gruppiert sich ein digitales, soziales System aus Parallelkommunikation (Kommentare, Hinweise, Links etc.) der Macher und Nutzer.

    Das alles ist ja heute schon da, bloß hat es noch niemand zu einer gut geölten und als Einheit wahrnehmbaren Ganzheit zusammengefügt. Was mich zur letzten These, der Bonusthese, bringt.


    4a Bonusthese: AppleTelevision wird der Gamechanger!

    (Bildquelle: CC-BY niallkennedy flickr.com)

    Für die in These 4 beschriebenen, geschmeidigen Verkopplungen braucht es die entsprechende Hardware, grundlegendes Verständnis des digitalen Wandels und mutigen Gestaltungswillen.

    Ich finde es naheliegend, dass ein aufregend gut designtes und auf radikale Art einfaches TV-Gerät in Verbindung mit einer glatten und reibungslosen Integration von Content und Kommunikation den Fernsehmarkt revolutionieren wird – so etwas Ähnliches wie T-Entertain, aber mit mehr „Sofort-haben-will-Appeal“. Und da behaupte ich jetzt einfach einmal, dass es die Firma Apple sein wird, die diesen Markt umkrempeln wird.

    Apple hat im letzten Jahrzehnt mehrfach gezeigt, wie man mit der Kombination aus neuartiger Hardware und einem Content-Öko-System ganze Märkte revolutionieren kann – die Musikindustrie mit dem iPod und die Telekommunikationswelt mit dem iPhone. Ich glaube, die Zeit für ein bahnbrechendes iTelevision ist reif.

    Wer möchte dagegen wetten?



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    2 Kommentare

    1. […] Viereinhalb Thesen zur Zukunft des Fernsehens: Was ist also zu tun? Man kann qualitative Veränderungen in Systemen als einen Prozess […]

    2. Viereinhalb Thesen zur Zukunft des Fernsehens 29. November 2011 um 18:47 Uhr

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