Verdrängen neue Medien die alten?

Die Frage, ob die neuen Medien die alten verdrängen, wird schon lange in Öffentlichkeit und Wissenschaft diskutiert. Denn in der Vergangenheit hat es immer wieder Befürchtungen gegeben, dass aufkommende neue Medien die alten ersetzen werden. Als das Fernsehen kam, sagte man das Kino tot, und das Internet sollte eigentlich schon längst alle beide ausgerottet haben. 
In der Kommunikationswissenschaft wird diese Frage meist mit dem Verweis auf das »Rieplsche Gesetz« beantwortet. Diesem zufolge werden etablierte Medien keineswegs durch ein neues Medium verdrängt. Sie müssen sich allenfalls den neuen Gegebenheiten anpassen, was zu einer veränderten Funktion und Nutzung der alten Medien führen kann. Der Journalist Wolfgang Riepl hat dieses »Gesetz« bereits 1913 in seiner Doktorarbeit zum römischen Nachrichtenwesen aufgestellt und wird seither oft beschwichtigend zitiert. Denn prinzipiell besagt das Gesetz, dass kein neues, »höher« entwickeltes Medium ein altes vollständig verdrängen könne. Die Erfahrung scheint dies zu bestätigen, und auch die Medienbranche nimmt den scheinbar unerschütterlichen Grundsatz gerne auf.

tv_zenith
(Bild (cropped): Phillip – flickr – (CC BY 2.0))

Aber besitzt das Rieplsche Gesetz auch im digitalen Zeitalter noch Gültigkeit? Gerade das Internet gilt durch den Wandel von einem reinen Textmedium zu einer multimedialen Plattform als universelles Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsmedium, weshalb es besonders großes »Verdrängungspotenzial« zu besitzen scheint. Die Tatsache, dass trotz eines gestiegenen Zeitaufwandes für Mediennutzung die neuen Angebote um das nicht unbegrenzt verfügbare Zeitbudget der Nutzer konkurrieren, ist nun einmal nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl ist die Frage »Verdrängung versus keine Verdrängung« zu einfach gestellt. Denn mittlerweile wird das Verhältnis zwischen alten und neuen Medien sehr differenziert betrachtet. Der Wettbewerb zwischen verschiedenen Medien ist komplexer. So unterscheidet man nicht nur zwischen der zeitlichen und funktionalen Perspektive, sondern betrachtet vor allem einzelne Altersgruppen, in denen sich die Mediennutzung zum Teil erheblich unterscheidet. Die viel zitierten »Digital Natives«, die bereits ins digitale Zeitalter hineingeboren wurden, spielen in diesem Kontext eine große Rolle.

Grundsätzlich ist die Internetnutzung bei Teens und Twens deutlich weiter verbreitet als in der Gesamtbevölkerung. 14- bis 29-Jährige verbringen bereits mehr Zeit mit dem Internet als mit den traditionellen Medien, während in der Gesamtbevölkerung das Fernsehen und das Radio das Zeitbudget  für Mediennutzung weiterhin dominieren. Im Zeitverlauf kristallisiert sich zudem heraus, dass das Internet durch neue Inhalte wie Online-Communities, Filme und Videos immer mehr Nutzungsmotive umfassender bedienen kann und sich dadurch auch die Nutzungsmotivationen der klassischen Medien verändert haben. Sie verlieren in den letzten Jahren an Zustimmung, während das Internet in vielen Bereichen deutliche Zuwächse erzielt, insbesondere die unterhaltungsorientierte Nutzung des Internets hat stark zugenommen. In der Folge wird das Medium mittlerweile auch intensiver als Entspannungs- und Spaßmedium wahrgenommen und verändert sein anfängliches Image als reines Informationsmedium. Auch hier ist der Funktionswandel in der jüngeren Zielgruppe und damit unter den Digital Natives deutlicher ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung.

Der Blick sollte folglich auf die Ausdifferenzierung der Medien in ihren Nutzungssituationen und Kommunikationsformen gerichtet werden anstatt auf die einfache Gegenüberstellung von Koexistenz oder Verdrängung. Das ist auch vor dem Hintergrund wichtig, dass sich die hohe Diversität in der Mediennutzung durch mobile Endgeräte noch weiter intensivieren wird.

Der Artikel stammt von Birgit Stark, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, und wurde erstveröffentlicht in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der DGPuK.

Mehr zum Thema:

W. Peiser: Riepls „Gesetz“ von der Komplementarität alter und neuer Medien
In: Klaus Arnold et al. (Hrsg.): Kommunikationsgeschichte (S. 155 ff.)
ISBN 9783825813093

Eine Listung weiterer Gastbeiträge auf unserem Blog zum Thema »Kommunikation und Medien: Fragen und Antworten auf zeitgenössische Themen« finden Sie hier.

By | 2015-07-16T10:36:09+00:00 15. April 2014|Categories: Allgemein|Tags: |

Über den Autor:

2 Kommentare

  1. […] Verdrängen neue Medien die alten? Von Birgit Stark, Johannes Gutenberg-Universität Mainz […]

  2. […] haben (z.B. in der Kombination CAT Helix, Kindle Reader, Firefox-Phone). Moore’s Law trifft Riepl’s Law: Statt “Entweder-Oder” heißt es in Zukunft wohl erst recht […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar