Verdrängen Chat-Kontakte und Facebook-Freunde echte soziale Beziehungen?

In der häufig gestellten und gleichfalls diskutierten Frage, ob Chat‐Kontakte und »Facebook‐Freunde« echte soziale Beziehungen verdrängen, klingt die Antwort implizit meist gleich mit an: Befürchtet wird, dass genau dieser Fall eintritt und dass somit Online‐Beziehungen »echte« Offline-Freundschaften ersetzen könnten.

Um diese Frage aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive zu beantworten, ist der Blick zunächst auf die viel kritisierten (privaten) sozialen Netzwerke wie Facebook zu richten. Häufig wird bei der Diskussion, ob Facebook‐Freunde »echte« Freunde verdrängen, nämlich übersehen, dass die strikte Unterscheidung in Online‐ und Offline‐Freundschaften in den meisten Fällen künstlich ist: Internetnutzer schließen über Facebook und Co. nicht mit irgendwelchen unbekannten Personen Freundschaft. Stattdessen werden vielmehr Freund und Bekanntschaften aus der »echten« bzw. Offline‐Welt – im Netz‐ und Computerspieljargon auch als Real‐Life bezeichnet – in sozialen Netzwerken weitergeführt, ergänzt und vertieft. Oder anders ausgedrückt: Mit Freunden und Bekannten, mit denen man durch Schule, Arbeit, Sportverein usw. eh schon in Kontakt ist, kommuniziert man zusätzlich auch über Facebook und Co.

Weiterhin können soziale Netzwerke auch explizit als Chance für die Aufrechterhaltung bestehender Freundschaften gesehen werden. Insbesondere dann, wenn es zum Beispiel aufgrund eines Umzugs in eine andere Stadt oder ein anderes Land schwierig ist, eine bestehende Freundschaft offline weiterzuführen, werden soziale Netzwerke als einfache und kostengünstige Möglichkeit genutzt, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

Darüber hinaus bietet das Internet aber auch vielfältige Möglichkeiten, Kontakte zu Menschen zu knüpfen, die aus der Offline‐Welt nicht bekannt sind. Die Vielzahl entsprechender Angebote im Netz – man denke zum Beispiel an Partner‐ und Kontaktbörsen, Foren und Online‐Spieler-Gemeinschaften – zeigt die Bedeutung dieser Möglichkeiten auf. Solchen online geknüpften Bekanntschaften wird dabei schnell unterstellt, »schlechter« zu sein, als soziale Beziehungen, die ihren Anfangspunkt in der Offline‐Welt hatten: Unverbindlich, emotionslos, anonym und flüchtig sind einige der Charakteristika, mit denen online geknüpfte Bekanntschaften beschrieben werden. Richtig ist, dass es das Internet einfach macht, schwache und unverbindliche Beziehungen von kurzer Dauer einzugehen. Dennoch trifft es nur in sehr seltenen und extremen Einzelfällen zu, dass die sozialen Kontakte einer Person ausschließlich aus solch flüchtigen Online‐Bekanntschaften bestehen. Vielmehr hat sich gezeigt, dass auch Online‐Kontakte – werden sie über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten – Tiefe und Verbindlichkeit erreichen und von den beteiligten Personen als den »Offline‐Beziehungen« gleichwertig angesehen werden.

Die Mechanismen, mit denen Tiefe und Verbindlichkeit in der Online‐Kommunikation erreicht und aufrechterhalten werden, sind dabei lediglich anders, nicht aber besser oder schlechter als bei der Offline‐Kommunikation. Nicht selten ist es sogar zutreffend, dass diese Internet‐Freundschaften von der reinen Online‐Ebene durch persönliche Treffen zusätzlich in die Offline‐Welt überführt werden. Interessanterweise ist die Wahrscheinlichkeit dafür gerade bei aktiven und starken Internetnutzern besonders hoch. Daher zeigt sich auch bei Bekanntschaften, die zunächst im Netz begonnen wurden: Offline- und Online-Kommunikation ergänzen sich häufig. Die strikte Trennung in Offline- und Online-Freunde ist somit auch in diesem Bereich eher künstlich.

Zusammenfassend ist damit festzuhalten: Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive kann Entwarnung gegeben werden. Chat-Kontakte und »Facebook-Freunde« verdrängen echte soziale Beziehungen nicht. Wissenschaftlich besser belegt ist stattdessen, dass Online‐ und Offline‐Beziehungen oft aufeinander beruhen und sich gegenseitig ergänzen.

Der Artikel stammt von Christina Schumann und wurde erstveröffentlicht in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der DGPuK.

Mehr zum Thema:

Klaus Beck
Computervermittelte Kommunikation im Internet
Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005
ISBN 9783486578911

N. Döring
Sozialkontakte online: Identitäten, Beziehungen, Gemeinschaften
In: W. Schweiger, K. Beck (Hrsg.)
Handbuch Online‐Kommunikation
VS, 2010 (S. 159-183)
ISBN 9783531170138

Eine Liste weiterer Gastbeiträge auf unserem Blog zum Thema »Kommunikation und Medien: Fragen und Antworten auf zeitgenössische Themen« finden Sie hier.

(Bild zum Beitrag auf result.de: Francis Bourgouin – flickr – (CC BY 2.0))

Von | 2015-07-16T10:25:04+00:00 3. Juni 2014|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Kommunikation, Medienkompetenz, Neue Medien, Social Media|

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3 Kommentare

  1. Katja 20. Juni 2014 um 20:24 Uhr

    Ich denke schon, dass diese sozialen Netzwerken sehr viel Raum in unserer Gesellschaft nehmen, aber letztendlich kommt es auf jeden selbst an, was er daraus macht. Und man sollte sich Gedanken darüber machen, was einem wirklich wichtig ist.

  2. […] Verdrängen Chat-Kontakte und „Facebook-Freunde“ echte soziale Beziehungen? Von Christina Schumann […]

  3. anna 18. Juni 2016 um 10:38 Uhr

    sehr interessanter Artikel. Um ehrlich zu sein, hab ich mir diese frage bis zum heutigen Tag nicht gestellt :-)

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