TV 2020: Totgesagte leben länger

Droht dem Medium Fernsehen das baldige Ende? Nicht nur Bill Gates wurde diese Untergangsthese schon zugeschrieben, auch die Autorin Judith Rakers äußerte sich kürzlich in der Welt – die result berichtete: Das Ende des Fernsehens? Wir fragten bei den Zukunftsforschern nach und bekamen Antwort.


(von Gastautor Willi Schroll)

Das Fernsehen steht in den nächsten Jahren vor einem dramatischen Umbau. Schuld ist, wie bei Print und Musikbranche das Internet. Die universelle Digitalisierung und Vernetzung aller denkbaren Medieninhalte ermöglicht neue Verteilstrukturen, mehr Interaktion und Intelligenz bei der Mediennutzung. Zukunftsforscher sprechen von einem Megatrend, wenn ein Trend eine hohe Einschlagskraft hat und über eine geraume Zeit Veränderungen bewirkt. Die transformierende Kraft der Digitalisierung ist ein solch massiver Megatrend, sie ermöglichte das Internet, die Social Media, völlig neue Arbeits- und Kollaborationsformen und hat den Alltag der meisten gewandelt – zum digitalen (und mobilen) Lifestyle. Branchen, Unternehmen, wie auch der Einzelne reagieren auf die neuen Möglichkeitsräume und besiedeln sie mit neuen Geschäftsmodellen, Formaten und Verhaltensgewohnheiten.

Bildrechte: Z_punkt

Der Strukturwandel des Fernsehens wird bereits lange beschworen, aber auf den letzten Fachmessen der Consumer Electronics wie IFA oder CES war zu spüren, dass dieser Wandel nun beginnt, sehr konkrete massenwirksame Formen anzunehmen. Im Zentrum des Interesses steht die Verschmelzung von TV und Web, im sogenannten Connected oder Smart TV, das heisst PC-Funktionen wandern auf den Bildschirm etwa in Gestalt von nützlichen Apps. In der Tat ist Connected TV das Epizentrum der Trenddynamik. In der Zukunftsstudie TV 2020 – Die Zukunft des Fernsehens von Z_punkt in Köln wurden die komplexen Entwicklungslinien in insgesamt sechs Trendaspekten zusammengefasst:

CONNECTED TV – Die Verschmelzung von TV und Web
SOCIAL TV – Das virtuelle Miteinander im Wohnzimmer
IMMERSIVE TV – 3D-Intensität und Spiele
MOBILE TV – Fernsehen an jedem Ort
SERVICE TV – Mit dem Fernseher den Alltag steuern
PERSONAL TV – Das maßgeschneiderte Programm

Einige der Nutzungsszenarien zeichnen sich bereits in den Gewohnheiten der heutigen jüngeren und netzaffinen Nutzer ab. Die Rezeption wird beispielsweise zunehmend selbstgesteuert. Wer als digital Native jederzeit den gerade gewünschten Spiefilm herunterlädt oder viele Stunden auf Youtube verbringt, dem muss das Konzept des Programmfernsehens merkwürdig fremdbestimmt erscheinen. Werden wir durch die Personalisierung aber nicht weiter vereinzelt, gebannt in den engen Kreis der eigenen Interessen? Der zu Recht befürchteten Fragmentierung der Gesellschaft wirkt allerdings der Gegentrend zur „Sozialisierung  des Medienkonsums“ entgegen. Beim Fernsehen geschieht dies in den diversen Formen des Social TV. Mit sozialen Apps, die den Chat mit Freunden während des Fernsehens integrieren, wird die Couch virtuell verlängert, Fernsehen wird wieder gemeinschaftlicher.

Bis 2020 wird die Fernseherfahrung auch intensiver dank zunehmender 3D-Sendungen und der Integration von Rückkanal und Spielelementen. In der Wohnung wird es auch noch mehr Bildschirme und Tablets geben als heute, die ganz selbstverständlich die TV-Funktion realisieren. TV wird also zur App., wird Teil einer integralen Medienumgebung. Die massenmedialen und sozialmedialen Inhalte werden neue Querverbindungen eingehen und auch Funktionen des Selbstmanagement und der Alltagssteuerung (Internet der Dinge) werden bei Bedarf eingeblendet. Dank intelligenter Filteralgorithmen und smarter Agenten kann die Komplexität der Angebote sogar bis auf die Tageszeit und individuelle Stimmungssituation hin personalisiert werden. Technisch machbar sind auch Fernsehgeräte die für den Nutzer mitdenken, die Interessengebiete analysieren per Eyetracking-Analyse geradezu die Wünsche von den Augen ablesen. Bei aller Bequemlichkeit, solch einen smarten TV-Butler möchte vielleicht doch nicht jeder nutzen. Sehr sicher kann allerdings gesagt werden, dass die Kombination der Innovationen und Trends bis 2020 zu einer Art Super-TV führen wird. Die verbreitete These von einem „Ende des Fernsehens“, hat den wahren Kern, dass weder die Endgeräte, noch die Geschäftsmodelle, Verteilstrukturen oder Sehgewohnheiten von dem dramatischen Wandel verschont werden. Aber statt eines Endes steht dem Fernsehen vielmehr seine Neuerfindung bevor. Gerade in der Kombination der Stärken des Web mit den Qualitäten des Fernsehens können spannende neue Formate entstehen. Die Chance besteht darin, das Fernsehgerät – mittels integrierter Dienste – von einem Mono- in ein Multifunktionsgerät zu verwandeln, das auch in Zukunft ein zentrales Möbel der Unterhaltungselektronik bleibt.

Die Studie “TV 2020 – Die Zukunft des Fernsehens” ist im September beim  Beratungsunternehmen Z_punkt The Foresight Company erschienen (Autoren: Andreas Neef, Willi Schroll, Dr. Sven Hirsch). Der Report kann in der deutschen und englischen Version heruntergeladen werden:

TV – 2020 Trendstudie (dt.)

TV – 2020 Trend Study (engl.)

Über den Autor:

Gastautor Willi Schroll M.A. ist einer der Autoren der TV-2020-Studie. Er lebt in Berlin und berät als Trend- und Zukunftsforscher seit über 15 Jahren Unternehmen und Organisationen zu den Herausforderungen der Zukunft. Willi Schroll beobachtet die Schlüsseltrends für Wirtschaft und Gesellschaft, erstellt Analysen, Trendreports und Szenarien. Sein besonderer  Fokus gilt dem rapiden Wandel der Kommunikationstechnologie und deren Wirkung auf Unternehmen und Konsumenten. Ergänzend zu den Quellen in der Studie hat der Autor eine thematische Linkliste zum Thema TV 2020 zusammengestellt TV 2020 Links.

Von | 2011-10-17T15:26:32+00:00 17. Oktober 2011|Kategorien: Fernsehen, Medienforschung, Studie|Tags: , , , , , |

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4 Kommentare

  1. […] « TV 2020: Totgesagte leben länger […]

  2. […] Als Wachstumstreiber identifizieren die PwC-Experten in erster Linie “Onlinevideos, Social Networks und weitere alternative Fernsehangebote im Internet”; ihnen wird zugetraut, den Fernsehmarkt zu verändern. Können die Verbraucher TV-Inhalte auf auf verschiedenen Endgeräten (Smartphone, Media-Tablet, zweiter Fernseher…) ansehen, begünstigt dies den Anstieg des Fernsehkonsums, der letztes Jahr bereits bei 223 Minuten pro Tag lag. Wie wir aus einer anderen Untersuchung wissen, sehen auch die Digital Natives vier Stunden pro Tag fern. Fernsehen hat also Zukunft. […]

  3. Befürworter 14. November 2011 um 11:47 Uhr

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel bezüglich der Änderung der Fernsehwelt. Ich bin ein absoluter Befürworter dieser Entwicklungen. Ist es nicht eine tolle Sache zu sehen, dass sich alle Medien verschmelzen? Internet, Fernsehen und Gaming? In meinen Augen wird das Thema Spracherkennung in den nächsten Jahren auch sehr weiterentwickelt. Ein TV der durch Spracherkennung (die richtig funktioniert) alles steuern kann wäre revolutionär. Es ist jedenfalls sehr spannend zu beobachten wie es weitergeht.

  4. […] boomt. Bis zum Jahr 2020 soll Online-TV sogar das klassische Fernsehen überholen. So sagen es verschiedene Studien, die schon seit 2010 bekannt sind. Klar, die Mediatheken der TV-Sender sind jetzt schon beliebt, […]

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