Noch stehen wir am Anfang einer Krise, deren Ausmaß niemand abschätzen kann. Klar scheint jedoch, dass auch nach Überstehen dieser Pandemie nur wenig so sein wird, wie es davor war. Es wirkt zynisch, jetzt von dem „Danach“ zu sprechen, trotzdem will ich es versuchen. Denn so gewiss die Einschnitte in unser gewohntes Leben sind, so gewiss ist auch, dass diese Krise, wie schon so viele vor ihr, ein Katalysator für gesellschaftliche Entwicklungen sein wird. Die jetzige Situation treibt vor allem die Digitalisierung voran – und das in einem ungesehenen und faszinierenden Ausmaß. Ich versuche in diesem Artikel, einige Entwicklungsrichtungen und ihre Auslöser, Herausforderungen und Probleme zusammenzutragen. Noch ist es zu früh, sich irgendwelcher Ausprägungen sicher zu sein, und ein Anspruch auf Vollständigkeit wäre utopisch. Aber vielleicht ist eine solche Exploration trotzdem wertvoll.

 

Verfügbarkeit

Vorweg die in dieser Situation beste Nachricht: Das Internet in Deutschland ist verhältnismäßig stabil und wird wohl nicht zusammenbrechen, trotz eines neuen Übertragungsrekords am weltgrößten Internetknotenpunkt in Frankfurt am Main, der zurzeit etwa zehn Prozent mehr Traffic als normalerweise misst. Da der Betreiber standardmäßig 25 Prozent zusätzliche Kapazität bereithält, wird wohl nicht auf Ausnahmen der Netzneutralität zurückgegriffen werden müssen. Um das zu gewährleisten, drosseln Streaming-Anbieter und soziale Netzwerke ihre Datenmengen. Eines der größten Probleme der Digitalisierung bleibt jedoch bestehen: In ländlichen Gebieten hat immer noch jeder fünfte Haushalt keine Breitbandverfügbarkeit, also keine Verbindungsgeschwindigkeiten von 16 Mbit/s oder mehr. Die betreffenden Personen sind von den folgenden Entwicklungen also weitestgehend ausgeschlossen.

 

Homeoffice

Eine der auffälligsten zurzeit ist die plötzliche Verfügbarkeit von Homeoffice-Möglichkeiten. Diese Entwicklung fand bisher zwar auch ohne Krise statt, allerdings eher zäh. Jetzt sind Arbeitgeber*innen angehalten, ihre Angestellten ins Homeoffice zu schicken, solange es die Tätigkeit zulässt. Eine Arbeitgeber*innen-Umfrage der Bitkom ermittelte Mitte letzten Jahres zwar, dass knapp 40 Prozent der Betriebe zumindest gelegentlich Homeoffice anbieten, was schon einen großen Teil jener Jobs abdeckt, in denen Homeoffice technisch und tätigkeitsbedingt möglich ist. Dass es hier trotzdem noch reichlich Raum für Entwicklung gibt, zeigt eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, bei der 16 Prozent der Arbeitnehmer*innen angaben, dass ihnen Homeoffice nicht erlaubt werde, obwohl technisch nichts dagegen spreche. Ein Recht auf Homeoffice gibt nämlich bisher nicht. Ich konnte noch keine Zahlen zur jetzigen Situation finden, es ist zu hoffen, dass sich auch diese Betriebe anders besinnen. Zum Schutz der Arbeitnehmenden sollte auch darauf geachtet werden, das Ungleichgewicht von Führungskräften und Angestellten im Homeoffice auszugleichen, um für alle einen ausreichenden Infektionsschutz sichern zu können.

Die derzeitige Explosion der Arbeit von Zuhause führt jedenfalls zu einigen Herausforderungen. Einerseits stellt es viele Betriebe vor Kapazitätsprobleme in der technischen Umsetzung, andererseits kann Homeoffice – bei all seinen Vorteilen – zur Belastung der Arbeitnehmenden führen. Die AOK hat in einer Studie festgestellt, dass die mit Heimarbeit verbundene Flexibilität zwar einerseits zu einer deutlich besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie führt, andererseits aber psychische Belastungen mit sich bringt, da Beruf und Freizeit schlechter zu trennen sind. Der erzwungene Lerneffekt durch die Coronakrise dürfte das Homeoffice sicherlich stärker in der Arbeitskultur verankern.

 

Kommunikation

Auch der zwischenmenschliche Austausch bleibt von Corona nicht unberührt. Das Telefon feiert eine Art Renaissance, die Videotelefonie erlebt sogar eine Steigerung von etwa 50 Prozent. Einerseits ist dieser Boom auf das plötzliche Verlegen der Meeting-Kultur ins Digitale zu verdanken, die außerdem, so die Analyse von Saskia Esken (SPD), zu einer Inklusion von Menschen führt, die aus diversen Umständen sonst aus Meetings ausgeschlossen wären. Andererseits ist die Digitalisierung des Zwischenmenschlichen ein Symptom des menschlichen Drangs nach Gemeinschaft in schweren Zeiten. Beide Gründe führen zum wilden Experimentieren mit Kommunikations- und Spielmitteln. Als Computerspielforscher kann ich hier nur betonen, wie gemeinschaftsbildend Gaming sein kann.

 

Bildungsinstitutionen

Das Forschungs- und Bildungswesen wird vom plötzlichen Digitalisierungsdrang kalt erwischt. Besonders hart trifft es die Schulen, die ohnehin schon unter chronischer Unterdigitalisierung leiden. Die Schüler*innen, die Medienkompetenz eigentlich in den Schulen erlernen sollten, sind auf solche Szenarien deutlich besser vorbereitet als das Lehrpersonal oder die Schulen. Digitalisierung heißt hier übrigens nicht, dass man einfach Frontalunterricht über Skype anbietet. Um kein Fass über Interaktivität aufzumachen, erspare ich mir hier weitere Kommentare.

Die Universitäten und Hochschulen sind etwas besser aufgestellt, Möglichkeiten zum digitalen Lernen einigermaßen verbreitet. Trotzdem liegt der Betrieb zurzeit still, ohne Bibliotheken geht leider wenig.

Beide Bereiche, ebenso wie die Erwachsenenbildung, haben als zusätzliche Herausforderungen rechtliche Fragen beim E-Learning und das Bekämpfen von Falschinformation durch Aufklärung und Ausbildung kritischen Konsumierens. Alle Bildungsbereiche lernen jedoch schnell dazu. Auch hier ist davon auszugehen und zu hoffen, dass das Dazugelernte nach Corona nicht wieder in Vergessenheit gerät.

 

Konsumsektor

Hier kann man erstaunliche Bemühungen beobachten, einerseits Betriebe am Laufen zu halten und andererseits Menschen zu unterhalten, ihnen Hoffnung zu geben und sie mit Notwendigem zu versorgen. Da das Feld hier noch unübersichtlicher ist als in den vorhergehenden Bereichen, beschränke ich mich auf Beobachtungen in meinem persönlichen Umfeld. Diverse Angebote von Streamingdiensten etc. sind hinreichend bekannt. Sehr beeindruckt hat mich die schnelle Reaktion auf die Kontaktbeschränkungen der kleinen Läden, die ich hin und wieder frequentiere. So bieten die Buchhandlung um die Ecke und ein kleiner Bierladen nun Lieferdienste (auch mit Lastenrad) an, und das Konzept Marktschwärmerei bewährt sich in der Krise sehr, da man hier ohne lange Lieferketten und jetzt auch kontaktlos einkaufen kann. Der hybride Konsum zeigt seine Widerstands- und Anpassungsfähigkeit, ohne gleichzeitig auf Errungenschaften der Nachhaltigkeit verzichten zu müssen.

 

Kulturbereich

Auch die „analoge“ Kultur beweist Flexibilität, trotzdem trifft es hier insbesondere Freischaffende hart. Auch wenn viele Theater, zum Beispiel das Schauspiel Köln, digitale Angebote aus dem Boden stampfen: Ohne Auftritte in Konzertsälen, Theaterhäusern, Opern und anderen Veranstaltungsräumen bleiben viele Menschen ohne Einkommen. Die meisten Konzepte und Kunstformen lassen sich leider wirklich schlecht ins Digitale übertragen. Trotz dringender Appelle an den Staat und Zusagen der Politik entstehen sehr prekäre Verhältnisse. Hier zeigt sich die solidarische Seite der Digitalisierung. Spendenaufrufe, innovative Unterstützungskonzepte, Solidaritätsbekundungen und –aufrufe finden sich zu Hauf und werden bedient und angenommen. Zumindest ein paar „Löcher“ können so gestopft werden. Auch nicht zu unterschätzen sind Portale, die Informationen sammeln und sich flexibel der sich ständig ändernden Situation anpassen.

 

Fazit

Die Coronakrise zeigt sich also in vielen Bereichen als ein Katalysator von Digitalisierungsprozessen und kann die oft sehr schwierigen Situationen vieler Menschen, Unternehmen und Institutionen zumindest etwas verbessern. Gleichzeitig zeigen sich Ungleichheiten in der Digitalisierung und die Notwendigkeit, diese zu beheben, umso stärker. Man kann also hoffen, dass diese Krise das Positive der Digitalisierung hervorbringt und sie sich fern von Hatespeech und Großkonzernen als ein Mittel der Flexibilität und Solidarität beweisen kann.