Transmediales Erzählen: Von dem Wagnis der Grenzüberschreitung

Der SWR startet im Herbst dieses Jahres das erste transmedial erzählte Fiction-Format in der deutschen Medienlandschaft: In der Mini-Serie Alpha 0.7 geht es um eine junge Frau, die Opfer eines neurologischen Experiments wird und gemeinsam mit einem Leidgenossen für bürgerliche Rechte und gedankliche Freiheit kämpft.

6 Folgen à 25 Minuten im Fernsehen, die sowohl mit Radio als auch Internet verzahnt sind. In allen Kanälen werden zusätzlich „jeweils eigenständige Erzählstränge aufgebaut, die zusammen mit dem Film ein großes Ganzes ergeben“, so in der Pressemitteilung des Senders.  Genauer heißt es dort, diese Verzahnung erfolge beispielsweise durch Verweise im TV auf Internetseiten, auf denen man mehr Informationen zur Geschichte findet. Auch Verknüpfungen mit der realen Welt sind geplant. So soll die in der Serie etablierte Band crash:conspiracy real auftreten. Eine Fortführung der Serie wird im Radio durch eine eigene Hörspielreihe auf SWR2 realisiert. Der SWR beweist hier endlich den längst überfälligen Mut, mit einem engagierten Projekt, in dem vielfach aufstrebende, junge Schauspieler und Schauspielerinnen ihr Können unter Beweis stellen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung für das deutsche Fernsehen, wenngleich dieser noch recht zaghaft erscheinen mag.

Die Schauspieler Anna-Maria Mühe (l-r), Tobias Schenke, Victoria Mayer und Arne Lenk sind ab November 2010 in der medienübergreifenden SWR-Thrillerserie Alpha 0.7 zu sehen.  Foto: dpa
Die Schauspieler Anna-Maria Mühe (l-r), Tobias Schenke, Victoria Mayer und Arne Lenk sind ab November 2010 in der medienübergreifenden SWR-Thrillerserie Alpha 0.7 zu sehen. Foto: dpa

Lässt man nämlich den internationalen Blick schweifen, stellt man fest, dass solche Format-Grenzgänge in den USA längst etabliert sind. Vieles, was in Deutschland brandheiß zu sein scheint, hat dort längst Betriebstemperatur erreicht. Formate wie Mad Man oder Heroes werden hierzulande zwar von den Kritikern aus Journaille, Blogs etc. weit in den Himmel gelobt. Aber warum bitte dümpelt eine Serie wie Mad Man im Pay-TV bzw. auf ZDFneo herum?! Zu recht munierte das u.a. Thomas Knüwer in seinem Beitrag „Mad Men kill the old men: das Ende des Fernsehens, wie wir es kennen“ auf seinem Blog Indiskretion Ehrensache.

Was ist so innovativ an Mad Man? Schlichte Antwort: Sie ist interaktiv. Und zwar über die Ausstrahlung der Folgen hinaus. Auf der Internetseite gibt es nicht nur den mittlerweile obligatorischen Blog, auf dem regelmäßig Neuigkeiten rund um Cast and Crew gepostet wird. Es gibt dort Links zu Facebook und Twitter, wo die Hauptcharaktere selbst twittern, man findet dort einen Style-Guide, Cocktail-Rezepte, Games, Fashion Files, Aufrufe zu Casting Contests, eine MadManYourself-Site als „virtuelle Umkleidekabine“ und vieles mehr. Abseits der Internetrepräsentanz werden Mad-Man-Devotionalien wie beispielsweise das Büro-Interieur auf ebay versteigert.
Es scheint, dass die zunehmende Komplexität der Erzählstrukturen amerikanischer Serien sich auch in ihrer Vermarktungsstrategie widerspiegeln.

In Sachen Fiction hinkt Deutschland nach wie vor ein wenig hinterher, mal unabhängig von der etwas vorsichtigen Anwendung multi-/transmedialer Erzählstrukturen.  Auch inhaltlich setzen nur wenige deutsche Fiction-Serien innovative Akzente. Mit Ausnahmen, denn bei aller Kritik die in den letzten Wochen und Monaten auf die deutsche Fernsehlandschaft, vor allem auf die öffentlich-rechtliche niederprasselte: 1. ist auch nicht alles Gold was im Ausland glänzt und 2. holen deutsche Produktionen auf, und auch nach.  Im Bereich Fiction seien hier positiv erwähnt „Stromberg“, „Doctor’s Diary“, „Dr. Psycho“, „Türkisch für Anfänger“, „Mord mit Aussicht“, ja, sogar „Danni Lowinski“. Leuchtbeispiel „Derrick“ kann ja auch nicht ewig herhalten…
Die Moral von der Geschicht’? Mut zu haben bedeutet natürlich auch Risiko. Wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Aber es ist soooooo langweilig!
Bleibt sehr zu hoffen, dass der Mut des SWR zum Erfolg führt.

Und zum Schluss noch ein völlig uneigennütziger Aufruf:
Traut euch, liebe Intendanten und Intendantinnen, Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen, und sei es nur mit ausländischem Lizenzprodukt! Das deutsche Publikum ist zu mehr imstande, als ihr denkt, und der deutschen Medienlandschaft stünde es auch nicht schlecht zu Gesicht. Finde ich jedenfalls…

Von | 2010-08-17T12:50:48+00:00 17. August 2010|Kategorien: Allgemein, Fernsehen, Internet, Medienforschung, Radio|Tags: , , , |

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4 Kommentare

  1. Thomas Wenzel 17. August 2010 um 17:15 Uhr

    Was ist denn bitte heute im deutschen Fernsehen innovativ? Eine Serie die
    was auch immer daw genau bedeuten mag transmedial ist? Was heutzutage
    fehlt sind guten Geschichten, gute Schauspieler und auch gute Budgets.
    Wenn man sich das deutsche Serienallerlei ansieht kann man eigentlich den
    Fernseher getrost auslassen. Zuviel gleiches was sicht permanent wiederhohlt.
    Auch der gute Strombergwitz hat inzwischen einen Bart und taugt als innovatives
    Serienkonzept nur bedingt. Das Mad Men und andere hochgelobte Serien nur
    im Pay-TV laufen oder auch gar nicht liegt in der Regel an sehr amerikanischen Inhalten
    die einem deutschen Publikum einfach nicht nahezubringen sind.
    Das es sich aber um großartige Serien handelt liegt auf der Hand. Das diese
    gut vernetzt sind liegt nicht am Konzept der Serie sondern an der perfekten
    Vermarktung. wo wir auch schon wieder am entscheidenden Punkt angelangt
    sind, gute Serien sind deshalb erfolgreich weil sie eine gute Geschichte in einer auf dem TV bisher noch nicht gezeigten Weise vorführen (24, Lost etc.) mit vernetzung hat das nichts zu sondern einfach mit gutem Story Telling. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen erst einmal eine gute Geschichte ausdenken bevor man in transmediale Sphären vordringt …

  2. Cathrin Jacob 17. August 2010 um 21:05 Uhr

    Oh, das klingt nach Grundfrustration, die ich ja auch zum Teil nachvollziehen kann.
    Vielleicht hätte ich bei dem Inhaltlichen weniger von Innovation als von Faszination sprechen sollen. Geschichten faszinieren, wenn sie gut erzählt sind und nicht per se, wenn sie innovativ sind.
    Mit innovativ meinte ich hier auch tatsächlich eher die technische und weniger die inhaltliche Umsetzung. Ich kann über das Storytelling von “Alpha 0.7” nicht urteilen, weil ich die Serie noch nicht gesehen habe. Wenn deren Geschichte nicht fasziniert, kann der transmediale Grenzgang noch so toll sein und innovativ daherkommen. Da gebe ich dir recht. Nicht jeder fühlt sich auch von Mad Man fasziniert, wenngleich die Serie gemeinhin als innovativ gilt (btw: hast du die Serie mal gesehen?!)
    Was die “guten Schauspieler” angeht, muss ich dir widersprechen: Da gibt es wirklich einige hervorragende in Deutschland, die jedoch eher weniger in Serien auftauchen… Und dass die Förderstruktur des deutschen Films “ausbaufähig” ist, das versteht sich leider von selbst.
    Wer weiß, was für grandiose Konzepte, Stories und Drehbücher in irgendeiner Schublade versauern, die es nie an die Oberfläche schaffen, weil man an entscheidender Stelle eben nicht den Mut beweist. Den Machern von Alpha 0.7 wird die Chance gegeben, ein ambitioniertes und in meinen Augen innovatives Projekt mit Mini-Mini-Budget auszuprobieren und das ist ein kleiner aber auch mutiger Schritt, der eine Erwähnung wert ist. Mehr dann in ein paar Wochen.

  3. Thomas Wenzel 17. August 2010 um 21:40 Uhr

    Mad Men habe ich die ersten drei staffeln zu hause. ob ich allerdings von innovativ sprechen würde weiß ich nicht. dafür ist die serie eigentlich fast schon sehr konservativ angelegt. fasz schon wie eine art kammerspiel. so hat man das gefühl in der ersten staffel gibt es nur zwei orte, die agentur und das zu hause der familie draper. bei mad men überzeugt einfach die story, die sehr klassische erzählstruktur und natürlich die sehr detailgetreue wiedergabe der damaligen zeit in all ihren facetten. das ganze mediale drum herum finde ich eher zweitrangig und gibt der serie auh keine neuen inhalte sondern ist einfach gutes marketing. ob es eine serie besser macht wenn man zusätzliche medien integriert und dadurch neue inhalte transportieren will glaube ich nicht, wichtig ist was auf dem bildschirm des fernsehers passiert, fühle ich mich mich hier gut unterhalten wurde eigentlich alles richtig gemacht. als wirklich innovative serien sehe ich 24 und lost. da diese völlig neue arten der erzählstruktur hervorgebracht haben und vor allem auch sehr gut umgesetzt haben. 24 die idee das eine staffel einen kompletten tag abdeckt und lost das erzählen verschiedener ebenen gleichzeitig die aber wieder alle in einen strang münden der zu einem einzig erklärbaren ende führen. in deutschland überzeugt mich ab und der klassische autorenfilm wie er früher in der reihe das kleine fernsehspiel auftauchte. dort gab es immer wieder gute neue inhaltliche ansätze und auch visuell interessant erzählte geschichten. was sich aber sonst so tummelt sind in meinen augen schlecht kopierte amerikanische serienkonzepte die man sich nicht ansehen muss …

  4. Abe Guyer 26. Mai 2011 um 17:52 Uhr

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