Der SWR startet im Herbst dieses Jahres das erste transmedial erzählte Fiction-Format in der deutschen Medienlandschaft: In der Mini-Serie Alpha 0.7 geht es um eine junge Frau, die Opfer eines neurologischen Experiments wird und gemeinsam mit einem Leidgenossen für bürgerliche Rechte und gedankliche Freiheit kämpft.

6 Folgen à 25 Minuten im Fernsehen, die sowohl mit Radio als auch Internet verzahnt sind. In allen Kanälen werden zusätzlich „jeweils eigenständige Erzählstränge aufgebaut, die zusammen mit dem Film ein großes Ganzes ergeben“, so in der Pressemitteilung des Senders.  Genauer heißt es dort, diese Verzahnung erfolge beispielsweise durch Verweise im TV auf Internetseiten, auf denen man mehr Informationen zur Geschichte findet. Auch Verknüpfungen mit der realen Welt sind geplant. So soll die in der Serie etablierte Band crash:conspiracy real auftreten. Eine Fortführung der Serie wird im Radio durch eine eigene Hörspielreihe auf SWR2 realisiert. Der SWR beweist hier endlich den längst überfälligen Mut, mit einem engagierten Projekt, in dem vielfach aufstrebende, junge Schauspieler und Schauspielerinnen ihr Können unter Beweis stellen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung für das deutsche Fernsehen, wenngleich dieser noch recht zaghaft erscheinen mag.

Lässt man nämlich den internationalen Blick schweifen, stellt man fest, dass solche Format-Grenzgänge in den USA längst etabliert sind. Vieles, was in Deutschland brandheiß zu sein scheint, hat dort längst Betriebstemperatur erreicht. Formate wie Mad Man oder Heroes werden hierzulande zwar von den Kritikern aus Journaille, Blogs etc. weit in den Himmel gelobt. Aber warum bitte dümpelt eine Serie wie Mad Man im Pay-TV bzw. auf ZDFneo herum?! Zu recht munierte das u.a. Thomas Knüwer in seinem Beitrag „Mad Men kill the old men: das Ende des Fernsehens, wie wir es kennen“ auf seinem Blog Indiskretion Ehrensache.

Was ist so innovativ an Mad Man? Schlichte Antwort: Sie ist interaktiv. Und zwar über die Ausstrahlung der Folgen hinaus. Auf der Internetseite gibt es nicht nur den mittlerweile obligatorischen Blog, auf dem regelmäßig Neuigkeiten rund um Cast and Crew gepostet wird. Es gibt dort Links zu Facebook und Twitter, wo die Hauptcharaktere selbst twittern, man findet dort einen Style-Guide, Cocktail-Rezepte, Games, Fashion Files, Aufrufe zu Casting Contests, eine MadManYourself-Site als „virtuelle Umkleidekabine“ und vieles mehr. Abseits der Internetrepräsentanz werden Mad-Man-Devotionalien wie beispielsweise das Büro-Interieur auf ebay versteigert.
Es scheint, dass die zunehmende Komplexität der Erzählstrukturen amerikanischer Serien sich auch in ihrer Vermarktungsstrategie widerspiegeln.

In Sachen Fiction hinkt Deutschland nach wie vor ein wenig hinterher, mal unabhängig von der etwas vorsichtigen Anwendung multi-/transmedialer Erzählstrukturen.  Auch inhaltlich setzen nur wenige deutsche Fiction-Serien innovative Akzente. Mit Ausnahmen, denn bei aller Kritik die in den letzten Wochen und Monaten auf die deutsche Fernsehlandschaft, vor allem auf die öffentlich-rechtliche niederprasselte: 1. ist auch nicht alles Gold was im Ausland glänzt und 2. holen deutsche Produktionen auf, und auch nach.  Im Bereich Fiction seien hier positiv erwähnt „Stromberg“, „Doctor’s Diary“, „Dr. Psycho“, „Türkisch für Anfänger“, „Mord mit Aussicht“, ja, sogar „Danni Lowinski“. Leuchtbeispiel „Derrick“ kann ja auch nicht ewig herhalten…
Die Moral von der Geschicht’? Mut zu haben bedeutet natürlich auch Risiko. Wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Aber es ist soooooo langweilig!
Bleibt sehr zu hoffen, dass der Mut des SWR zum Erfolg führt.

Und zum Schluss noch ein völlig uneigennütziger Aufruf:
Traut euch, liebe Intendanten und Intendantinnen, Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen, und sei es nur mit ausländischem Lizenzprodukt! Das deutsche Publikum ist zu mehr imstande, als ihr denkt, und der deutschen Medienlandschaft stünde es auch nicht schlecht zu Gesicht. Finde ich jedenfalls…