Status quo Medienwandel: eine Einordnung (Teil 1)

Vor einigen Tagen erschien ein Bericht über die Ergebnisse des »Media Consumer Survey« von Deloitte. Thomas Koch wies darauf hin, dass darin ein »Comeback des Analogen« zu erkennen sei, über das man sich freuen könne. Klaus Eck widersprach dem und betonte, dass die digitale Mediennutzung weiter auf dem Vormarsch sei und die Bereitschaft für Paid Content steige.

Beiden Ansichten kann ich ganz gut folgen, was vielleicht wundert, denn sie wirken zunächst widersprüchlich. Allerdings sind sie das nur auf den ersten Blick. Ich glaube, man muss in der ganzen Debatte um Medienwandel zunächst einmal die Begriffe schärfen. Oft werden verschiedene Aspekte der Medien miteinander vermischt, was sicher zu einem indifferenten Bild führt.

Als Erstes muss man zwischen Medien als Plattformen/Ausspielwege oder Trägermedien auf der einen Seite und Medien als Content-Produzenten auf der anderen Seite unterscheiden. Oft werden zwar beide Seiten – wie etwa beim Radio oder Fernsehen – zusammengesehen, da sie sich in einer Institution verbinden. Die Konsequenzen der Digitalisierung sind bezogen auf diese beiden Bereiche allerdings sehr unterschiedlich.

Da ich selbst in meinen jüngsten Blogpost konstatierte, dass Blogartikel nicht zu lang sein sollten, die Beschäftigung mit dem Thema aber einer gewissen Ausführlichkeit bedarf, werde ich meine Ausführungen in zwei separaten Artikeln veröffentlichen. Teil 1 im Folgenden, Teil 2 hier.

 

Medien als Plattformen/Ausspielwege oder Trägermedien

Bei Medien geht es immer (auch) um Ausspielwege oder Plattformen. Diese Ausspielwege sind im Großen und Ganzen – soweit möglich – generell digitalisiert, und es gibt nur noch wenig »echt analoge« Medien im technologischen Sinne. Allerdings kann man zwischen »klassischen« oder »traditionellen« sowie »neuen« Medien unterscheiden.

Unter Plattformen/Ausspielwege verstehe ich Radiosender/-geräte, Fernsehsender/-geräte, aber auch Plattformen für Paid TV, Streaming Dienste (Netflix oder Amazon Prime) wie auch YouTube. Medienträger sind Zeitungen/Zeitschriften, E-Paper, Bücher, E-Books, Musikspeicher wie CDs, Platten, DVDs und – soweit es sie noch gibt – die gute alte Videokassette. Aber auch das Foto muss man hier nennen.

Wie ich es sehe, ist bei den Plattformen und Ausspielwegen der Kampf längst entschieden: Analoges Radio, analoges Fernsehen wird es nicht mehr geben. Dieser Verbreitungsweg wird über kurz nicht lang abgeschaltet, sodass die »alten Medien« Radio und Fernsehen künftig nur noch digital empfangbar sind. Ein Trend zum Analogen ist hier also schlicht nicht möglich, einen Trend zum »klassischen« – sprich linearen – Angebot könnte es dagegen durchaus geben.

Anders bei den Medienträgern: Hier ist auf Sicht immer noch ein paralleles Angebot von analogen und digitalen Trägern gegeben. Man kann Bücher, Zeitungen und Musik sowohl digital in Form von E-Formaten kaufen oder mieten, man kann sie aber auch noch haptisch in Form von analogen Speichermedien erhalten. Beim Video haben wir allerdings eine Ausnahme: Analoge Aufnahmen gibt es schon lange nicht mehr, auch die DVD ist ein digitales Medium. Interessanterweise entwickeln sich nicht alle Medienträger in gleicher Weise. Es zeigen sich komplett unterschiedliche Nutzungspräferenzen, die zu unterschiedlicher Geschwindigkeit beim Einzug der digitalen Trägermedien sorgen.

Video:

Bei Videos ist der Medienträger kaum von Bedeutung. Die Entscheidung, eine DVD zu kaufen oder einen Film über eine Videoplattform zu mieten, ist keine, die auf den Träger des Mediums zurückgeht. Vielmehr geht es (von Ausnahmen abgesehen) um die Frage, was günstiger ist und ob man den Film/die Serie zu den persönlichen »Evergreens« zählt, die man häufiger ansehen möchte oder nicht. Plattformen haben hier klar die Nase vorn, da man direkt vom Sofa aus kaufen oder mieten kann und die Nutzung komfortabel und bequem ist. Außerdem spart man sich DVD-Regale.

Musik:

Allgemein wird auch hier der Trend zu Plattformen gehen. Digitale CDs kommen definitiv aus der Mode, da die nachfolgenden Generationen Musik durchaus als ein Produkt ansehen, dass man nicht in haptischer Form »besitzen« muss. Der Vorteil einer Plattform, die den gesamten Musikkosmos zur Verfügung stellt und auf der ich mir die jeweils aktuellen Titel »leihe«, überwiegt deutlich gegenüber dem Motiv, eine CD sein Eigen zu nennen. Dazu kommt das unschlagbare Plus, dass ich von einem Künstler nicht eine ganze Platte kaufen muss, sondern mir die Titel auswählen kann, die mir gefallen.

Dennoch gibt es auf der anderen Seite ein Comeback der Vinyl-Platte (und scheinbar ist auch die gute alte MC gerade auf besten Weg zurück in die Zukunft). Dies ist ein ergänzender, kein substituierender Trend zur Digitalisierung. Wenn ich keine Musik in Form von CDs mehr besitze, dann habe ich Raum für ein neues Medium, dass mir Musik von besonderer Relevanz näherbringt. Die Platte ist gegenüber der CD das eindeutig schönere Medium. Sie ist besonders, empfindlich, kann gestaltet werden, hat Charakter und liefert ein beeindruckendes Cover mit. Vinyl ist damit der richtige Träger für die Musik, die ich nicht nur fern von mir in der Cloud, sondern nahe bei mir im Regal haben will.

Buch:

Dieses Medium wehrt sich gegen die Digitalisierung. Im Grunde gar nicht verwunderlich. Meine These: Wer liest, liest nicht nur Bücher. Leserinnen und Leser haben sehr häufig einen Job, bei dem sie lesen müssen. Sie lesen Nachrichten, Fachthemen etc. Die meisten Inhalte, die im beruflichen oder im Informationsumfeld gelesen werden, konsumieren wir in aller Regel digital am Bildschirm. Das Buch, das dagegen meist Freizeitvergnügen ist, wird damit gleichzeitig für viele eine Alternative zum Bildschirm. Daher möchte man nicht auch hier auf ein digitales Medium wechseln, sondern gerne bei der Papierform bleiben.

Dazu kommt, dass das E-Book weniger deutliche Vorteile bietet, wie man sie z. B. bei einer Musikplattform hat. Ich kann im E-Reader selbst nur schwer Bücher auswählen, ich muss jeden Titel individuell kaufen und kann kein »Leseangebot« mieten, man verliert das Cover als »Leseanreiz«, man misst den haptischen Eindruck von Papier und man kann seine E-Books nicht verleihen. Viele Nachteile, denen eigentlich nur ein relevanter Vorteil gegenübersteht: das Gewicht im Koffer bei Reisen. Hier gewinnt das E-Book, da schlicht das Schleppen von Büchern entfällt.

So ist es nicht überraschend, wenn viele das E-Book mit Buch kombinieren, dem Buch insgesamt aber immer noch den Vorzug geben.

Zeitung/Zeitschriften:

Zeitschriften bündeln unterschiedliche Nutzungsmotivationen, da sie thematisch so vielfältig sind. Sie werden gelesen, um sich dienstlich oder privat zu informieren, sie dienen aber auch der Unterhaltung oder dem Zeitvertreib.

Zeitschriften im dienstlichen Kontext, die der Information dienen, werden häufig digital ersetzt. Vor allem Twitter-Nutzer wissen: Digitale Inhalte lassen sich besser teilen, bieten leicht zu folgende Verweise auf andere Inhalte und lassen bequem ergänzende Recherchen zu.

Bei Informationsangeboten für die private Nutzung verhält es sich ähnlich wie beim Buch: Wenn der Leser bzw. die Leserin häufig digitale Inhalte konsumiert, mag die Zeitschrift auf Papier als Abwechslung dienen und wird deshalb beibehalten. Sicher ist es aber schwer, als informationsorientiertes Zeitschriftenangebot zu bestehen, da das Netz hier mit höherer Aktualität und großer Vielfalt eine enorme Konkurrenz darstellt.

Anders ist die Situation bei unterhaltenden Zeitschriften. Kreuzworträtsel möchte man auf Papier lösen, Rezepte auf Papier sind beim Kochen noch immer sehr praktisch. Die Schwierigkeit der Verlage ist hier: zwischen Kreuzworträtsel und Rezept so spannende/schöne/attraktive Inhalte zu bieten, dass der Kauf der gesamten Zeitschrift zusätzlich zum vorhandenen Onlineangebot noch lohnt. Ein Beispiel, bei dem dies gut gelungen ist: Die Zeitschrift »Landlust« mit ihrer gesamtheitlich hoch ästhetischen und lebensbejahenden, idealistischen Ausrichtung.

Bei Zeitungen spielen ebenfalls verschiedene Aspekte eine Rolle: das Format (für viele unhandlich), die Inhalte (Lokales, Hintergrund versus Aktuelles) und das digitale Alternativangebot (kostenloses Onlineangebot vorhanden/nicht vorhanden). Entsprechend der eigenen Präferenzen zu diesen genannten Aspekten entscheidet man sich für den analogen oder digitalen Träger. Möchte man zum Beispiel vorwiegend aktuelle Nachrichten und zwar mobil in verschieden Nutzungssituationen, entscheidet man sich wohl eher für das E-Paper. Interessiert man sich für Hintergründe, die man immer zu Hause am Tisch »in Ruhe lesen« möchte, bleibt man vielleicht eher bei Papier. Kann ich alles, was mich interessiert, kostenlos online finden, kaufe ich kein Abo.

Zeitungen haben das inzwischen verstanden und fangen an, ihre Angebote stärker an den Kunden und Kundinnen auszurichten. Dies ist der Grund, warum Paid Content inzwischen besser funktioniert. Der Mehrwert, der für das bezahlte Geld geboten wird, wird von einigen Anbietern sehr gut deutlich gemacht. Anderen gelingt dies nicht. Entsprechend schlecht verkaufen sich ihre Angebote.

Man sieht: Betrachtet man Medien als Übertragungswege/Plattformen, dann ist es schwierig, von EINEM Trend zu sprechen. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, um den derzeitigen Medienwandel zu verstehen.


Status quo Medienwandel: eine Einordnung (Teil 2)

Von |2018-11-15T14:44:44+00:0015. November 2018|Kategorien: Allgemein|Tags: , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. Status quo Medienwandel (Teil 2) | result gmbh 15. November 2018 um 14:14 Uhr

    […] meinem vorausgegangenen Blogpost bin ich ausführlich auf Medien als Plattformen/Ausspielwege oder Trägermedien eingegangen. Im […]

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