Spiel mir das Lied im Internet – wie und wo Jugendliche Musik hören

Immer, wenn wieder einmal ein Umzug ansteht oder die Plattensammlung neu sortiert wird, dann tauchen alte Musikalben auf, die an bestimmte Momente oder Personen erinnern. So findet sich dort vielleicht das Album von Popsängerin Pink, die als Teenager als großes Vorbild verehrt wurde und heute gar nicht mehr wahrgenommen wird, oder da ist ein Mixtape – zusammengestellt von der ersten großen Liebe – unter anderem mit Songs wie “Against all odds” von Phil Collins.

“Ach ja”, hört man sich leise sagen, “Das waren noch Zeiten.” Musik ist wichtig, sehr wichtig. Musik ist das zentrale Medium, das uns beim Heranwachsen vom Kind über den Jugendlichen bis zum Erwachsenen begleitet hat, das bei unserer Identitätsentwicklung sozusagen “live” dabei war und uns auch im Alter begleiten wird. Musik dient der Abgrenzung, aber auch der Zuordnung.

Zu dieser Feststellung kommt das Forschungsprojekt Medienkonvergenz der Universität Leipzig in seiner Studie “Klangraum Internet”. Bei der Untersuchung wurden mehr als 3.800 Personen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren quantitativ befragt. Zudem fanden 40 qualitative Interviews statt.

Musik gestalten

Im Zentrum der Studie standen die Hörgewohnheiten der Jugendlichen. “Musik ist und bleibt das Medium, das den Prozess des Heranwachsens und der Identitätsbildung begleitet. Der Klangraum Internet bietet vorher nie dagewesene Perspektiven musikalischer Selbstbestimmung”, so Prof. Dr. Bernd Schorb, Leiter des Forschungsprojektes Medienkonvergenz Monitoring.

Ich möchte einige Ergebnisse der Studie im Folgenden kurz darstellen:

Hat man vor zehn Jahren noch allenfalls ein Album mit dem besten Freund getauscht und am Ende darüber gesprochen, was besonders gut und was nicht gefallen hat, so funktioniert dies heute in sozialen Netzwerken wie Facebook und dank den Angeboten von Youtube, MyVideo, Tape.tv und wie sie alle heißen auf Knopfdruck. Ein “I like” ist dort schnell vergeben. Für die Jugendlichen gehört das Internet in all seinen Facetten – sei es die Vielzahl an Onlineshops, das Recherchieren von Informationen, die Kommunikation via E-Mail, Chat oder Ähnlichem und auch die Rezeption, Bearbeitung und Produktion von Musik – zur Lebenswirklichkeit dazu. Dort ist alles – Musikbühne, Musikstudio und Konzertsaal in einem. Man kann hören, aber eben auch gestalten. Denken wir nur an Michael Schulte, der an der Castingshow “The Voice of Germany” teilnahm, aber vorher schon einen sehr erfolgreichen Youtube-Channel besaß.

Musik hören

Der Computer wird noch häufig zum Hören von Musik genutzt, aber es werden immer weniger Musikstücke abgespielt, die auf dem Rechner gespeichert sind. In der Forschung spricht man von der Entwicklung weg vom Offline- hin zum Onlinemedium. Die Rezeption aktueller Titel aus dem Internet nimmt zu. Sprechen wir von Musikstücken im Netz, dann fällt ein großes Stichwort: Youtube. 2008 waren es noch 80 Prozent der Befragten, die dort Musik gehört haben, 2012 waren es schon 93 Prozent – Tendenz steigend. Freilich gibt es im Netz noch weitere, spezialisierte Musikangebote. Diese werden aber meist von älteren Nutzern aufgesucht, die einen individuellen Musikgeschmack jenseits der kommerziellen Popmusik entwickelt haben.

Im Netz finden nicht nur Musikliebhaber, sondern auch Musiker, was sie suchen. Junge Musiker machen sich die Möglichkeiten des Internets zunutze – indem sie ihre Musik hochladen oder nach Griffen und Noten zum Beispiel fürs Gitarrespielen suchen.

Radio hören

Denken viele von uns beim Begriff „Radio“ an das gute alte Kofferradio oder zumindest an ein Gerät, so haben die Jugendlichen eine abweichende Vorstellung. Für sie steht weniger das Gerät als die Programmkonfiguration im Vordergrund. Das Alter der jungen Heranwachsenden beeinflusst nicht nur die Ausdifferenzierung des Musikgeschmacks, sondern ebenso den Zugriff auf Radioangebote im Internet. Je älter die Jugendlichen sind, umso häufiger greifen sie auf Webangebote zu. Wenn sie diese nutzen, dann sind insbesondere die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender sowie die etablierten Anbieter beliebt.

(Bild: Screenshot WDR Radiorecorder)

Die Musik auf dem Smartphone oder Mobiltelefon

Den mp3-Player könnte bald ein ähnliches Schicksal ereilen, wie ehemals den Walkman. Denn Mobiltelefone und Smartphone mit ihren immer größeren Speichern werden zu mobilen Computern. Hier findet die Lieblingsmusik der Jugendlichen Platz und ist immer dabei.

Zwar ist Telefonieren mit dem Gerät nicht aus der Mode gekommen, allerdings stehen die Übertragung von Wort und Schrift sowie von Video- und Bildmaterial oben auf der Liste. Und die Bedeutung der Handys als Musikmedium wird noch zunehmen. Drei Viertel der befragten Jugendlichen besitzen ein internetfähiges Gerät, allerdings macht nur die Hälfte Gebrauch von dieser Funktion. Zudem sind Jugendliche meist sehr kostenorientiert. Werden die Internetverbindungen günstiger, wird auch die musikbezogene Onlinenutzung an Bedeutung gewinnen.

(Bild: Screenshot iPod auf dem iPhone)

Konvergenz und Duplikation

Die Funktionen gesonderter Apparate zum Radio- oder Musikhören und zum Fernsehen laufen alle an einem internetverbundenen Rechner zusammen und machen diese quasi unnötig. Allerdings herrscht neben dieser Konvergenz – die wir im Übrigen nicht nur für das Themenfeld Musik erfahren – auch eine Duplikation. Das bedeutet: Neben dem Radiogerät, das immer noch in Bad, Küche und Auto zu finden ist, existiert ein Duplikat des Mediums auf einem internetfähigen Rechner oder Smartphone.

Radio ist nicht mehr nur das Gerät, sondern auch die Webradios, die verlängernden Angebote, bei denen Moderatoren kontaktiert und über die Sendung hinaus Informationen bezogen werden können oder zum Beispiel verschiedene Apps.

„Entscheidend für die Wahl des Angebotsträgers ist nicht der Träger selbst, nicht ob er technisch mehr oder weniger bietet, sondern der offerierte Inhalt in Relation zu den Präferenzen der NutzerInnen – so etwa dem Musikgeschmack der Jugendlichen“, heißt es im Fazit der Studie.

 

Die Studie ist im Juni 2012 erschienen und kann hier als Pdf heruntergeladen werden.

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