Social Networks in der Wissenschaft: Überschätzter Hype oder berechtigte Euphorie?

Im Gegensatz zur Bedeutung von Social Media-Strategien für Unternehmen, wird über die Messung des Mehrwerts durch die Nutzung relevanter Social Media-Kanäle in der Wissenschaft nur wenig gesprochen. Da jedoch zunehmend mehr Forschungsinstitute und Wissenschaftler soziale Medien für die Verbreitung ihrer Themen und Inhalte verwenden, besteht die Notwendigkeit, die Relevanz der Social Media im wissenschaftlichen Arbeitsalltag zu untersuchen.

Dieser Aufgabe bin ich in meiner Masterarbeit nachgegangen. Ausgehend von der soziologischen Sozialkapital- und Netzwerkforschung habe ich die Social Media-Aktivitäten von 343 deutschsprachigen Sozialwissenschaftlern auf den Plattformen Twitter, XING und Academia.edu dahingehend untersucht und analysiert, ob sich eine aktive Nutzung der Social Media positiv auf die Zitationshäufigkeit der Wissenschaftler auswirkt. Paarvergleiche zwischen aktiven und inaktiven Wissenschaftlern dienten dabei der Konstanthaltung des beruflichen Kontexts wie zum Beispiel des akademischen Grads, des Abschlussjahrs, der Publikationsaktivität oder der Fachdisziplin.

Insgesamt nutzen 40,36 Prozent der Wissenschaftler meines Samples aktiv eine oder mehrere Social Network-Seiten. Als wissenschaftliches Netzwerk wird Academia.edu von 34 Prozent der betrachteten Wissenschaftler genutzt. Die Nutzungsraten für XING (20,7 Prozent) und Twitter (10,8 Prozent) sind deutlich niedriger. Während jüngere Wissenschaftler eher XING nutzen, geht die XING-Nutzung mit zunehmenden Alter und höherem Status zurück. Professoren und Promovierte hingegen nutzen bevorzugt Academia.edu. Die Fokussierung auf das berufliche Netzwerk XING deutet möglicherweise auf die unterschiedlichen Karrierestufen hin, da jüngere Wissenschaftler eher an Informationen über vakante Stellen interessiert sein dürften. Für die Twitter-Nutzung lassen sich keine relevanten Unterschiede in Abhängigkeit von akademischem Grad oder Alter feststellen.

Der Vergleich der Zitationshäufigkeiten für die Jahre 2010 und 2015 bestätigt im Hinblick auf die Effektrichtung die eingangs zitierte Euphorie hinsichtlich der Social Media-Nutzung in der Wissenschaft. Wer Social Media aktiv nutzt, kann im Mittel mit mehr Zitationen rechnen. Dabei unterscheidet sich der Mehrwert allerdings nach Nutzergruppen und Plattformen. Insbesondere für Professoren, die bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad aufweisen, ist der Nutzen durch Social Media erwartungsgemäß besonders groß. Für die drei Plattformen lässt sich festhalten, dass XING die Zitationshäufigkeit nicht positiv beeinflusst und demnach auch weniger Relevanz für die Wissenschaftskommunikation hat. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede in den Zitationshäufigkeiten für aktive und inaktive Wissenschaftlern bei den beiden anderen Plattformen: Academia.edu und Twitter scheinen von ihrer Philosophie, den verfügbaren Funktionen und ihrem Nutzerkreis den Workflow des Wissenschaftsbetriebs zu unterstützen und bieten den Nutzern Informationsgewinne und eine bessere Verbreitung eigener Arbeitsergebnisse.

Ist damit schon alles zum Thema Social Media in der Wissenschaft gesagt? Ich denke nicht. Vielmehr scheint eine weitere Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex wichtig zu sein, um die Social Media und deren Funktionsweisen in der Wissenschaft besser zu verstehen. Meine Arbeit konnte zwar einen positiven Zusammenhang zwischen Social Media-Nutzung und wissenschaftlicher Reputation berichten, dennoch ist ein Vergleich verschiedener Wissenschaftsdisziplinen sowie eine Betrachtung größerer Fallzahlen notwendig, um abschließende Aussagen zu treffen.


Für zahlreiche Einblicke und Ratschläge während meines Praktikums im Frühjahr 2016 und bei der Umsetzung meiner Masterarbeit bedanke ich mich beim gesamten result-Team und insbesondere bei Jan-Peter Lambeck.


Weiterführende Informationen:


Über den Autor
Marcel Dresse ist Absolvent des M.A.-Studiengangs »Gesellschaften, Globalisierung und Entwicklung« der Universität Bonn und absolvierte im Frühjahr 2016 ein Praktikum bei uns. Auf Twitter unterwegs als @Mar_Dres

Von | 2016-10-06T14:43:20+00:00 6. Oktober 2016|Kategorien: Allgemein|

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