Social Jeck – Mein Bild vom Kölner Karneval bekommt Risse

»Social Jeck« – so das Motto des diesjährigen Kölner Karnevals. Und als „social“ habe ich Karneval bislang auch immer empfunden: Ein soziales Ereignis, das auf Solidarität beruht und sich auszeichnet durch Zusammenhalt und sympathisch-freche Kritik an den gesellschaftlichen wie auch politischen Missständen.

Jetzt möchte man die Botschaft des Karnevals also auch digital verbreiten. Das fing in dieser Saison auch durchaus gut an: Der Kölner Karneval vereint auf Facebook 23.000 Fans. Als dann der Anschlag auf Charlie Hebdo passierte, reagierte man sofort: Einen Wagen zu diesem Thema solle es geben! Man zeige sich solidarisch! Und die Facebook-Fan-Gemeinde sollte ihn sogar auswählen! Wie schön! Wie social! Alle lokalen Zeitungen berichten lobend über dieses Vorhaben. Über 170.000 sehen die Seite, über 7.000 stimmen ab.

 

 

Aber dann warf eine erste Nachricht Schatten auf die Social-Media-Euphorie: Angeblich wurde dem Dreigestirn ein Facebook-Verbot auferlegt! Wenn die Meldung stimmt, wäre es schon ein wenig komisch, will man doch angeblich »social jeck« sein und sind auch die entsprechenden »Devotionalien« im Umlauf. Aber gut. Man möchte die Nachrichten halt bündeln (und zensieren?). (Die Bündelung gelingt übrigens sowieso nicht: Es gibt ja schon ganz viele Auftritte, zum Beispiel einen Facebook-Auftritt Karneval Köln mit 45.000 Fans neben der offiziellen Festkomitee-Seite Kölner Karneval mit 25.000 Fans. Oder ist die Fanpage mit den rund 69.000 Fans vielleicht die richtige?).

Okay, über all das kann man wegschauen. Man übt sich wohl noch im „social“ sein. Nachdem, was aber heute passiert ist, hat sich in meinen Augen der digitale Kölner Karneval – und damit auch der Kölner Karneval insgesamt – endgültig in Sachen »social sein« eindeutig disqualifiziert. Das Festkomitee veröffentlichte diesen Post:

 

 

»Das Festkomitee steht zur Aussage dieses Wagens und der demokratischen Abstimmung der Entwürfe sowie zum eindeutigen Votum für den geplanten Wagen. Die Meinungsfreiheit aller ist ein hohes Gut der Demokratie. Der Kölner Rosenmontagszug lebt mit seinen aktuellen Persiflagen diese Meinungsfreiheit jedes Jahr.

Wir sind sehr dankbar über die zahlreichen Rückmeldungen der Menschen zu dem geplanten Wagen. In den sozialen Netzwerken und in den Medien wurde das Thema des geplanten Wagenbaus vielfach diskutiert. Zudem haben uns in den letzten Tagen zahlreiche Rückmeldungen per Email und auf dem Postweg erreicht. Viele Menschen stimmen uns zu und bekräftigen das Vorhaben, ein Zeichen zu setzen. Einige Rückmeldungen haben uns auch von besorgten Bürgern erreicht, die wir sehr ernst nehmen. Der Karneval soll jedoch nicht zu Sorgen führen – vielmehr wollen wir alle gemeinsam unbeschwert feiern.

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht. Aus diesem Grund haben wir heute entschieden, den Bau des geplanten Charlie-Hebdo-Wagens zu stoppen und den Wagen nicht im Kölner Rosenmontagszug mitfahren zu lassen.«

Mit anderen Worten: Wir haben Euch gefragt. Ihr seid mehrheitlich dafür. Daher machen wir es jetzt … NICHT?!?! Das nenne ich mal „social jeck“ – leider im wahrsten Sinne des Wortes. Man merkt: Offline-Klüngel und transparente Einbeziehung seiner digitalen Fans passen wohl nicht ganz zusammen.

Ich persönlich finde es schade. Schade um den Kölner Karneval, auf den ich gerade wegen seiner solidarischen Haltung mit allen Gruppen der Gesellschaft immer stolz war. Was ist „Je suis Charlie“ anderes als eine Solidaritätsbekundung? Schade auch, um das „social“, dass die Karnevalsvertreter anscheinend nur offline im eigenen Netzwerk beherrschen. Und schade um Köln, das gerade mit #nokögida so ein wunderbares Zeichen gesetzt hatte und mit der heutigen Entscheidung ein gegenteiliges Signal in die Welt sendet.

FB_dislike-Button

Was mich freut: Es gibt immerhin bereits viele kritische Kommentare auf Facebook. Und sehr viele Journalisten äußern sich ebenfalls kritisch – regional wie auch überregional. Sang- und klanglos kann man eine solche Kehrtwende heutzutage nicht vollziehen – nicht mit all diesen „social Jecken“, die es überall gibt.

Von | 2015-07-15T10:53:29+00:00 29. Januar 2015|Kategorien: Allgemein, Beratung, Social Media|

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

Ein Kommentar

  1. Kommentierer 3. Februar 2015 um 17:31 Uhr

    Ich frage mich ja schon seit längerem, warum eine Frau Sabine Haas sich berufen fühlt, bei wirklich jedem Thema ihren Senf dazuzugeben?

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