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Skepsis gegenüber der Netzkultur – Keine Frage des Alters

Wir »Digital Immigrants« denken ja oftmals, dass nur wir mit unserer bildungsbürgerlichen Offline-Haltung dem Netz gegenüber so kritisch sind. Die Jüngeren – so glauben wir – sind uneingeschränkt netzaffin und gehen überwiegend bedenkenlos und auf jeden Fall positiv mit den digitalen Möglichkeiten um. Aber das Spannende an unserer differenzierten Gesellschaft ist, dass es so einfach zumeist gar nicht ist.

Meine derzeitigen Studierenden zumindest (n=48, 5. Semester, Duale Hochschule, mehr sei nicht verraten) sind anders – und deswegen sicher keine Exoten. Sie sehen das Netz extrem distanziert, sind zwar online, aber dabei auch oft gar nicht glücklich, bemühen sich um Unsichtbarkeit im Netz und haben sich von Facebook zugunsten des »privateren« WhatsApp stark zurückgezogen.

Was sind die Gründe? Und was heißt das jetzt? Geht das Internet doch wieder weg? Natürlich habe ich meine Studenten danach gefragt. Antworten waren: »Wir haben doch immer gesagt bekommen, das Internet sei gefährlich, die Daten seien nicht sicher etc. Warum wundern Sie sich jetzt, dass wir kritisch sind?«, »Ich habe dafür keine Zeit, ich will mich einfach persönlich verabreden.«, »Ich glaube nicht, dass das meine Arbeitgeber interessiert. Und wenn der meine Facebook-Seiten findet, bekomme ich dadurch eher Minuspunkte.«, »Ich sehe einfach nicht, was das bringen soll.«

Insgesamt sind die Vorbehalte, die die Studierenden äußern, exakt die, die wir »Bildungsbürger« immer für uns gepachtet hatten: mangelnde Relevanz, mangelnde Datensicherheit, Oberflächlichkeit der Informationen, unqualifizierte Dialoge, gefälschte Inhalte etc.

Klar: Es sind die »älteren« Digital Natives (Anfang, Mitte 20), aber Digital Natives sind es trotzdem. Also hatte ich doch anderes erwartet. Ich bin überrascht. Und habe das auch auf Twitter kommuniziert.

 

 

Was kann man daraus jetzt schließen:

  1. Jüngere Zielgruppen reflektieren die Medien, die sie umgeben, und urteilen durchaus differenziert.
  2. Der Plan vieler Unternehmen, seinen Kundinnen und Kunden virtuell auf Schritt und Tritt zu folgen, stößt nicht zwingend auf Begeisterung. Im Gegenteil.
  3. Die relevanten Inhalte im Netz sind für viele zu wenig sichtbar oder werden von anderen Inhalten überlagert.
  4. Das Thema Digitalisierung ist nicht nur für Unternehmen, sondern auch für uns Nutzerinnen und Nutzer eine Herausforderung, unabhängig vom Alter. Die Elterngeneration und die Unternehmen können nicht erwarten, dass die jüngere Generation dieses Thema intuitiv beherrscht.
  5. Die ungeklärten Herausforderungen rund um das digitale Angebot (Kosten, Datenschutz, Mobbing) beeinträchtigen die »Lebensqualität« der Digital Natives im virtuellen Raum.
  6. Wir glauben, sie kennen sich aus, weil sie angeblich ständig im Netz surfen. Aber auch Digital Natives »fahren im Netz ohne Führerschein«, und das scheint vielen von ihnen nicht zu gefallen. Wir sollten daher schnellstens dafür sorgen, dass sie Kompetenzen an die Hand bekommen, um sich sicherer zu fühlen. Das ist die Aufgabe von uns Älteren.

Insgesamt wurde mir einmal mehr wieder deutlich: Es gibt viel zu wenig Austausch zwischen den Generationen, zwischen Off- und Onlinern, Netzfreunden und Netzskeptikern. Das Thema Digitalisierung macht sich nicht von alleine. Man muss noch viel dafür tun, eine digitale Realität zu schaffen, die für alle Nutzerinnen und Nutzer eine Bereicherung ist.

 

12 Antworten
  1. Sandra Staub says:

    Ein hochinteressanter Artikel! Vielen Dank dafür! Alle Schilderungen zu diesem Thema in den letzten Monaten zeigen mir, dass nach wie vor gilt: Wer Angst säht, wird Rückzug ernten.

    Ich erlebe immer mehr Anfangzwanziger, die auf einer Webseite oder einem Blog nichts finden können, weil sie nur mehr die weichgespülte Welt von Apps kennen. Oft habe ich schon gehört, “da schreib ich nichts rein, ich lese nur” und dann sind wir genau wieder bei der Mediennutzung des TV, die die Älteren vorgelebt haben, fürchte ich.

    Mehr Medienkompetenz ist das Eine. Mehr Mut, diesen Raum zurückzuerobern, das Andere. Kann man das lernen?

  2. Sabine Haas says:

    “Mehr Mut, diesen Raum zurückzuerobern” gefällt mir gut. Das war dann auch meine Haltung in der Diskussion. Wir müssen aktiv umgestalten, was uns passiv nicht gefällt. Aber das dazu Möglichkeiten bestehen, muss ja erst einmal jemand vermitteln..

  3. Sebastian says:

    Vielleicht wollen die “Digital Naiven” ja einfach nur kommunizieren und gar nicht zurückerobern. Erst recht nicht _müssen_.

    Und wenn sich in meine persönliche Kommunikation ständig Unternehmen mit ihrer Werbung einklinken, ist doch klar, dass ich diese Kanäle meide und Alternativen suche, oder?

  4. Sabine Haas says:

    Dann würde das Web zum modernen Telefon oder so ähnlich. Aber das wäre dann schon recht eindimensional und bliebe sehr hinter den Möglichkeiten des Netzes zurück. Ich weiß nicht. Ich verstehe es doch mehr als “digitalen Raum”, den man sich so gestalten sollte, wie man ihn haben möchte..

  5. Sebastian says:

    “den man sich so gestalten sollte, wie man ihn haben möchte.” Genau das wollte ich oben sagen. ;)

  6. Lars Hahn says:

    Professionelle Auseinandersetzung mit Digitalisierung ist in der Tat nicht zwingend eine Frage des Alters. Auffallend ist, wie wenige Studierende bei vielen BarCamps, Twittwochs etc. sind. Sogar die republica wirkt wie ein Digitaler Migrantenverein.

    Merke: Nicht jeder, der youtubern folgt, whatsappt und nach 1985 geboren ist, muss zwingend im Netz zu Hause sein. Und umgekehrt. ;-)

  7. drikkes says:

    Punkt 6 ist nicht ernst gemeint, oder? Als ob die Alten den Jungen zu zeigen hätten, wie man das Web “richtig” nutzt…

  8. Oliver Marquardt says:

    Sehr schöner Beitrag. Natürlich nicht unbedingt repräsentativ. Aber inspirierende Sichtweisen entstehen da. Ich sehe den Hype um die Digitalisierung durchaus immer wieder kritisch. Man gewinnt das Gefühl, eine kleine Clique von Onlinemarketeers hat sich gefunden und hyped mit Vertretern aus den USA was das Zeug hält. Dabei sind wir noch lange nicht so weit. Wie verbreitet diese Skepsis ist lässt sich nur erahnen. Aber wir Deutschen stehen nicht unbedingt in Schlange ganz vorne, wenn es heißt: Innovation, wer will wer hat noch nicht! Wir haben diese stockende Veränderungsbereitschaft auch in einer kleinen Studie belegt bekommen. Allerdings nur auf Unternehmenskommunikation im Ganzen. Aber das Thema ist ja zwangsläufig auch digital. Und hier begegnet man immer wieder Ablehnung. Und das scheinbar nicht nur von 50er oder 60ern. Sondern auch von jungen Menschen. Danke für die Perspektive, Frau Haas!

  9. Claudia says:

    Man bekommt immer noch das Netz, das man sich konfiguriert. Viele junge User kennen praktisch nur Mainstreamangebote voller Werbung, besuchen kaum Blogs, wissen nicht, was ein Wiki oder eine Mailingliste ist. Auch Themen-Foren gehören in der Regel nicht zu “ihrem” Internet. Und schon gar nicht möchten sie sich damit beschäftigen, so etwas SELBER aufzusetzen und zu administrieren. Von daher ist “Punkt 6” durchaus relevant!

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Sie berichtet von ihren Studenten, die wohl qua Geburtsjahr als „Digital Natives“ bezeichnet werden können, die im Umgang mit der digitalen Welt aber eher, nun ja, reserviert agieren. Da wird auch mal eine Zeitung gelesen oder analog fotografiert. Facebook? Eher ein Must-Have zur Vernetzung und gelegentlichen Information, aber weniger ein Ort der Interaktion, wie auch die Bloggerin Sabine Haas beobachtet hat. […]

  2. […] Woche hat unsere Geschäftsführerin Sabine Haas ihre Gedanken zum Thema in einem ersten Blogpost bereits dargelegt. Nun kommt einer ihrer Studenten zu Wort. Daniel Schindler (Jahrgang 1992) […]

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