Second Screen: Warum ein Bildschirm nicht genug ist

Ich bin weder Forscher noch Psychologe aber „Heavy Internet User“ und im Besitz von zwei mobilen Endgeräten: einem Smartphone und einem Tablet. Diese kommen nicht nur unterwegs, sondern insbesondere auch abends auf dem Sofa – beim Fernsehen – zum Einsatz. Inzwischen liegen die Geräte ganz selbstverständlich auf dem Tisch vor dem Sofa, als hätten sie dort schon immer gelegen. Doch wie kommt es, dass uns der Fernsehbildschirm alleine nicht mehr ausreicht?

Die Kombination aus Tablet und Fernseher

Wie die folgende Grafik der Wirtschaftwoche und eine Studie von Nielsen zeigen, bin ich allerdings in bester Gesellschaft. Dabei steht das Tablet in der Gunst der Fernsehzuschauer noch höher als das Smartphone.

In der Studie fand Nielsen heraus, dass 45 Prozent der Amerikaner, die im Besitz eines Tablets sind, das Gerät täglich beim Fernsehen nutzen. Wir Deutschen hinken dieser Entwicklung noch ein wenig hinterher, wie diese Grafik deutlich macht:

E-Mail-Abruf und Besuch sozialer Netzwerke via Tablet

Wenn ich vor dem Fernseher Platz nehme und gleichzeitig das iPad in der Hand halte, läuft dort meistens meine Twitter-Timeline mit dem Hashtag der jeweiligen Sendung und seit Kurzem auch die Couchfunk-App. Schafft es eine Sendung nicht, meine Aufmerksamkeit zu erhaschen, so kann es durchaus sein, dass ich währenddessen in meinem RSS-Reader querlese oder mich in der Facebook-Timeline verliere.

Auch Nielsen wollte in der Studie von den Teilnehmern wissen, welche Inhalte sie bevorzugt über ihr Tablet/Smartphone parallel zum Fernsehen abrufen. Heraus kam, dass die E-Mail mit 60 Prozent ganz oben rangiert. Dicht dahinter folgen „Informationen ohne Sendungsbezug“ (46 Prozent), der Besuch sozialer Netzwerke (42 Prozent), Sportergebnisse (30 Prozent), sendungsbezogene Inhalte (29 Prozent), Informationen zu beworbenen Produkten (19 Prozent) und Coupons oder Deals passend zur gesehenen Produktwerbung.

Stichwort „Unterhaltung“

Damit wäre geklärt, welche Inhalte wir uns auf den Second Screen holen, nicht aber, warum. Fühlen wir uns nicht ausreichend unterhalten? Ist der Anspruch an Unterhaltungsprogramm gestiegen, die Formate kommen dem nicht nach, und wir versuchen dies mit unserem Smartphone oder Tablet zu kompensieren? Diesem Bedürfnis kommen Social-TV-Apps meiner Meinung nach sehr gut nach.

Der Austausch mit anderen Nutzern

Wir, die digital Versessenen, sind es doch gewohnt, uns den lieben langen Tag mit anderen Nutzern auszutauschen. Wir sharen, liken, plussen und twittern was das Zeug hält. Nehmen wir diese Nutzungsgewohnheit mit vor den Fernseher nehmen. Die gemeinsame Suche nach dem Täter beim Tatort am Sonntag wäre dafür ein Beispiel.

Das gemeinsame Erlebnis

Gemeinsam fernsehen hat mit dem Social Web und den mobilen Endgeräten eine völlig neue Bedeutung bekommen. Denn „gemeinsam“ bedeutet nicht, dass zwei Menschen vor demselben Gerät sitzen, sondern nur „zeitgleich“ eine Sendung schauen und über ein Netzwerk oder eine App miteinander verbunden sind. So holen wir uns Freunde und Verwandte zu uns auf die Couch. Und was gibt es Schöneres, als mit anderen Fans– wenn nicht im Stadion, dann doch virtuell verbunden –ein Spiel des Lieblingsfußballvereins zu schauen und zu kommentieren?

Informationsunterversorgt

Laut Nielsen rufen 29 Prozent der befragten Tablet-/Smartphonebesitzer über die mobilen Endgeräte sendungsbezogene Informationen ab. Welcher Schauspieler spielt im besagten Film mit? Wer ist der Regisseur? Wer hat die Titelmusik komponiert? Diese Fragen werden in der Regel erst am Ende eines Spielfilms – nämlich im Abspann – beantwortet. Über den Second Screen lassen sich diese Zusatzinformationen parallel zu Film abrufen.

Informationsüberflutet auf Kosten der Konzentrationsfähigkeit

Ich würde allerdings noch einen Schritt weiter gehen. Wir bewegen uns tagtäglich in einer Informationsflut, die nicht wenige Nutzer überfordert. Und ich bin der Meinung, dass wir inmitten dieses Überangebots an Information verlernt haben, uns auf einen Inhalt zu konzentrieren.

Um das Informationsangebot, das in „Echtzeit“ an uns vorbeiwirbelt, erfassen zu können, werden Inhalte häufig nur überflogen – für tiefere Einblicke fehlt häufig auch einfach die Zeit. Und manch einer erschreckt, wenn er versucht, sich daran zu erinnern, wann er das letzte Mal einen Text von vorne bis hinten gelesen hat. Nebenbei mal eben eine E-Mail beantworten, Texte schreiben und immer wieder einen Blick auf Tweetdeck werfen, Zeitung lesen und dabei Radio hören. Und bei all der Parallelnutzung hat man immer noch das Gefühl, eine wichtige Information zu verpassen, oder etwa nicht? Ich persönlich kenne dieses Gefühl sehr gut. Denn ich würde mich nicht als internetsüchtig, wohl aber als „Informationsjunkie“ bezeichnen. Dieses Bedürfnis nach Information macht auch vor dem Fernseher nicht halt – Unterhaltung auf dem Fernsehbildschirm und Informationsnachschub auf dem Second Screen.

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3 Kommentare

  1. […] Second Screen: Warum ein Bildschirm nicht genug ist » Von Christine Heller » result blog […]

  2. […] Noch ein kleiner Hinweis am Rande. Das Thema “Social TV” ist eines, was mich in der letzten Zeit immer häufiger begleitet und beschäftigt. Das Phänomen “Second Screen” ist mit diesem unweigerlich verbunden. Im Blog meines Arbeitsgebers habe ich ein Paar Überlegungen angestellt, warum wir beim Fernsehen eigentlich Smartphone und Tablet nicht mehr aus der Hand legen können. Eine meiner These: Inmitten dieses Überangebots an Information haben wir verlernt, uns auf einen Inhalt zu konzentrieren. Hier geht’s zum Artikel. […]

  3. […] in Bezug auf das “second screening” informieren möchte, kann das gern hier tun. Artikel teilen:E-MailDruckenTwitterFacebookPinterest […]

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