Wenn ich ein Beispiel herauspflücken müsste, um zu zeigen, warum »Web 2.0« mehr ist als ein Klingelwort, nämlich eine neue Art von Internet und eine völlig neue Art von Medium – würde ich Last.fm nennen.

Im Zusammenhang mit Web 2.0 wird und wurde ja auch viel Unsinn getan und vor allem geredet. Über dieses Second Life zum Beispiel, die Älteren werden sich vielleicht erinnern. Aber auch viel Richtiges, zum Beispiel, dass der Begriff Web 2.0 in die Irre leiten kann, weil die damit verbundenen technischen Innovationen wie RSS, Ajax oder datenbankgestützte Websites mit Permalinks für sich betrachtet eher wenig revolutionär sind.

Unsere Definition von Web 2.0 setzt deshalb beim Nutzerverhalten an und bezeichnet eine Art und Weise das Internet zu nutzen: „kommunikativ“ und „mitgestaltend“. Vergessen darf man dabei natürlich nicht das „Web“ in Web 2.0, also die Tatsache, dass im Internet Kommunikation und Mitgestaltung vernetzt werden können.

Last.fm ist ein Web-Radio. Die Benutzung ist denkbar einfach. Es gibt ein googleeskes Suchfeld, in dem man nach Künstlern, Alben oder Genres suchen kann. Es wird dann automatisch eine Radiostation generiert, die die entsprechende Musik abspielt. Wenn einem ein Titel nicht gefällt, kann man ihn überspringen oder für immer bannen. Als Grundfunktion ebenso einfach wie schlüssig.

Aber das ist eben noch lange nicht alles. Denn Last.fm ist ein Web2.0-Radio, also eine Website mit vielen Möglichkeiten zur Nutzerbeteiligung. Und weil Musik Menschen bewegt, wird von diesen Möglichkeiten tatsächlich auch Gebrauch gemacht. Als Hörer kann man automatisch übermitteln, welche Musik man gerade hört, man kann verschlagworten, lieben oder hassen, kommentieren, bloggen, Fotos, Videos hochladen und mitbekommen, was andere hören.

Im Ergebnis bedeutet das, dass man Musik

  • aus bestimmten Genres
  • von bestimmten Künstlern oder Alben
  • die so ähnlich ist wie bestimmte Künstler
  • die andere Hörer hören, welche auch die Musik mögen, die man selber mag („Nachbarn“)
  • die man selber auf einer Favoritenliste abgelegt hat

als „Radiostation“ abspielen kann.

Zwischen diesen Möglichkeiten kann man einfach wechseln, so dass man sich vom jeweils gerade Gehörten leiten und treiben lassen kann. Darüber hinaus kann man:

  • Charts, sortiert nach Genres, Künstlern oder Nutzern ansehen und hören
  • per Link CDs der aktuell gehörten Musik bestellen
  • Videos, Fotos, Kommentare, Wikis zu Künstlern ansehen, hochladen und editieren
  • Profile von anderen Nutzern besuchen, Listen der von ihnen angehörten Musik ansehen und -hören
  • Kontakt mit anderen Hörern aufnehmen
  • sich in Online-Fanclubs organisieren
  • Konzerttermine, der aktuell gehörten Künstler ansehen, Konzertkritiken lesen oder schreiben und Kontakt mit Hörern aufnehmen, die das Konzert besuchen oder besucht haben
  • sich als Label oder Künstler anmelden, um eigene Musik und Events über diesen Weg zu verbreiten
  • ein eigenes „Radio“ mit persönlicher Lieblingsmusik erstellen und auf der eigenen Website einbauen
  • und, wenn man über ein mobiles Gerät (Notebook, Telefon, Autoradio) auf das Web zugreifen kann, das alles auch von unterwegs tun

Aber wenn man will, kann man eben auch einfach nur „Play“ drücken und Musikradio hören.

Falls jetzt jemand meint, ich würde hier Werbung für Last.fm machen – ich werde nicht dafür bezahlt. Last.fm ist, wie Wikipedia oder Google, eines dieser Angebote im Internet, die mir mit ihren Möglichkeiten immer wieder die Kinnlade runterklappen lassen und verdeutlichen, dass wir derzeit Zeugen einer historischen Zeitenwende sind.

Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert, Radio.