Wie ich auf dem Kultur-Blog ausführlich beschrieben habe, hatte ich das Glück, als Bloggerin zur Oper Lyon eingeladen zu werden und dort mit dem Intendanten Serge Dorny zu sprechen. Seine Gedanken zur Digitalisierung möchte ich in diesem Beitrag auskoppeln, da sie mir sehr interessant erscheinen.

Dorny äußerte mehrere Thesen zur Digitalisierung, die ich im Folgenden kurz zusammenfassen möchte:

    1. Digitalisierung bringt neue Möglichkeiten, die auszuleuchten sich lohnt

Als Intendant der Oper Lyon betrachtet Dorny die digitalen Medien zunächst aus künstlerischer Perspektive. »Wir haben Videokunst in eine unserer Inszenierungen eingebunden und auch einmal eine 3-D-Oper mit teilweise virtuellen Gesangsauftritten auf die Bühne gebracht«, berichtet der 54-Jährige. Das seien zwar tolle neue Erfahrungen, aber sie seien nicht substanziell für das Erleben von Oper. Digitale Techniken sind für Dorny Gestaltungsmöglichkeiten für Inszenierungen, die inzwischen mit ins Repertoire gehören. Damit spricht er eine große Erkenntnis gelassen aus: Digitale Möglichkeiten sollte heutzutage jedes Unternehmen mitdenken. Technologie ist aber kein Selbstzweck, sondern muss immer dem eigentlichen Ziel dienen, um sinnvoll zu sein.

    2. In Kommunikation und Marketing sind digitale Verbreitungswege nicht mehr wegzudenken

Für ein Opernhaus hält Serge Dorny es für selbstverständlich, die Kommunikation und das Marketing auch auf digitalen Kanälen zu spielen. Dabei ist die mobile Erreichbarkeit der Kunden für den Intendanten längst ein Muss. Dennoch setzt er nach wie vor sehr stark auf das analoge Gespräch. »Die digitale Ansprache entbindet uns nicht von dem persönlichen Austausch mit unserem Publikum«, meint der sympathische Belgier. Auch diesen Satz sollte man verinnerlichen: Es tut Unternehmen nicht gut, wenn sie glauben, der virtuelle Dialog ersetze die analoge Kommunikation mit Kunden. Nur wenn man beides pflegt, erzielt man echte Bindung.

    3. Im virtuellen Raum werden wir zu den Gefangenen in Platons Höhlengleichnis – das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren

Dieser Gedanke hat mir besonders gefallen. Als studierte Philosophin habe ich das Höhlengleichnis immer besonders gemocht. Platon beschreibt damit sein Konzept der Idee als Idealbild jedes Seienden. In einer Höhle sitzen Gefangene, die gefesselt sind und damit nur einen festen Ausschnitt der Welt – die Höhlenwand – sehen können. Alle Menschen, die an der Höhle vorbeigehen, werden nur als Schatten auf der Wand wahrgenommen. Irgendwann glauben die Gefangenen, dass der Schatten den wahren Menschen zeigt. Dies ist Sinnbild für die Unvollständigkeit, mit der wir Menschen den Kern des Seins wahrnehmen. Ähnlich ist es für Serge Dorny in der virtuellen Welt. Die Gespräche und Begegnungen, die wir dort erleben, sind unvollständig. Und es droht die Gefahr, dass wir sie irgendwann für das Eigentliche halten. Dann ist es plötzlich wichtiger, beim Abendessen mit dem Partner die Chat-Nachrichten zu beantworten, als uns dem Gegenüber zu widmen. Die Schatten ersetzen das eigentliche Sein. Ein schönes Bild, über das nachzudenken lohnt…

 

Bildrechte Großer Saal Oper Lyon:  Stofleth