Onlinejournalismus, quo vadis?

Der öffentlich ausgetragene Schlagabtausch zwischen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust darüber, was und wie viel Öffentlich-Rechtlich im Internet darf, ging in dieser Woche in eine weitere Runde. Die Forderung nach einem „Leistungsschutzrecht“ für die Presse machte wieder die Runde, also eine Art Schutzgebühr für die Internetaktivitäten der Verlagshäuser zur Wahrung der freien und unabhängigen Berichterstattung in Deutschland.

Von „bestellten Wahrheiten“, „Staatsfernsehen“ und „Vom Volk bezahlte(r) Verblödung“ war in der vergangenen Woche die Rede. Und als sei die Depublizierung (ich votiere für das „Unwort“ des Jahres) bereits durch GEZ-Gebühren gezahlter Netzinhalte von ARD und ZDF noch nicht genug, ging man einen Schritt weiter und brachte einmal mehr die Diskussion um eine Presse-GEZ ins Rollen.

Sicherlich: Manche Entwicklungen der Öffentlich-Rechtlichen im Bereich Fernsehen und im Hinblick auf den ursprünglichen Volksbildungs- und Aufklärungsauftrag kann man kritisch begegnen. Dennoch bleiben zwei Fragen: 1. Wer bestimmt, was guter und was schlechter Geschmack ist? Wollen wir ernsthaft innerhalb einer Demokatie eine Instanz schaffen, die da die Maßstäbe setzt? Und 2.: Wie weit entfernt bleiben wir von „bestellten Wahrheiten“, wenn Verlagshäuser sich mit rechtlich-legitimierten Gebührenzahlungen und zeitgleich aus Werbeeinnahmen finanzieren?

Ist diese Entwicklung fehlender Bezahlmodelle nicht einzig dem Versäumnis der Verlage geschuldet, sich nicht frühzeitig um Alternativen gekümmert zu haben, wie zum Beispiel für die wegbrechenden Einnahmen aus Kleinanzeigen und klassischer Werbung? Stattdessen scheint man sich in der Dauerlauerstellung eingerichtet zu haben, begierlich darauf wartend – oder hoffend? –, dass von irgendwoher die ultimative Lösung aus dem Nichts erscheint oder sich bei der Konkurrenz ein hoffnungschimmerndes Erlösmodell abschauen lässt.

Mit Mashup, Nähe und Mut gegen das Rockzipfel-Syndrom ankämpfen

Wie zeitgemäßer Onlinejournalismus ausschauen kann, hat der Guardian beim Thema Wikileaks gezeigt. Ein ganzes Dossier wurde dem Thema gewidmet, ein gelungenes Mashup aus Bild, Ton, Text und Video. Und noch etwas wurde hier umgesetzt, von dem die deutsche Verlagswelt in Zukunft lernen könnte: das Erklärstück des Guardian-Enthüllungsjournalisten David Leighs, der in einem Video die Funktionsweise von wikileaks anschaulich darstellte. „Anchormen für Onlinemedien“ heißt vielleicht eine Zauberformel der Zukunft und wäre damit ein Revival des Autorenjournalismus. Bislang gesichtlose Medienschaffende sollten raus aus der faceless area und sich als Marken positionieren.

So wie ansatzweise Giovanni di Lorenzo, der hin und wieder in seinem „Blick in die Zeit“-Video die Themen der aktuellen Zeitausgabe präsentiert – das macht neugierig und verleiht den Touch des Persönlich-Verbindlichen – eine nicht zu unterschätzende Überlegung, wenn man einmal in Betracht zieht, wie unpersönlich das Netzangebot der Verlage bislang daherkommt. Kommt nicht gerade in Zeiten von Social Networking der Nahbarkeit wieder einen wichtigere Rolle zu?

Neben der Ausschöpfung der medialen Möglichkeiten und dem Faktor Nähe gilt es außerdem, vonseiten der Journalisten wagendes Vertrauen zu zeigen und Neues auszuprobieren. neon.de hat diesen Mut bewiesen und sich für das Experimet „LIVEreportage im Netz“ entschieden. Ganz gleich, wie man über das hierzu gewählte Thema denken mag: Das ist nahbarer Journalismus. Der die Livereportage durchführende Jounalist Michalis Pantelouris zieht nach zwei Wochen das Fazit: „Ich glaube fest daran, dass Journalismus den Lesern, Zuschauern, Hörern, eben den Usern gehört, aber es ist eben auch nötig, Dinge auszuprobieren, um die Werkzeuge zu entwickeln, die das auch umsetzen.“

Qualität, Vielfalt und Gesprächsbereitschaft

Vor allem aber sollte Qualität bei den Onlineangeboten vorherrschen. Dazu muss aber erst einmal der Sparmarker aus den Personalabteilungen verbannt werden. Denn wer die Stellenangebote der Branche durchforstet, muss ernüchternd feststellen, dass viele Onlineredaktionen der Verlagsbranche auch weiterhin gerne mit der Generation Praktikum bestückt werden – #blumenkübel lässt grüßen. Wer Qualität bekommt, ist eher bereit, auch dafür zu zahlen. Und obgleich taz-online mit flattr derzeit noch keine Riesengewinne einfährt, bleibt erst einmal abzuwarten, ob das Freiwillig-Zahl-System sich bereits etabliert hat, bevor die Murdoch-Radikal-Variante hierzulande greifen wird.

Nicht minder wichtig als die Qualität ist der Faktor Vielfalt. Denn wer sich seine Meinung durch eine Meinung „bild“et, der wird sich weder ein spiegel-App noch das der tagesschau auf sein Smartphone laden.

Last, but not least: Die These, dass ausschließlich das Thema die user lockt, ist – auch hier nochmal dank an die aus dem Kurzzeitgedächntnis abrufbare und diese These unterstützende „blümenkübel“-„Reportage“ – unlängst widerlegt. Die neue und den Möglichkeiten Social Web verpflichtende Richtung für erfolgreichen Onlinejournalismus muss verstärkt lauten „Conversation is King, content is just something to talk about”.

Von | 2010-08-06T14:26:24+00:00 6. August 2010|Kategorien: Allgemein|Tags: , , |

Über den Autor:

Alexa Brandt

Seit 1998 als Redakteurin für die result gmbh tätig, übernahm sie im August 2012 als zertifizierte Social Media Managerin die Leitung der Unternehmenskommunikation und kümmert sich neben der klassischen PR auch um die sozialen Kanäle und das Corporate Blog der Digitalagentur. Zudem verantwortet sie redaktionelle Projekte namhafter Kunden. Seit Juni 2013 ist sie stellvertretende Leitung der Digitalredaktion.

Hinterlassen Sie einen Kommentar