Offener Brief an die Verlage: „Liebe Zeitungen, gebt mir eine Chance, für Eure Inhalte zu bezahlen!“

Eigentlich liegt mir etwas an einem fairen, geschäftlichen Umgang miteinander. Wenn ich Leistungen erhalte, bezahle ich dafür. Wenn ich zu viel Geld herausbekomme, gebe ich das zurück. Natürlich tue ich das in der Hoffnung , dass andere genauso handeln – ganz im Sinne Kants, denn so wurde ich erzogen.

Aber dann gibt es da die Zeitungen, gegenüber denen verhalte ich mich nicht wirklich fair beziehungsweise schnorre mich furchtbar durch. Früher hatte ich das Problem nicht. Es war klar: Ich lese niemals einen Spiegel oder die komplette ZEIT. Das Format hat mich gegruselt, der viele Nachrichtentext auch. Also hatte ich ein Abo einer lokalen Tageszeitung. Die war schnell gelesen und übersichtlich. Infos aus der ZEIT oder auch der Süddeutschen mussten mir meine belesenen Freundinnen nacherzählen oder Lesenswertes anstreichen. So hatte ich immer Zeit für meine Krimis. Information kann man schließlich auch sehr gut übers Radio beziehen.

Heute ist das anders, vollkommen anders! Auf Facebook, Google+ und Twitter bin ich sehr intensiv unterwegs. Immerfort bekomme ich Hinweise auf lesenswerte Artikel. Die einen finden sie auf SPON, die nächsten in der ZEIT, der Süddeutschen, dem Freitag, der NZZ, der WELT, dem Stern, dem Westen, dem Handelsblatt, der Rheinzeitung und so weiter. Ich finde es ganz toll und wunderbar, dass ich so viele gute Anregungen und Gedanken präsentiert bekomme. Aber ich habe auch ein furchtbar schlechtes Gewissen! Nicht eine dieser Zeitungen habe ich abonniert, keine verdient auch nur einen Cent an mir. Das geht doch nicht!

Natürlich habe ich schon daran gedacht, dies zu ändern. Ich stand kurz davor, ein „Spenden-Abo“ irgendeiner Tageszeitung kaufen. Aber das ist ja nun auch Nonsens! Ich lese keine Zeitung komplett, sondern betreibe „Cherry-Picking“ aus dem Gesamtangebot.

Also, liebe Verlage, tut endlich etwas! Lasst Euch etwas Schlaues einfallen, das es mir ermöglicht, für Eure Leistung zahlen zu können! Eine Bitte hätte ich da noch: kein elektronisches Abo und auch nichts Kompliziertes. Ich wünsche mir eine Flatrate, die mir nicht vorschreibt, bei wem ich was lese und mit der mein schlechtes Gewissen ein für allemal zum Schweigen gebracht wird. Das kann doch nicht so schwer sein! Vielleicht fragt Ihr mal bei Apple an? Die haben doch immer gute Ideen …

Bildquelle: CC-BY wecand | flickr.com

Von | 2011-11-28T08:30:24+00:00 28. November 2011|Kategorien: Social Media|Tags: , , , , , , |

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

4 Kommentare

  1. Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach 28. November 2011 um 9:02 Uhr

    Äh, sorry, aber genau für so Nutzer wie Sie (und mich) sind doch diese Medien online mit Anzeigen vollgepflastert. Wir zahlen doch mit der üblichen Währung. Oder glauben Sie ernsthaft, außer brand eins und taz gäbe es noch viele Printmedien, die sich durch die Vertriebserlöse wesentlich refinanzieren? In den meisten Fällen reichen die Vertriebserlöse nicht mal, den Vertrieb zu bezahlen. (Weshalb auch das alberne Gejammer der Printhäuser so – äh, eben – albern ist, weil sie auch in Print zum größten Teil von dem leben, was ihnen auch online zur Verfügung steht: Werbung. Zumal es Berichte gibt, dass die Zugriffszahlen auf Onlineartikel durch genau die Quellen, die wir beide nutzen, um drauf zu stoßen, um 100-600% gestiegen sind, wir also genau durch unsere Nutzung, die Ihnen zu Unrecht ein schlechtes Gewissen bereitet, wesentlich zur Verbesserung der Einnahmesituation der Inhalteanbieter beitragen.
    Sind Sie etwa der Propaganda der Printhäuser aufgesessen?

  2. sabinehaas 28. November 2011 um 13:39 Uhr

    @Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach Tja, so ist das wohl. Der Propaganda aufgesessen. Ich hatte es geglaubt, dass das Print-Anzeigengeschäft zusammenbricht und die Abonennten zurückgehen und es deswegen bald das große Zeitungssterben gibt. Und ICH wäre schuld daran!! Und das fände ich ja nun wirklich schade.. :)

  3. sabinehaas 28. November 2011 um 16:26 Uhr

    Zur Ergänzung: Man hält mir an verschiedenen Stellen das Argument „Werbeeinnahmen“ entgegen. Das ist sicher nicht unberechtigt, ich bin aber auch nicht sicher, ob es trägt. Die bisherige Finanzierung war eine Mischung aus Werbung und Abo und das fand ich nicht schlecht in Sachen Unabhängigkeit. Ich bin mir außerdem nicht sicher, ob die Online-Werbung tatsächlich die Umsatzverluste der Zeitungen auffängt. Die Werbepreise sind online hart kalkuliert und es lässt sich sehr genau messen, was wirklich zu Clicks führt. Die fragmentarische Zeitungsnutzung führt dazu, dass Leser nur auf ausgewählte Artikel kommen und dort auch nicht übermäßig lange verweilen. Ob die Wahrnehmung des gesamten Print- und Anzeigenangebots dann ausreicht, um genug Werbeeinahmen einzuspielen, halte ich bei vielen Titeln für zweifelhaft. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass alle, die die kritische Hürde nicht nehmen können, einfach nicht gut genug sind… Aber gut ist eben manchmal konträr zu massentauglich und überhaupt ein relativer Begriff..

  4. Gitta Roolf 1. Dezember 2011 um 12:18 Uhr

    Dann nehmt Euch ein Beispiel an DER ZEIT. Ich kaufe jeden Monat für 8,95 € bei audible.de vier Ausgaben im Audioformat. Das sind ausführliche Artikel in einem guten Mix. Wer hat schon Zeit Die Zeit komplett zu lesen…aber hören.., das geht auch beim Sport. Und wie wir alle wissen Sport muss sein. In den Details ist das Format verbesserungsbedürftig, also eine große Chance für andere Verlage… Wir hören also voneinander!?

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