Nicht immer so nett im „Socialnet“?

Wenke Richter hat zur Blogparade mit dem Titel: „Umgangsformen im Social Web“ aufgerufen. Ehrlich gesagt überraschen mich die Verhaltensweisen mancher Menschen im Web nicht sonderlich. Der Rüpel im Netz wird sich im wahren Leben wohl kaum als charmanter Gentleman entpuppen. Dennoch bleibt die Frage: Haut so mancher in der Verborgenheit der Halb-Anonymität eher mal so richtig über die Stränge? Warum traut sich das digitale „Ich“ etwas mehr? Und wie verfährt man mit all jenen, die über die Stränge schlage?

Bildquelle: CC-BY Oude School | flickr.com



Die verbale Disziplin

Der Austausch in sozialen Netzen ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch, bloß, dass ich meinem Gesprächspartner nicht gegenüberstehe, keine Nuancen in der Stimme des Gegenübers oder nonverbale Signale der Körpersprache dekodieren kann. Ich muss mich einzig und allein auf das geschriebene Wort verlassen – emoticions können da nur bedingt gute Dienste leisten. Und steht etwas erst einmal geschrieben, versendet es sich – anders als beim tatsächlichen Gespräch – auch nicht. Umso wichtiger ist es, seine Worte gut zu wählen. Gute Umgangsformen und die Fähigkeit, ein virtuelles Gespräch zu gestalten, sind also Teil der persönlichen sozialen Kompetenz und der Bereitschaft des Einzelnen, den Meinungen und Äußerungen des Gesprächspartners mit Respekt gegenüberzutreten und diese zu tolerieren. Das heißt aber keineswegs, eigene Emotionen zu unterdrücken und damit unauthentisch zu werden – im Gegenteil! Nur sollte man darauf achten, „Ich“-Botschaften auch als solche zu kennzeichnen – auch und gerade im Social Web.

Der Klickkick

Das Social Web ist aber sicherlich ein „Verführer” in Sachen Kontaktaufnahme. Man folgt Menschen und sendet ihnen Kontaktanfragen, obwohl man ihnen nie begegenet ist. Aber warum ist das so? Zum einen liegt es vielleicht daran, dass die Verwendung von „du“, „ihr“ und „euch“ in den sozialen Netzwerken das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Der unreflektierte User erliegt schnell der Versuchung, sich als gleichwertiges Teil des Ganzen zu fühlen und entsprechend offen zu kommunizieren. So ist es meiner Ansicht nach aber nicht. Auch im Netz muss ich mir erst einmal das Vertrauen meines Gegenübers verdienen, mich – im Beruflichen – als Experte beweisen oder – im Privaten – als vertrauenswürdig. Denn dass sich Experte X und Fachmann Y auf Twitter offen über ein Thema unterhalten, heißt noch lange nicht, dass sie möchten, das Otto Normal auch gleich mitmischt. Sicher: Der Grundgedanke des Social Web ist ein anderer. Aber mal ehrlich: Die Regeln bestimmen doch auch dort die, die sich maßgeblich dort tummeln. Will meinen: Auch im Netz kann man nicht jeden einfach irgendwie anquatschen.

Das Kanalbewusstsein

Zugegebenermaßen bin auch ich auch schon einmal dem schnellen Klickkick erlegen, als ich spontan einen Kontakt über Xing zu jemanden knüpfen wollte, dessen unregelmäßig erscheinenden Newsletter ich seit Langem erhalte und über dessen Statusmeldungen ich mir schnellere Infos versprach. Und dann habe ich etwas getan, was ich sonst tunlichst vermeide: eine Kontaktanfrage auf einem Businessnetzwerk zu senden, ohne meine Absicht klar zu formulieren oder einen irgendwie gearteten direkten Bezug zu dieser Person zu haben! Die berechtigte Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Sehr geehrte Frau Brandt … Wir sind hier doch nicht bei Facebook!“

Die Einbahnstraße

Indiskutabel bis richtiggehend anstrengend empfinde ich aber all jene im Social Web, die mir unverlangt etwas verkaufen oder andrehen wollen – sei es die Trickkiste für mehr Follower (Gähn!), der Glückseligkeit versprechende Tweet von SexyCindy215bsj545 (Häh?) oder das Angebot zur überwältigenden Möglichkeit, noch heute mit einem Handschlag zur Millionärin zu werden (Si klaro!) – ohne Worte, blocken, als SPAM melden und tschüss! Das empfinde ich nicht als unfreundlich, sondern konsequent.

Mein Fazit

Wer sich im realen Leben beim Umgang mit anderen schwer tut, sich allzu oft unbedacht äußert, lieber meckert, statt das konstruktive Gespräch zu suchen, oder mir unverlangt Dinge aufschwatzen möchte, entwickelt auch im Onlinedialog schwerlich ein verbales Fingerspitzen- und Balancegefühl.

Von | 2011-07-25T07:23:35+00:00 25. Juli 2011|Kategorien: Social Media|Tags: , , |

Über den Autor:

Alexa Brandt
Seit 1998 als Redakteurin für die result gmbh tätig, übernahm sie im August 2012 als zertifizierte Social Media Managerin die Leitung der Unternehmenskommunikation und kümmert sich neben der klassischen PR auch um die sozialen Kanäle und das Corporate Blog der Digitalagentur. Zudem verantwortet sie redaktionelle Projekte namhafter Kunden. Seit Juni 2013 ist sie stellvertretende Leitung des Bereichs Agentur.

4 Kommentare

  1. Kai Thrun 25. Juli 2011 um 7:40 Uhr

    Danke für den Beitrag, auch wenn ich mit ihm nur in Maßen übereinstimme. Vielleicht aber auch, weil ich mich zu oft unbedacht äußere ;-)

    Allerdings sind mir ehrlich solche Leute lieber als die, die mir mit ihrem Höflichkeitsgeschleudere eine Maske vorhalten, nur um “gut” dar zu stehen.

    Ich denke, ich werde die Parade mal aufgreifen.

  2. Alexa Brandt 25. Juli 2011 um 8:17 Uhr

    Hallo Kai Thun,
    wenn Sie “ehrlich” i.S.v. “authentisch” meinen, liegen wir vllt mit unseren Ansichten gar nicht sooo weit auseinander? Dinge, die direkt benannt sein wollen, sollte man auch direkt ansprechen – und sich damit gezielt von der (mir persönlich im Moment häufig im socialweb auffallenden) unkritischen Masse abheben. Gerade Blogger und auch das Socialweb allgemein haben zwar einen maßgeblichen Anteil an dieser neuen Art der “offenen Kommunikation” – nicht nur in unserem Land. Aber auch hier macht der Ton die Musik – und manchmal ist vllt etwas mehr piano der Sache selbst dienlicher.

  3. […] neolog consulting » Nicht immer so nett im „Socialnet“? Wenke Richter hat zur Blogparade mit dem Titel: „Umgangsformen im Social Web“ aufgerufen. Ehrlich gesagt überraschen mich die Verhaltensweisen mancher Menschen im Web nicht sonderlich. Source: http://www.neolog-consulting.de […]

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