Mein Eindruck vom zweiten Tag des Medientreffpunkt Mitteldeutschland: Viele spannende Fragen und viele hilflose Experten.

Ja. Die Medienlandschaft hat sich verändert. Und ja. Sie ist deutlich komplexer geworden. Die Verbreitungswege klassischer Medien nehmen rasant zu, die Mediennutzungssituationen werden vielfältiger, das Angebot an Unterhaltung und Information ist horrend gestiegen. Trotzdem. Diese Entwicklungen gibt es nicht erst seit heute und die klassischen Medien haben trotz allem eine gute Marktposition – immer noch. Vor diesem Hintergrund irritiert es mich doch sehr, in welcher Art und Weise der Medientreffpunkt Mitteldeutschland den digitalen Wandel diskutiert.

Seit vielen Jahren bin ich Besucherin des Medientreffpunkt Mitteldeutschland Leipzig. Eigentlich eine kleine, feine Veranstaltung, die sich immer auszeichnete durch praxisorientierte Vorträge und Diskussionen rund um aktuelle Medienthemen. Dieses Mal ist es anders. Dieses Mal höre ich wenig praxisorientierte Themen. Dieses mal erscheinen mir viele Diskussionen ziellos und unergiebig. Die Moderatoren haben die Themen nicht im Griff, die Experten lassen keine Linie bei ihren Beiträgen erkennen.

An den Themen liegt es nicht: Es werden viele Medienthemen aufgegriffen, die derzeit hochaktuell sind: Mobile, Digitale Gesellschaft, Medienmarken im Netz… Aber man wird den Eindruck nicht los, dass Experten und Moderatoren nicht recht wissen, was sie mit diesen Themen anfangen sollen.

Oft scheinen die falschen Personen eingeladen zu sein, oft sind die Fragen der Moderatoren unstrukturiert, vage und zu weit gefasst. Insgesamt hat man den Eindruck, dass niemand bei den genannten Themen ein Ziel vor Augen hat, dass man vielmehr im Nebel stochert und eher blind die Farben zu entschlüsseln sucht. Das finde ich sehr erschreckend.

Zwei Beispiele: Da diskutiert man über die Gefahren einer möglichen geteilten digitalen Gesellschaft mit Onlinern und Offlinern und fragt dazu Kabelnetzbetreiber. Medienpädagogen und Medienpolitiker sind nicht vertreten. Oder man möchte über das Thema Heimat und Medien in einem globalisierten Zeitalter reden und kommt nach geschlagenen 50 Minuten erstmalig zu dem Thema Medien.

Ergänzt wird dieses schlechte Gefühl noch dadurch, dass es weder einen ordentlichen Twitter-Hashtag gibt, geschweige jemand, der für die Veranstaltung twittert. Und es fehlen jegliche Social-Media- oder Netzexperten und -Macher auf der Teilnehmerliste.

Vielleicht (hoffentlich) habe ich ein schiefes Bild von der Veranstaltung. Vielleicht habe ich die Kernthemen und -diskussionen übersehen. Wenn mein Eindruck aber stimmt, dann zeichnet er ein tragisches Bild von den Medienschaffenden und Experten. Dann wird es für die Veranstaltung und ihre Teilnehmer Zeit, zu den aktuellen digitalen Themen aufzuschließen und sich dem digitalen Wandel zu stellen. Die Orientierungslosigkeit sollte mehr Zielstrebigkeit Platz machen und man sollte baldmöglichst Wege einschlagen, statt an der Kreuzung zu diskutieren.

Aber noch gebe ich nicht auf. Immerhin habe ich noch einige Veranstaltungen vor mir. Vielleicht gelingt es der Veranstaltung ja noch, mich vom Gegenteil zu überzeugen…

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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