Auf dem Weg zur Arbeit und meine Twitter-Timeline durchscrollend stieß ich heute Morgen auf einen Tweet von Sawsan Chebli. Dass sich Deutsche oder in Deutschland lebende Menschen darüber echauffieren oder genervt sind, wenn man sie aufgrund ihres Aussehens hierzulande nicht auf Deutsch anspricht, kann ich durchaus nachvollziehen. Während meiner Aufenthalte in Japan wurde ich – blond und offensichtlich nicht asiatisch – immer auf Englisch angesprochen. Selbst dann, wenn ich auf Japanisch antwortete, war der nächste Satz, der mir entgegnet wurde, immer auf Englisch.

Ja, das hat genervt. Ich konnte aber auch Verständnis dafür aufbringen, da die Japaner ein Inselvolk sind, dem über viele Jahrhunderte der Zugang zur Außenwelt verschlossen blieb. Im Flugverkehr und bei Reisen hat das Bordpersonal (auch bei innerdeutschen Flügen) nun mal häufig mit multinationalen Gästen zu tun. Als serviceorientierte „Stewardess“ versucht man da vielleicht zu raten, wie man die Erstansprache verfasst. Wäre Frau Chebli keine Deutsche und hätte sie einfach auf Deutsch angesprochen, hätte man auch das nach meinem Dafürhalten kritisieren können.

Dennoch: Dass sich Sawsan Chebli in ihrem Tweet zur Situation in einem deutschen Flieger äußert, ist gut, richtig und wichtig, wie ich finde. Sie informiert authentisch aus einer Alltagssituation heraus und kann damit zur Sensibilisierung hinsichtlich des grundsätzlichen Themas einen Beitrag leisten, denn dies ist – nach ihren eigenen Worten – kein Einzelfall. Die Art und Weise, wie sie ihre Botschaft aussendet, finde ich aber befremdlich. Den letzten Teil ihrer Nachricht hätte sie für mein Empfinden anders oder gar nicht ausdrücken können. Mit dem Apell »Ehrlich, es nervt« entzündet sie mit einem Strohhalm das Feuer im Netz. Sie »reizt« die User, sich ihr anzuschließen und das Feuer zu einem Flächenbrand zu entzünden. Oder aber sie bewirkt mit einem Großaufgebot an Meinung diesem Verlautbarungsfeuer etwas entgegenzusetzen. Kurz: Von einer Person in politischer Stellung würde ich mir wünschen, dass sie das Thema in den Raum wirft, sie dies in ihrer Wortwahl aber mit so viel Bedacht tut, dass Menschen ebenfalls mit Bedacht ihre Meinung dazu äußern. Diese inzwischen weit verbreitete Aufregungskultur im Netz bringt eine Gesellschaft aus meiner Sicht nicht weiter. Sie verhärtet Fronten, statt einen echten Diskurs loszutreten – bis keiner mehr die Kraft oder auch Lust hat, aus der Erkenntnis Taten folgen zu lassen.

Der Psychologe und Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun hat vor vielen Jahren seine Theorie des Vier-Seiten-Modells (Vier-Ohren-Modells) entwickelt, um auf dessen Grundlage unsere Kommunikation zu verbessern. Seine Erkenntnisse sollten wir alle, insbesondere aber Menschen in ausgesprochener Position in den Dialog mit anderen einfließen lassen, um sprichwörtlich vorbildlich zu sein. Gestern ist das Netz 30 Jahre alt geworden. Zeit, dass wir uns endgültig von einem laxen verbalen Gebaren in der digitalen Öffentlichkeit verabschieden und auch in der Kommunikation erwachsen werden.

P. S. Statt den Satz „Ehrlich, es nervt“ zu lesen, hätte ich es interessanter gefunden, in dem Tweet von Frau Chebli zu erfahren, ob bzw. wie sie der Stewardess vermitteln konnte, welch negatives Gefühl ihre Ansprache auf Englisch auslöst.