Medienkompetenz und Migrationshintergrund: Wo fängt der Zusammenhang an, wo hört er auf?

Eine Studie zum Thema „Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund“ [1] hat als ein Kernergebnis gezeigt, dass nicht der Migrationshintergrund von Jugendlichen in NRW, sondern ihr Bildungsstatus einen hohen Einfluss auf die Medienkompetenz hat.

Auch zahlreiche Ergebnisse aus unseren Gruppendiskussionen machen deutlich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in NRW in ihrem Umgang mit den Medien ihrer Peergroup ohne Migrationshintergrund sehr ähnlich sind. So nutzen die ab 14-Jährigen im Bereich Social Community genau die Plattformen, die auch bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund „in“ sind: Youtube, Facebook oder SchülerVZ stehen bei dieser Altersgruppe – ob mit oder ohne türkische oder russische Wurzeln – ganz oben in der Nutzung:

„Zumindest eine Zeit lang war es fast Pflicht, bei SchülerVZ angemeldet zu sein, weil es alle waren.“ (Slava, 18 Jahre)

Eine Ausnahme bilden hier manche Kinder/Jugendliche aus der Gruppe der russischen Spätaussiedler. Sie halten über die russische Plattform „Odnoklassniki“ den Kontakt zu Freunden und Verwandten in der „alten Heimat“ aufrecht. Hier scheint vor allem eine Rolle zu spielen, dass diese Kinder bzw. Jugendlichen – anders als türkischstämmige Gleichaltrige der 2. oder 3. Generation – doch noch eine stärkere Verbundenheit zum Herkunftsland zu haben scheinen. Schließlich sind sie meist tatsächlich noch dort geboren und aufgewachsen.

Auch das Selbstbewusstsein, im Umgang gerade mit den neuen Medien ihren Eltern überlegen zu sein, haben Kinder aus Migranten-Haushalten mit ihrer deutschen Peergroup gemein. Genauso wie im Umkehrschluss die meisten Eltern – unabhängig von ihrer Herkunft – ihren Kindern hier ein höheres Maß an Kompetenz zuschreiben.

„Wenn meine Mutter ins Internet will, muss ich ihr zeigen wie das geht, nicht umgekehrt.“ (Dogan, 15 Jahre)
„Das ist einfach so, da müssen wir Eltern uns nichts vormachen: Unsere Kinder können mit Handy, Internet usw. viel besser umgehen als wir. Das ist für die einfach selbstverständlicher.“ (Mutter eines 15-Jährigen Sohnes, russische Spätaussiedler)

Was in unserer Untersuchung allerdings nicht überprüft werden konnte, ist die Frage, in welchem Umfang auch deutschstämmige Mütter aus eigener Unwissenheit versuchen, ihre heranwachsenden Töchter im Umgang mit dem Social Web zu reglementieren.

„Meine Mutter hat erfahren, dass da vor allem Jungs drin sind und dann musste ich mich [aus Facebook] abmelden.“ (Büsca, 14 Jahre)

Ganz offenbar „funktionieren“ Jugendliche mit Migrationshintergrund also sehr ähnlich wie die Peegroup ohne ausländische Wurzeln: Sie befinden sich in der Pubertät, versuchen sich von ihren Eltern abzugrenzen, suchen eine gleichgesinnte Community, gehen mit der Technik spielerisch um, sie tricksen aus, sie lernen dazu…

Und so kommt auch der quantitative Teil der Untersuchung zu folgendem Ergebnis:

„Insgesamt gesehen, und vor dem Hintergrund der Korrelationsanalysen, muss man […] konstatieren, dass die Nutzung der Funktionsmedien in beiden Populationen offensichtlich stärker mit dem soziodemografischen Profil der Befragten – und hier insbesondere mit der formalen Bildung – zusammenhängt als mit der sozialen Integration der Befragten.“

Das kann ja erst einmal positiv gewertet werden: Migrationshintergrund hat keinen Einfluss auf die Medienkompetenz. Darf dieses Ergebnis aber wirklich „froh“ stimmen? Muss man nicht vielmehr ketzerisch fragen, ob nicht soziale Integration und formale Bildung in ganz hohem Maß miteinander korrelieren?

Fakt ist: Der Anteil der Hauptschüler ist bei Kindern (12-19 Jahre) mit Migrationshintergrund (hier betrachtet: türkischstämmige Kinder und russische Aussiedler) in NRW ca. doppelt so hoch wie der einer bundesweit repräsentativ erfassten Stichprobe Jugendlicher (sowohl mit als auch – der größere Teil – ohne Migrationshintergrund).

Fakt ist auch, dass zumindest bei den Kindern mit türkischstämmigem Migrationshintergrund bereits die Elterngeneration über eine geringere Bildung verfügt: Schließlich hat Deutschland in den 60er/70er Jahren „Gastarbeiter“ gezielt für „niedere“ Arbeiten ins Land geholt. So ist es nach wie vor der weitaus geringere Teil türkischstämmiger Migranten, die über einen hohen Bildungsabschluss verfügen; bei den übrigen ist es so, wie in der gesamten Mehrheitsgesellschaft: Kindern aus Familien geringerer Bildung öffnen sich die Chancen zu höherer Bildung nur selten. Frei nach dem Motto „Schuster bleib bei deinen Leisten“… auch wenn sich das enorm ironisch anhört! Schaut man sich aber die Sozialisationsbedingungen gerade der Kinder mit Migrationshintergrund an, zeigt sich auch in den Gruppendiskussionen, dass sie – fast zwangsläufig – „unter sich“ bleiben: „Meine Freunde sind alle irgendwie Ausländer: Türken, Albaner, Jugoslawen. Deutsche Freunde habe ich kaum“ (Yonca, 17 Jahre) „Deutsche Freunde“, so das Fazit der gesamten Studie, „sind eine Minderheit. Die Sozialisation findet somit in einem Umfeld statt, das auf ähnliche Erfahrungen zurückgreift“ – Dies weist daraufhin, dass dieser Ironie zumindest doch ein Quäntchen Wahrheit innewohnt.

Was die russischen Spätaussiedler angeht, ist Ursache und Motiv, nach Deutschland zu kommen, sicherlich anders gelagert. Allerdings haben z.B. unsere Gruppendiskussionen, aber auch die Gesetzeslage hierzulande gezeigt, dass sich Deutschland mit der Anerkennung von Schul-, Hochschul- und Bildungsabschlüssen (nicht nur) aus Russland schwertut. Was bedeutet, dass sich Juristen, Kaufleute etc., die in Russland anerkannten Berufen nachgingen, in Deutschland plötzlich in deutlich „niedrigeren“ Berufsfeldern wiederfinden. Und dies ist nicht nur möglichen Sprachschwierigkeiten, sondern eben auch der Nichtanerkennung höherer Bildungsgrade geschuldet. Noch verstehen sich diese Menschen als höher gebildet, was sich zu Teilen auch im Umgang mit den (neuen) Medien zeigt. Aber wie wird das Bild aussehen, wenn wir uns in ein paar Jahren die russischen Spätaussiedler 2., 3., oder gar 4. Generation ansehen? Haben diese Menschen dann die Bildungshürde übersprungen? Oder haben sie sich dann dort eingerichtet, wo die deutsche Gesellschaft sie hinhaben wollte („Schuster…“)?

Haben wir es hier also mit einem „Teufelskreis“ zu tun, aus dem die Migranten noch schwieriger aus eigener Kraft herauskommen, als dies bei den niedrigen Bildungsschichten ohne Migrationstatus ohnehin der Fall ist? Wo muss man also ansetzen, um Medienkompetenz dieser offensichtlich gesellschaftlich an den Bildungsrand gedrängten Bevölkerungsschicht erfolgreich zu vermitteln?

 


[1] „Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund“: Eine Studie von Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß (im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW). Repräsentative Telefonbefragung an jeweils ca. 300 Personen mit türkischem Migrationshintergrund bzw. russische Spätaussiedler; sechs qualitative Gruppendiskussionen mit insgesamt 51 Teilnehmern, davon 34 Kinder/Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren und 17 Eltern der 12-15jährigen).

By | 2010-06-30T10:45:43+00:00 30. Juni 2010|Categories: Kommunikation, Medienforschung, Migration, result|Tags: , , |

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Ein Kommentar

  1. sabinehaas 1. Juli 2010 um 13:01 Uhr

    Viele denken: “Wir haben kein Migrationsproblem.” Stimmt. Wir haben ein Bildungsproblem… Und damit haben wir dann doch wieder ein Migrationsproblem.

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