Medienkompetenz im Netz – Wie geht das?

Es wird viel darüber geschrieben und diskutiert, dass man bei Kindern und Jugendlichen die Medienkompetenz fördern müsse und solle. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Früher war der Feind Nummer 1 der Kinder ganz klar das Fernsehen. Zuviel Fernsehen macht blöde und – je nach Sendungsinhalt – obendrein gewalttätig, hieß es, und Fernsehverbote in intellektuell-alternativen Haushalten waren die Folge. „Wir lesen lieber gemeinsam!“ – Ja, super!

In den vergangenen Jahren hat man sich glücklicherweise überwiegend aus dieser Schwarz-Weiß-Sicht befreit. Für das ehemals „böse“ Fernsehen gibt es eine Reihe von medienpädagogischen Tipps, die aufmerksame und interessierte Eltern schon lange kennen und anwenden. Beispiele sind die Zeitschrift „flimmo“ und Hilfestellungen wie diese: „Begrenzen Sie die Fernsehzeit“„Schauen Sie so oft wie möglich gemeinsam mit Ihrem Kind fern. […] Kinder haben das Bedürfnis über das Gesehene zu sprechen oder es durch Nachspielen zu verarbeiten.“„Am besten ist es, wenn das Kind gar keine Werbesendungen zu sehen bekommt.“

Heutzutage hat das Fernsehen zudem das Glück, dass sich kein Medienpädagoge mehr ernsthaft für dieses Medium interessiert. Man hat schließlich gleich zwei neue Feinde identifiziert: das Internet und Computerspiele. Aber wie sieht es beim Umgang mit dem „bösen“ Internet aus? Welche Tipps gibt es da?

Um nicht wieder den Totalverweigerern und Ideologen in die Falle zu laufen, könnte es Sinn machen, gleich die zu fragen, die sich mit dem Netz gut auskennen: So müssten sicher die Vorkämpfer des freien Internets, die Netzjournalisten und Blogger eine Antwort haben. Wenn ich aber von deren pädagogischen Konzepten hier und da einmal höre, fühle ich mich dann doch sehr in die 70er Jahre versetzt. Da hört man Sätze wie: „Meine Kinder dürfen nur am Wochenende an den PC.“ – „Da gibt es strikte Zeiten“ – „Der PC steht in der Küche, dann sehe ich, was die machen.“

Das ist für mich keine Medienpädagogik, sondern ein eindeutiges Zeichen von Hilflosigkeit. Das von Netzpionieren so ausgiebig gepriesene wunderbare freie Netz mit seinen vielen Chancen und Möglichkeiten nur am Wochenende erlauben? Und dann nur, wenn man danebensteht? Ist das deren Ernst? Und wie kommt das?

Meine These: Die Netzgemeinde ist hilflos, weil es keine Hilfe gibt. Das aber möchte man nur ungern zugeben. Möchte man den Internet-Zugang unserer Kinder absichern, bleibt derzeit nur die Sperrung. So kann man eine Positivliste erlaubter Seiten definieren, Kindersuchmaschinen einsetzen und Zeitbegrenzungen definieren. Das alles mag bei Vor- und Grundschulkindern noch ausreichend und nützlich sein, ab der weiterführenden Schule ist man damit jedoch leider am Ende.

Denn irgendwann wollen auch Kinder sich vernetzen und zwar nicht auf pädagogisch-geschützten Netzwerken, wo keiner ihrer Freunde zu finden ist, sondern natürlich bei SchülerVZ oder Facebook (wie alle mit gelogenen Altersangaben). Und irgendwann wollen Kindern Netzinformationen eigenständig recherchieren – und zwar nicht bei Kindersuchmaschinen, die zu allem nur die „Sendung mit der Maus“ auswerfen, sondern bei Google und – „noch schlimmer“ – bei YouTube.

Und erlaubt man das, dann kommt er ungefiltert hereingeschwemmt, der ganze Internetdreck: Denn schöne Pferdevideos findet man gleich neben Pferdeschlachtung und Pferdekopulation, Musikvideos sind nicht immer harmlos, possierlicher Katzencontent ist gleich neben Katzensauereien abgelegt. Und das wissen und fürchten – wie mir scheint – gerade die, die sich im Netz auskennen noch viel mehr als die „Internetanfänger“ unter den Eltern.

Man muss also festhalten: Es fehlt oft nicht nur an Medienkompetenz bei Eltern und Kindern. Es fehlt darüber hinaus vor allem an tauglichen Jugendschutzmaßnahmen in Sachen Internet. Das, was es bisher an Möglichkeiten gibt, ist einfach nicht attraktiv genug. Und das, was für Kinder und Jugendliche attraktiv ist, in unzureichend geschützt. Und so ärgerlich ich manchmal die App-Philosophie und die Prüderie eines Steve Jobs finde: Wenn meine Kinder das iPad in die Hand nehmen, bin ich deutlich entspannter als wenn sie eine YouTube-Suche starten wollen. Eine Lösung des Dilemmas zwischen Wegschauen und Verbieten (aus dem auch ich keinen Adhoc-Ausweg kenne) kann nur eine Diskussion sein, offen, und von allen Seiten fair geführt. Zu oft ersticken sich die verschiedenen Lager in gegenseitigen Vorwürfen („Netzsperren“ contra „Libertäres Netz“), ohne sich wirklich zuzuhören. Um jedoch eine Lösung oder zumindest einen Ansatz dafür zu finden, braucht es einen Dialog. Es wird Zeit.

Foto: Ernst Vikne / flickr / cc-by-sa

By | 2010-10-15T16:37:53+00:00 15. Oktober 2010|Categories: Fernsehen|Tags: , , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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