Medienkompetenz frühzeitig vermitteln

Leider habe ich erst gestern Abend die interessante Blogparade mit dem Hashtag #medienkompetent entdeckt! Daran kann ich als Medienpsychologin natürlich nicht vorbei! Da heute Abgabe ist, muss es schnell gehen. Ich sammle also einfach mal ein paar Gedanken.

Medienkompetenz bedeutet für mich in erster Linie Mediennutzungskompetenz. Damit ist nicht nur digitale Mediennutzung gemeint, sondern auch die Nutzung linearer Angebote in Radio und Fernsehen und die von Print. Als Digital Immigrant habe ich hier in manchen Bereichen gegenüber meinen Kindern Vorteile, in anderen bin ich im Nachteil.

So kann ich meinen Kindern durch den Besitz eines gedruckten Zeitungsabos jeden Tag am Frühstückstisch ein Printmedium vor Augen führen: Sie lernen verstehen, wie Print sich aufbaut, was ein Feuilleton ist, was der Unterschied zwischen Meldung, Hintergrund und Kommentar ist. Das stellt sich ganz von selbst dadurch ein, dass die Zeitung da ist und von meinem Mann morgens am Tisch gelesen wird.

Bei Radio und Fernsehen gibt es ebenfalls eine Menge Wissen, das sich inzwischen bei »digitalen Kindern« nicht mehr von selbst einstellt und für die Mediennutzungskompetenz von Bedeutung ist: Was sind öffentlich-rechtliche, was private Sender? Welche gehören wozu? Was ist der Unterschied zwischen Spartensender und Vollprogramm im Fernsehen, was der zwischen Wort- und Musikprogramm im Radio? Welche Apps und Podcast-Angebote gibt es? Auch diese Themen haben wir unseren Kindern vom Vorschulalter zu vermitteln versucht, um sie zu mündigen Mediennutzern zu machen.

Tja, und dann ist das natürlich noch das Internet. Ein weites Feld, das man nur kompetent vermitteln kann, wenn man selbst darin unterwegs ist. Meine Devise: Nicht vorenthalten, sondern gezielt erkunden. Es ist für mich ein wenig wie eine Reise. Wenn ich ein Land wirklich verstehen möchte, reichen Bücher allein nicht aus. Ich muss hinfahren. Also sind wir mit unseren Kindern in die digitalen Länder gereist: Zunächst über Kindersuchmaschinen und sichere Seiten, später gemeinsam in YouTube mit allen seinen Gefahren und natürlich durch die sozialen Netzwerke und die Spieleangebote. Wichtig war mir in diesem Zusammenhang immer: dabei sein, die Dinge selbst ausprobieren und den Kindern nichts kategorisch verbieten, sondern nach altersgerechten Alternativen suchen.

Noch scheint diese Art der Medienkompetenzvermittlung aufzugehen. Die Kids haben mich im Digitalen in ihrem Wissen zwar in vielen Feldern überholt, gehen aber doch recht verantwortungsvoll und kompetent mit den Themen um. Wobei ich hier einen großen Unterschied bei Jungen und Mädchen beobachte: Die Nutzungsarten unterscheiden sich deutlich. Das Mädchen liest im Netz, ist auf Instagram, schaut Video (im Grunde also Fernsehen). Der Junge gamt. Letzteres ist deutlich gefährlicher, weil verführerischer und dramaturgisch auf ein »never ending« hin entwickelt. Hier muss man ständig gegenwirken, damit es nicht zu viele Stunden werden. Am Ende haben beide aber noch genügend »Offline-Hobbies«, sodass man sich keine Sorgen machen muss.

Übrigens: Wenn Kinder (bis zum Grundschulalter) am Bildschirm waren und diesen ausmachen, sind sie zunächst immer überfordert, eine andere Beschäftigung zu finden. Die Eltern müssen Hilfestellung geben, da die Kinder allein aus der Passivität der Mediennutzung erst einmal nicht herausfinden. Bei uns hieß es dann meist: »Geht erst mal aufs Trampolin«. Dort kann man dann die Anspannung eines aufregenden Computerspiels gut abreagieren. Danach nimmt man sich am besten die Zeit für ein gemeinsames (Brett-)spiel (neue Brettspiele erkunden wir übrigens auch immer wieder gerne).

Die »Negativ-Mechaniken« der digitalen Nutzung erläutere ich den Kindern selbst, damit sie sich beobachten und auf sich achten können. Man kommt da sowieso nicht drum herum, immer und immer wieder über das Thema zu reden, nachzuhören und zu schauen, was die Kinder machen, über Vor- und Nachteile der Mediennutzung aufzuklären usw. Das geht nicht immer harmonisch. Oft ist es natürlich auch Streit und Kampf, aber den kann man sich nicht ersparen.

Damit das Bild nicht zu positiv wird: Natürlich funktioniert das alles nicht immer gleich gut. An manchen Tagen vergisst man selbst die Zeit am Bildschirm und kriegt nicht mit, dass die Kinder schon seit Stunden daddeln. An manchen Tagen gibt es riesigen Zoff, weil die Kinder irgendein blödes Spiel für viel Geld kaufen wollen. Es gibt Tränen und Wutausbrüche, weil sie ein Ballerspiel unbedingt haben wollen, welches schließlich »alle anderen auch hätten« usw. usw. Aber das darf einen nicht entmutigen und sollte auch nicht dazu führen, dass man versucht, der Technik die Erziehung zu überlassen, indem der Computer automatisch nach gewisser Zeit ausschaltet. Da muss man durch, das hilft alles nichts.

Meine Fünf wichtigsten Tipps noch mal zusammengefasst:

  1. Nicht verbieten, sondern aktiv rein in die Medienwelt.
  2. Über die neuen Medienangebote die »alten« nicht vergessen.
  3. Sich immer wieder zeigen lassen, was die Kinder im Netz machen – und am besten mitmachen.
  4. Zeiten definieren, Folgen aufzeigen, Verbote erklären.
  5. Kindern aktiv aus der Medienwelt »heraushelfen« und gemeinsam offline etwas machen.

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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