Mainzer Tage der Fernsehkritik – Medien-Eliten im Elfenbeinturm

Wie diejenigen, die meinen Tweets folgen, schon wahrgenommen haben, war ich Anfang der Woche bei den „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“. Diese Veranstaltung setzt sich zum Ziel, in 1,5 Tagen ein aktuelles Thema der Medienentwicklung aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und zu diskutieren.

Dieses Jahr war das Thema „Leitmedium auf Bewährung – Suchen und Finden des Neuen“. Die „Konkurrenz“ aus dem Social Web ist seit Jahren eine Art Dauerbrenner auf dieser und ähnlichen Veranstaltungen. Was fällt mir auf, wenn ich die Diskussionen und Vorträge insgesamt bilanziere?

1. Öffentlich-rechtliche Sender und Verlage nehmen das Thema Social Media inzwischen ernst – teilweise sogar ernster als Privatsender.

Das war vor einigen Jahren noch anders. Da wollten die sogenannten „Qualitätsmedien“ das Thema am liebsten aussitzen. Sie wollten die Blogger und Twitterer als „netten kleinen Versuch“ abtun, sich auf dem journalistischen Parkett zu auszuprobieren. Mit wenig ernsthaften Erfolgsaussichten.

Heute sieht das deutlich anders aus: Ein Herr Schächter vom ZDF hat seine Lektion äußerst gut gelernt. Man spürt, dass er inzwischen über ein breites Wissen zum Thema Social Web und seine Funktionalitäten verfügt und er spricht über diese neue Plattform mit Respekt. Das hat mir gefallen. Und das war auch bei seinen Kolleginnen und Kollegen so.

2. Öffentlich-rechtliche Sender und Verlage können inzwischen auf viele innovative Ansätze und Ideen im Social Web verweisen – nur leider außerhalb der Wahrnehmung.

Die Beispiele, die im Rahmen der Mainzer Tage für Fernsehkritik gezeigt wurden (z.B: ZDFneo, ZDFParlameter) sind durchaus ideenreich und innovativ und bergen – wie ich finde – Potenzial. Sie haben allerdings ein Problem: Sie knüpfen nach wie vor an der Erzähl- und Machart traditioneller Medien an und werden daher nicht wahrgenommen.

Gerade die ganz junge Generation, aber auch die „Social-Media-Szene“ lehnen die „alten“ Medien ARD, ZDF, FAZ etc. oftmals per se ab. Sie können daher in den zaghaften Weiterentwicklungen dieser Anbieter keine Innovation erkennen und sind nicht bereit, sich darauf einzulassen.

3. Die privaten Fernseh- und Radiosender haben dieses Problem in verschärfter Art und Weise – sie versuchen sich auf dem Feld der Unterhaltung.

In meinen Augen trifft die oben beschriebene Problemlage für die privaten Fernseh- und Radioanbieter noch drastischer zu. Sie sind darauf angewiesen, dass alles, was sie im Social Web tun, einen deutlich erkennbaren Rückeffekt auf die eigentlichen Verbreitungswege hat.

So versuchen diese Anbieter derzeit eine schlichte Verlängerung ihrer Formate in das Web. Mit Fanseiten auf Facebook, Twitteraccounts etc. möchten sie Zielgruppen erweitern und mehr Zuschauer für das Fernsehen gewinnen. Sie bleiben radikal programmbegleitend, weil Investitionen nur Sinn machen, wenn sie das Programm stärken.

Damit können sie in keiner Weise so kreativ agieren wie die öffentlich-rechtlichen Anbieter (Dreistufentest mal ausgenommen). Und auch ihr Ziel ist schwer zu erreichen: Zwar wird der Service für die bisherigen Zuschauer immer besser, wenn auf verschiedenen Plattformen Rückkanäle aufgemacht werden, mehr Zuschauer generiere ich mit diesem Ansatz aber nicht.

4. Der Graben zwischen Journalismus Top-down und Bottom-up scheint mir sehr tief.

Auch wenn die „Profis“ ihre bloggenden Kollegen durchaus respektieren und ernstnehmen – verstehen können sie ihre Einstellung nicht. Dies liegt daran, dass oftmals zwei komplett unterschiedliche medienbiografische Prägungen vorliegen, die nur schwer miteinander vereinbar sind.

Für Medienmacher, die mit der Meinungsführerschaft renommierter Verlage und Fernsehsender groß geworden sind und die in der kritischen Auseinandersetzung dieser Verlage mit der Politik ihre eigene öffentliche Meinung herausbilden konnten, ist die etablierte Medienlandschaft unabdingbar. Eine Social-Media-Alternative gibt es schlicht nicht, will man nicht die Demokratie nachhaltig gefährden. Ergänzend ja, ersetzend nie und nimmer!

Für die User, die im Netz die Möglichkeiten eigener Meinungsbildung erleben, die die Chancen einer gelebten Basisdemokratie sehen und ergreifen, die die Macht der Straße nun systematisch vernetzt und strukturiert im Web erleben können, erschließt sich diese „Bildungsbürger-Sichtweise“ nicht. Sie möchten keine Verlautbarung von Berichten und „Wahrheiten“, sie möchten einen stetigen Meinungsfluss. Was können die „Alten“ dazu schon beitragen? Wenn sie sich nicht an die Bedürfnisse moderner Internetgesellschaften anpassen können, ist es nur richtig, dass sie vom Markt verschwinden.

5. Beide Seiten haben einen klaren Standpunkt – und keine Ahnung, wie es weitergehen soll.

Zwar glauben beide Seiten (Social Media und klassischer Journalismus) fest daran, dass sie die Zukunft gestaltend bestimmen werden, wie das aber funktionieren soll, wissen sie beide nicht.

Beiden droht die Puste auszugehen, weil es an tragfähigen Finanzierungskonzepten fehlt. Beide drohen durch die „always-on-Philosophie“ des Netzes und den unbegrenzten Dialoganspruch an die Leistungsgrenzen zu geraten.

Die alten Finanzierungsmodelle, vor allem der Verlage, funktionieren nicht mehr. Soweit herrscht Einigkeit. Aber was funktionieren könnte, liegt noch unter einem großen Dunst diffuser Ahnungen verborgen.

Für mich gründet dieses Dilemma, in der sich die Anbieter befinden, unter anderem auf der starken Innensicht beider Seiten. Betrachtet man die zwei Pole – Social Media und klassischer Qualitätsjournalismus – von außen, dann fällt eines auf, was beide gemeinsam haben: Sie stellen beide eine Elite dar.

Um im Beispiel zu bleiben: Ein Herr Schächter hat deswegen inzwischen soviel Ahnung von Social Media, weil er sehr intelligent, medienkompetent und hoch gebildet ist. Ein Stefan Niggemeier kann mit dem Netz souverän umgehen, weil für ihn das gleiche gilt. Aber damit sind beide in keiner Weise repräsentativ für die breite Masse der Gesellschaft.

Um Wege für die Zukunft zu erschließen, halte ich es für dringend angeraten, dass beide Seiten ihren Elfenbeinturm verlassen und das Ohr deutlich stärker an Hörer, Zuschauer und User halten. Grundlagenforschung ist notwendig und zwar mit konkreter Fragestellung und nennenswertem Budget. Eine rein deskriptive Erfassung der Online-/Offlinesituation greift genauso zu kurz wie eine tiefenpsychologische Gesamtanalyse zur Medienlage der Nation.

Es gibt viele innovative Ansätze und Pilotprojekte auf beiden Seiten. Nur werden diese nicht systematisch und methodisch sauber erforscht. Klickzahlen-Freude oder Reichweiten-Jammer sind einfach zu wenig, um Konzepte heraus zu kristallisieren, die massentauglich sind. Vielleicht sehen das ja bald auch die Macher ein…

Von | 2010-03-26T10:43:54+00:00 26. März 2010|Kategorien: Allgemein, Fernsehen, Internet, Radio, Social Web|Tags: , , |

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

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