Liefert das Fernsehen Vorbilder für die Jugend?

Die Antwort lautet »Ja« – jedoch anders, als es sich viele Erwachsene vorstellen und anders als sie es oftmals gerne hätten. Die wesentlichen Punkte der Diskussion um Medienvorbilder lassen sich pointiert so zusammenfassen: Dem Fernsehen – und zunehmend auch »neuen« Medienangeboten wie Sozialen Netzwerken – wird in Zeiten von Individualisierung und Flexibilisierung eine bedeutende Sozialisationsfunktion zugeschrieben. Während klassische gesellschaftliche Institutionen wie soziale Milieus, Kirchen, Familien, Berufsrollen, politische Institutionen usw. an Bedeutung verlieren, gewinnen Medien an Geltung. 

(Nicht nur) Jugendliche orientieren sich an anderen Menschen und damit auch an Medienpersonen. Sie tun dies um festzustellen, wo sie stehen, wohin sie sich entwickeln können und wollen – und wohin nicht. Der Vergleich mit anderen liefert ihnen Informationen darüber, ob und wo die eigenen Eigenschaften, Haltungen und Verhaltensweisen okay sind – und wo nicht. Dabei geht es um den eigenen Lebensstil, Vorlieben in Bezug auf Mode, Musik, Freizeitaktivitäten etc., die Zugehörigkeit und Abgrenzung zu sozialen Gruppen, das Verhalten in Beziehungen, Familie, Freundschaften oder Berufen sowie um zentrale Überzeugungen wie Moral, Normen und Werte.

Die Attraktivität medialer Vorbilder liegt vor allem in den großen Auswahl Möglichkeiten, der leichten Verfügbarkeit, der sicheren Distanz, aus der man sie beobachten kann, und dem fehlenden Sanktionspotenzial der Mediencharaktere gegenüber dem Beobachter. Hierin liegt aber auch ihre größte Schwäche: Ohne Interaktion, Feedback und Resonanz werden mediale Rollenvorbilder in die Lebenswelt Jugendlicher allenfalls oberflächlich und selten nachhaltig integriert.

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(Bildquelle: flickr – Spiegelbild von punktraum (CC BY-SA 2.0))
Deswegen sind die Reaktionen des sozialen Umfelds – also von Freunden, Familie und Kollegen – wichtig für die Reichweite medialer Vorbilder. Dieses Umfeld hat begrenzenden, moderieren den und erweiternden Einfluss. Wenn es also um zentrale Identitätsdimensionen wie Werte und sozialen Umgang geht, haben reale Figuren den stärksten Einfluss – im positiven wie im negativen Sinn. Mediencharaktere sind vor allem zentrale Vorbilder, wenn Jugendliche orientierungslos sind, keinen Anschluss an soziale Gruppen haben und ihre zentralen Lebensfragen nicht anders beantworten können.

Jugendliche kopieren Eigenschaften und Verhalten von Medienfiguren aber auch dann nicht eins-zu-eins auf sich und ihr eigenes Leben. Sie tun dies nicht passiv, unreflektiert und reaktiv, sondern aktiv, selektiv und konstruktiv. Vorbilder werden vor dem Hintergrund der eigenen Lebenswelt wahrgenommen, interpretiert, verarbeitet und integriert. Interessante und vielversprechende Haltungen und Verhaltensweisen von Mediencharakteren werden bewertet und zum geeigneten Zeitpunkt in der »realen« Welt auf Erfolg getestet. Vorbildfunktionen finden ihre Grenzen damit auch in den realen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Fertigkeiten der Jugendlichen im täglichen Leben. Das ist zuweilen mit Frustration, aber auch mit dem Erkennen eigener Grenzen und persönlicher Entwicklungsmöglichkeiten verbunden.

Erstaunlicherweise tauchen mediale Vorbilder in der öffentlichen Diskussion fast ausschließlich negativ, als »schlechte Beispiele« auf – während die realen Vorbilder in aller Regel sakrosant sind. Wie im richtigen Leben gibt es aber auch in den Medien gute und schlechte Vorbilder. Mediencharaktere bieten Jugendlichen durchaus positive Anregungen zu individuellem Wachstum und persönlicher Entwicklung sowie Optionen zur Abgrenzung.
Vor allem die medienpolitische Diskussion um medienvermittelte Vorbilder ist an negativ-dramatischen Einzelfällen ausgerichtet. Sie ist moralisch stark aufgeladen, verwendet oft simple Reiz-Reaktions-Behauptungen und wird nahezu ausschließlich aus und für bürgerlich-intellektuelle Perspektiven geführt. Insbesondere die Diskussion um Gewalt-, Talkshow- und Reality-TV-Formate hat eine Bewertung von medialen Vorbildern als Teil von Jugendkultur und jugendlicher Lebenswelt mitunter mehr erschwert als befruchtet.

Der Artikel stammt von Andreas Fahr, Universität Erfurt, und wurde erstveröffentlicht in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der DGPuK.

Mehr zum Thema:

Dagmar Hoffmann, Lothar Mikos
Mediensozialisationstheorien. Modelle und Ansätze in der Diskussion
VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010
ISBN 139783531165851
Preis: 34,99 Euro

Dagmar Hoffmann, Lothar Mikos, Rainer Winter
Mediennutzung, Identität und Identifikationen
Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen
Beltz Juventa, 2009
ISBN 9783779917441
Preis: 26,95 Euro

Eine Listung weiterer Gastbeiträge auf unserem Blog zum Thema »Kommunikation und Medien: Fragen und Antworten auf zeitgenössische Themen« finden Sie hier.

By | 2015-07-16T10:41:13+00:00 18. März 2014|Categories: Allgemein|Tags: |

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