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Lernen in Zeiten des digitalen Wandels: Interview mit digitalistbesser.org

Vor einiger Zeit stieß ich bei meinen Recherche-Arbeiten für unser soziales Projekt netzofant zum Thema Medienwandel & Bildung  auf die Internetseite von digitalistbesser.org. Deren Claim: »Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen«. Das hat mich neugierig gemacht, und ich habe mich sehr gefreut, dass die beiden Betreiber der Plattform, Marcus Klug und Michael Lindner, sich Zeit genommen haben, mir ein paar Fragen rund um ihr Projekt und das Thema Lernen in Zeiten des Medienwandels zu beantworten.

Herr Klug, Sie betreiben gemeinsam mit Herrn Lindner die Plattform digitalistbesser.org. Als ich erstmals auf die Seite stieß, kam mir sogleich in den Kopf: Für manche Menschen ein recht provokant klingender Name! 

marcus_klug_kleinMarcus Klug: Als wir unsere Plattform im Mai 2012 ins Leben gerufen haben, wollten wir tatsächlich mit dem Namen ein wenig provozieren. In Deutschland – so unserer Eindruck – herrscht häufig eine recht einseitige Debattenkultur, wenn es um den Nutzen und das Potenzial von digitalen Medien für solche Dinge wie selbstbestimmtes Lernen und Wissen geht. Viel zu häufig liegt der Fokus hierzulande in öffentlichen Debatten auf negativen Aspekten in der Mediennutzung. Da ist dann beispielsweise die Rede von Suchtgefahr, Aufmerksamkeitsdefizitstörungen, digitaler Demenz und Reizüberflutung durch digitale Informationen usw. Gute Beispiele für diesen stark ausgeprägten Kulturpessimismus sind die Debatten, die mit dem Erscheinen der beiden Büchern »Payback« von Frank Schirrmacher im Jahre 2009 und »Digitale Demenz« von Manfred Spitzer im Jahre 2012 ausgelöst worden sind. Die Spitze der Hirnlosigkeit war dann tatsächlich die Behauptung von Spitzer, dass das Internet eine Art von »Verblödungsmaschine« wäre, weil dieses Medium uns schrittweise den Verstand rauben würde. Blöd können wir tatsächlich immer nur selbst sein! Allerdings sollte man bei solchen Debatten klar unterscheiden, um was für eine Art von Kritik es sich jeweils handelt. Das Buch von Spitzer und die daraufhin ausgelöste Debatte in den Medien bildet eine sehr einseitige und äußerst plumpe Mainstream-Kritik am Netz.

Genau an dieser Stelle möchten wir mit unserem Blog den Spieß umdrehen und die Gegenfrage stellen: Worin besteht eigentlich das Potenzial von digitalen Medien für selbstbestimmtes Lernen und Wissen? Wie wird das Internet unsere Lernkultur verändern? Daher heißt es ja auch im Untertitel bei digitalistbesser.org: Plattform für lebenslanges Lernen und Veränderung.

Welches Ziel verfolgen Sie mit digitalistbesser.org? 

Marcus Klug: Eines unserer wesentlichen Ziele besteht darin, ein Teil der Möglichkeiten aufzuzeigen, die digitale Medien für das Lernen, die Selbstorganisationen und die Aneignung, Darstellung und den Austausch von Wissen und Informationen bieten. Dabei sprechen wir sowohl Personen im Bereich der Erwachsenenbildung an als auch einzelne Organisationen wie Agenturen und Bildungseinrichtungen, die sich für derartige Fragestellungen interessieren. Und außerdem alle Personen, die sich generell für Bildungsfragen und Themen des digitalen Wandels interessieren.

Die Frage stellt sich ja, wie der Mensch mit der digitalen Entwicklung Schritt halten kann. Wir können uns überlegen, ob wir diese Frage auf eine eher kulturpessimistische Weise beantworten wollen oder lieber proaktiv. Wir haben uns dabei für die zweite Variante entschieden. Konkret bedeutet das, dass wir einerseits einzelne Themen und Fragen zum Umgang mit digitalen Medien auch theoretisch vertiefen, andererseits aber auch mediale Empfehlungen aussprechen oder einzelne Tools und Techniken behandeln, die beispielsweise für das Selbstmanagement hilfreich sind. Ein Beispiel für eine tiefer gehende Reflexion ist die Serie Komplexes Denken im digitalen Zeitalter, mit der ich im letzten Jahr begonnen habe. Die Ausgangsfrage zu dieser Serie lautete: Wie verändert sich unser Denken angesichts der zunehmenden Komplexität in der Vernetzung von digitalen Informationen und Wissen? Ein anderes Beispiel wäre so ein Beitrag wie „Die Mediendiät – oder wie nutze ich das Internet sinnvoll“ von Herrn Lindner. Da geht es eher um die Frage, wie wir das Internet und soziale Medien in unserem heutigen Arbeitsleben effizienter integrieren können und welche digitalen Tools und Techniken dabei besonders hilfreich sind.

Eine Sache möchte ich allerdings noch ergänzen: Was für mich auch besonders wichtig ist, sind die Möglichkeiten, die das Internet und digitale Medien für die Darstellung und Verbreitung von bildungsrelevanten Informationen und Wissen bieten. Daher geht es bei digitalistbesser.org auch darum, diese Möglichkeiten mehr experimentell zu erkunden und auszuloten.

michael_lindner_kleinMichael Lindner: Wir sind beide generell am Thema des digitalen Wandels interessiert. In den letzten Jahren hat das Internet bereits die Musikindustrie grundlegend verändert, heute sieht es so aus, dass Lernen und Kommunikation durch das Web 2.0 umgestaltet werden. Bei der häufig pessimistischen Darstellung von digitaler Technik in Deutschland wird häufig zu wenig berücksichtigt, welche Möglichkeiten sich für den Einzelnen durch neue Kommunikationsmöglichkeiten ergeben und wie diese unsere Gesellschaft wandeln.

Wir haben in der heutigen Arbeitswelt beispielsweise durch Informationstechniken (zumindest in einigen Bereichen) eine neue Art von Flexibilität, wie sie die vorherige Generation nicht kannte. Das ist im Augenblick noch ein sehr ambivalentes Thema, da das Smartphone auch zur „langen Leine“ des Chefs werden kann. Die spannende Frage aber ist doch, wie wir in Zukunft das Potenzial digitaler Medien für mehr Freiheit und Selbstbestimmung nutzen können.

Irgendwo auf der Seite habe ich den Satz gelesen: „Charakteristisch für das Lernen ist die Veränderung von mentalen Strukturen und Einstellungen vor dem Hintergrund des digitalen Wandels.“ Was sagen Sie, wo steht unsere Gesellschaft im Hinblick auf den „Wandel in den Köpfen und Strukturen“. Können Sie ein Beispiel nennen?

Marcus Klug: Zunächst einmal müssen wir differenzieren zwischen dem „Wandel in den Köpfen“ und den Strukturen. Wenn wir von Wandel sprechen, hat das vielzitierte Schlagwort „lebenslanges Lernen“ schon seit längerer Zeit Hochkonjunktur. Oberflächlich betrachtet geht es dabei vor allem um die Forderung, sich möglichst lebenslang auf Veränderungen einzustellen – insbesondere in Bezug auf unsere hochgradig flexibilisierte, moderne Arbeitswelt. Durch die digitale Entwicklung wird dieser Trend noch verstärkt, da in vielen Branchen der Computer als Arbeitswerkzeug nicht mehr wegzudenken ist, einschließlich solcher Entwicklungen wie Cloud Computing etc.

„Wandel in den Köpfen“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese Entwicklung auch tatsächlich in den Gehirnen nachhaltig verankert werden wird. Jüngere Mediennutzer, die zu der Generation der Digital Natives gehören, scheinen mit dieser Entwicklung zum Teil wesentlich besser klar zu kommen, zumindest, wenn es um den täglichen Umgang mit digitalen Medien geht, der innerhalb dieser Generation meist eine Selbstverständlichkeit darstellt. Anders verhält es sich dagegen mit älteren Menschen, die zwar auch bis ins hohe Alter lernfähig sind, wie wir aus der Hirnforschung wissen – Stichwort „Neuroplastizität“ –, die aber nach wie vor noch nicht die passenden Weiterbildungsangebote geboten bekommen. „Wer nichts mehr lernt, muss damit rechnen, dass die Leistungsfähigkeit seines Gehirns rapide nachlässt“, sagt etwa Henning Scheich, Gründungsdirektor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg zu diesem Problem. Es geht also an dieser Stelle auch um die passenden Weiterbildungsangebote, um die mentale Fitness und Lernfähigkeit gerade auch bei älteren Menschen zu befördern und natürlich auch bis zu einem gewissen Grad zu bewahren.

Kommen wir nun noch kurz auf ein Beispiel zu sprechen, welches die Tragweite von gesellschaftlichen Veränderungen im Bereich des Lehrens und Lernens vor allem in struktureller Hinsicht aufgreift. Es geht dabei insbesondere um Vernetzung. Wie wirkt sich Vernetzung in der schulischen Ausbildung auf die späteren Episoden der eigenen Lernbiographie aus? Wie wir an diesem Beispiel sehen werden, steht die Forderung nach lebenslangem Lernen nach wie vor häufig im krassen Missverhältnis zur Bildungsrealität. In struktureller Hinsicht bildet nämlich die Grundvoraussetzung für lebenslanges Lernen die Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen und zur Vernetzung.

Jetzt fragen Sie sich einmal selber: Wenn in vielen Schulen nach wie vor der Unterricht in Fächern unterteilt ist, die nicht auf eine sinnvolle Weise miteinander verknüpft werden, oder die Vermittlung von faktischem Wissen im Mittelpunkt steht, und kaum das Lernen von Fertigkeiten, die Reflexion und die Bearbeitung von Einstellungen – sogenannte „Metakompetenzen“ –, wie soll dann in struktureller Hinsicht der Grundstein für das lebenslange Lernen gelegt werden?

Michael Lindner: Lernen ist ein gutes Stichwort. Ich glaube es gibt einen Gegensatz unterschiedlicher Lernvorstellungen in unserer Gesellschaft. Viele Menschen verstehen unter Lernen das Erwerben von faktischem Wissen oder von Wissen über bestimmte Methoden und Ansätze, ich kann das sehr gut bei Studierenden in meinen Seminaren beobachten. Unserer Ansicht nach geht Lernen aber über diese Ebene hinaus. Lernprozesse sind auch Veränderung meiner Perspektiven und meiner Kategorien. Das heißt, dass ich in einem Lernprozess auch die Erfahrung mache, dass mein Weltbild nicht vollständig ist, dass ich es unter Umständen erweitern oder gar grundlegend überdenken muss. Und das erleben wir, als Einzelne und als Gesellschaft, gerade in den Umwälzungen durch digitale Technik. In diesem Wandlungsprozess kommen nicht nur neue Fakten hinzu. Wir haben nicht nur einfach mehr Möglichkeiten der Kommunikation und Wissensvermittlung, sondern wir erleben eine Technik, die auch unsere Einstellungen zum Lernen, zur Arbeit, zu Beziehungen und Wissen in Frage stellt. Das ist mit dem Wandel von mentalen Strukturen und Einstellungen gemeint, der mit dem digitalen Wandel einhergeht.

Gute Beispiele für solche umfassenderen Wandlungsprozesse sind Crowdsourcing und Crowdfunding oder anderes Beispiel für einen tiefer greifenden Wandel ist der Bereich Mobilität, Stichwort: Neue Generation von Carsharing-Konzepten, bei denen das Smartphone zum Einsatz kommt. Gesellschaftlich sind wir meiner Ansicht nach aktuell noch in einem experimentellen Stadium. Es gibt viele Ideen, was man mit dem Internet, mit dem Web 2.0 machen könnte. Was sich wie genau durchsetzen wird, ist dabei noch ziemlich offen. Wir sind aber als Gesellschaft gefordert, neu zu lernen und einen Wandel zu gestalten.

Fehlt es Ihrer Ansicht nach – so wie Tanja und Johnny Häusler es in ihrem Buch netzgemüse beschrieben haben – in unserer Gesellschaft an einer positiven Grundeinstellung im Blick auf die „Digitalkultur“? Herrscht noch zu sehr das „Geht-schon-wieder-weg“-Denken vor?

Michael Lindner: Ja, häufig schon. Ich erlebe das vor allem im Kontakt mit der älteren Generation. Manche sind regelrecht genervt von dem Thema. Auch Computerspiele werden nach wie vor von vielen sehr pauschal und vehement abgelehnt. Mein Eindruck ist, dass das Thema häufig als ziemlich überflüssig angesehen wird. Facebook und Twitter? Das gilt dann eben als neue Zusatzkommunikation, die nur mehr Arbeit macht. Viele sehen auch das Web 2.0 als Medium, in dem nur alles nochmals wiedergekäut wird und das vollkommen überschätzt ist. Viele wichtige Themen, vor allem die Frage, wie man digitale Medien für die Bildung nutzt, werden durch eine solche Grundhaltung leider genauso ignoriert.

Glauben Sie, dass die fehlende Akzeptanz nicht auch einfach auf Berührungsängsten bei denen basiert, die sich nicht selbstverständlich im Netz bewegen. Wird da nicht einfach das „Alles Unsinn“-Gefühl vorgeschoben, damit man sich nicht auseinandersetzen muss mit einem in der Tat ziemlich wichtigen bildungspolitischen Thema?

Michael Lindner: Das kann sehr gut sein. Es ist immer bequemer, einfach etwas als unsinnig anzusehen und abzulehnen, anstatt sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Und beim Internet hat die Generation der »digital natives« eben einen gewissen Vorsprung, der meiner Ansicht nach tatsächlich an der größeren Vertrautheit im Umgang mit dem Computer und digitalen Medien liegt. Gesellschaftlich wäre es natürlich wünschenswert, dass sich verschiedene Generationen mit digitaler Kommunikation auseinandersetzen. Allein schon deshalb, weil sonst die politische Ausgestaltung von digitaler Technik nur von einer kleinen Gruppe wahrgenommen wird. Das konnte man dieses Jahr schon in der Diskussion um das Thema Netzneutralität sehen. Innerhalb der Netzgemeinde waren die Pläne der Telekom, die Übertragungsgeschwindigkeit für bestimmte Dienste zu senken, ein riesiges Thema. Bundespolitisch fand es aber keinen größeren Widerhall. Genauso könnte es sein, dass das Internet als bildungspolitisches Thema nur am Rande von einer kleineren Gruppe wahrgenommen wird.

Michael Görtler von der Universität Augsburg stellte erst kürzlich in einem Blogbeitrag die Frage, „ob nicht ein eigenes Fach – etwa Medienbildung – in den Schulen fest verankert werden sollte, um Medienkompetenz in frühen Jahren anzubahnen, oder ob es vielmehr darum gehen muss, diese Aspekte in allen Fächern zu berücksichtigen.“ Welchen Ansatz sehen Sie, wenn es darum geht, Medienbildung als festes, unumstößliches Element in unsere Bildungsstätten zu integrieren?

Marcus Klug: Die Forderung, ein eigenes Fach – etwa Medienbildung – in den Schulen fest zu verankern, ist schon recht alt. Ein eigenes Fach in der Schule würde dementsprechend die Grundvoraussetzung bilden, um die „Medienkompetenz“ schon frühzeitig zu verankern. Aber was heißt das konkret? Für mich bedeutet das einerseits, dass auch in Schulen mehr die Möglichkeit bestehen sollte, das Potenzial von digitalen Medien für das Lernen auf spielerische Weise zu erkunden. Solche Versuche gibt es ja. Ein Beispiel für einen solchen Ansatz ist das Hannah-Arendt-Gymnasium im Ortsteil Rudow in Berlin. An diesem Ort findet etwa ein Teil des Unterrichts in der Form von iPad-Unterricht an einem Quadrat aus Tischen statt. Die Frage lautet hierbei, inwieweit das Tablet als digitales Werkzeug Kinder in der Aneignung und im Austausch von Informationen und Wissen dabei unterstützen kann, das Denken in Zusammenhängen zu befördern.

Wir leben in Deutschland ohnehin schon in einer technikzentrierten Gesellschaft. Das hängt u. a. damit zusammen, dass die Ingenieurskunst bei uns sehr viel Bedeutungsraum einnimmt  – auch, so vermute ich jedenfalls, indirekt Einfluss auf unser Denken und unsere Debattenkultur hierzulande ausübt, wenn es u. a. mal wieder um den Umgang mit digitalen Medien geht. Die Frage nach dem Umgang mit digitalen Medien sollte man daher nicht nur aus einer technischen Perspektive heraus betrachten. Kinder und Jugendliche sollten schon möglichst frühzeitig ein Gespür dafür entwickeln, inwieweit digitale Medien eine sinnvolle Lernergänzung bilden und wo diese Medien mehr zu Ablenkung und Zerstreuung beitragen. Diese Frage kann man nicht „ingenieursmäßig“ abhandeln. Das ist vor allem eine Frage der Fähigkeit zur Steuerung und Selbstorganisation. Und genau diese Fragstellung ist für mich von absolut zentraler Bedeutung – vor jeder Technik!

Michael Lindner: Auch ich halte es für sinnvoll, ein Fach wie Medienbildung in Schulen zu integrieren. Ich glaube bei einer Behandlung dieses Themas in den anderen Fächern könnten wichtige Inhalte ziemlich verwässert werden, deshalb sollte Medienbildung lieber als eigenständiges Fach behandelt werden. Der Bezug zu anderen Fächern ist ja trotzdem vorhanden: Im Rahmen von Projektunterricht bietet es sich geradezu an, einzelne Themen der Schule (Mathematik, Chemie, Geschichte usw.) stärker auf die Möglichkeiten zu beziehen, die digitale Medien für die Aufbereitung und Präsentation von lernrelevanten Informationen und Wissen bieten. Dazu gehören u. a. auch die Möglichkeiten, die durch E-Learning gegeben sind, wie zum Beispiel die gemeinsame Nutzung von Gruppenkanälen für die Diskussion zu spezifischen Lerninhalten.

Welche Herausforderungen stellt der digitale Wandel Ihrer Ansicht nach an die aktuelle Bildungspolitik in Deutschland?

Marcus Klug: Ich selbst bin kein Experte auf diesem Gebiet. Was mir aber einleuchtet, ist die Tatsache, dass die Politik dazu beitragen kann, für die »richtigen« Impulse und strukturellen Grundvoraussetzungen zu sorgen, damit Deutschland auch in Zukunft konkurrenzfähig ist. Die Frage lautet, wie man Kinder und Jugendliche von heute und die darauf folgenden Generationen besser auf eine globale Wettbewerbssituation einstellen kann, in der auch Vernetzung und der wissensmäßige Austausch zunehmend wichtiger werden. Und hier glaube ich schon, dass das Internet das Denken dieser Generationen stark prägt – gerade auch in kognitiver Hinsicht.

Die Geschwindigkeit, mit der wir Informationen aufnehmen und verarbeiten, ist dabei beispielsweise sehr ausschlaggebend, weil die Anzahl an Informationen durch die digitale Entwicklung quasi exponentiell steigt. Wir müssen uns also Strategien aneignen, die uns dazu befähigen, eine wesentlich größere Anzahl von Informationen in immer kürzeren Zeitabständen zu verarbeiten, um kognitiv konkurrenzfähig zu sein.

Stichwort: Slow Media. In Ihrem Video zum Thema „Über Muße im digitalen Zeitalter“ beschäftigen Sie sich mit genau dem, was man dem Leben im digitalen Rush abspricht: ein digitales Leben und Erleben ohne Rauschen. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Schließen sich Muße und Digitalwandel aus? Oder müssen wir einfach noch den richtigen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten lernen?

Marcus Klug: Wir befinden uns – was die digitale Entwicklung anbelangt – derzeitig noch in  einem gesellschaftlichen Übergangsstadium. Noch sind wir keine Wissensgesellschaft – das würde für mich tatsächlich voraussetzen, dass wir den »richtigen Umgang« mit den digitalen Medien schon verinnerlicht hätten – davon sind wir aber meiner Meinung nach noch meilenweit entfernt.

Ein Indikator für diese Behauptung ist u. a. der Umgang mit digitalen Kommunikationsmedien. Miriam Meckel – Professorin für Corporate Communication an der Universität St. Gallen in der Schweiz – hat ja sehr einleuchtend in ihrem Buch »Das Glück der Unerreichbarkeit« (2009) beschrieben, wohin Handys, E-Mails und das Internet einzelne Personen führen können, wenn das eigene Kommunikationsverhalten nicht mehr kritisch hinterfragt wird und zur Sucht avanciert. Meckel war ja selbst davon betroffen – ständig auf Sendung auf ihrem BlackBerry. Und genau dasselbe Problem haben gerade auch viele Jugendliche, die sich von den Möglichkeiten moderner Kommunikationstechnologien tagtäglich buchstäblich überwältigen lassen, ohne zu merken, wie stark dieses Kommunikationsverhalten die eigene Konzentrationsfähigkeit, aber auch die Fähigkeit zum Zuhören und zum Dialog negativ beeinträchtigt.

Bei meiner Recherche zum Video-Beitrag „Über Muße im digitalen Zeitalter“ bin ich auf viele Informationen gestoßen, die mich stutzig gemacht haben. Bemerkenswert fand ich zum Beispiel auch die Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller Deutschen das eigene Handy auch nach der Arbeitszeit nicht ausstellen –  im Gegenteil! Die Tendenz geht eher dahin, permanent abrufbereit zu sein – und das ganz freiwillig! Das ist doch absurd, oder?

Für mich schließen sich Muße und digitaler Wandel überhaupt nicht aus – im Gegenteil: die Muße ist für mich gerade in Zeiten des digitalen Wandels besonders wichtig, da wir durch diese Entwicklung kognitiv besonders stark beansprucht werden und somit auch wesentlich häufiger für einen mentalen Ausgleich sorgen müssen. Und die Muße steht vor diesem Hintergrund im digitalen Zeitalter u. a. für das gelegentliche produktive Abschweifen der eigenen Gedanken fernab der effizientesten Informationswege: Grundbedingung für den kreativen Umgang mit digitalen Informationen und Wissen. Das ist gewissermaßen einer der wesentlichen Erkenntnisse aus besagtem Video-Vortrag – in Anlehnung an ein Essay von Peter Glaser: Lob des Müßiggangs.

Michael Lindner: Die Wiederentdeckung der Muße könnte zu einem der positiven indirekten Effekte des digitalen Wandels gehören. Das Problem besteht darin, dass digitale Kommunikation zunehmend allgegenwärtig wird. Herr Klug erwähnte schon das Beispiel mit der Dauererreichbarkeit. Da wir im heutigen Arbeitsleben inzwischen auf das Internet angewiesen sind, können wir nicht einfach gänzlich aussteigen und das bedeutet, wir müssen auch Muße bewusster gestalten, da unsere Arbeitstage eben auch durch digitale Kommunikation dazu tendieren, „auszufransen“.

Ich habe diese Thematik erst vor Kurzem in meinem Beitrag „Die Mediendiät – oder wie nutze ich das Internet sinnvoll“ für unsere Plattform aufgegriffen. Ich denke, dass durch solche Inseln der Muße und des Abschaltens sich auch unser Umgang mit digitaler Technik ändern könnte. Die Schwierigkeit liegt heute darin, sehr eigenverantwortlich mit dieser ganzen Informationsfülle umgehen zu können, aber eben auch zu müssen! Muße, also die Fähigkeit sich zu konzentrieren, Freiräume für Gedanken und die Frage nach den eigenen Werten und Antrieben, kann dafür sorgen, dass man sich vom Rhythmus digitaler Kommunikation emanzipiert. Und das ist meiner Ansicht nach ein entscheidender Punkt, um Technik wirklich eigenverantwortlich und selbstbestimmt nutzen zu können.

Meine letzte Frage richtet sich auf das in Deutschland wie ich finde noch wenig beachtete Thema der MOOCs. Welche Vor- bzw. Nachteile sehen Sie in dieser neuen Form des ortsunabhängigen Lernens?

Michael Lindner: Ich sehe darin ein großes Potenzial für den Bereich der Erwachsenenbildung und im Fortbildungsbereich. Der entscheidende Punkt ist hier, dass die Einstiegshürden sehr niedrig sind. Wir bezahlen für MOOCs nur einen sehr geringen Betrag und jeder kann teilnehmen, ohne dass es zunächst formale oder finanzielle Barrieren gibt. Mit MOOCs könnten viele Kurse, in denen neues berufliches Fachwissen vermittelt werden soll, sehr viel einfacher organisiert werden. Beispielsweise eine Computerfortbildung oder die Vermittlung von BWL-Kenntnissen.

Heute ist dagegen der Nachteil noch die fehlende Akzeptanz.  Das könnte sich aber sehr schnell ändern. Ich glaube auch, dass MOOCs nicht den ganzen Bereich von Bildungsangeboten abdecken können. Gerade bei Themen, bei denen es stärker um persönliche Weiterentwicklung geht, wie Selbstmanagement, Wertorientierung im Beruf oder Bildungsangebote für die Berufsorientierung, stelle ich mir einen MOOC schwierig vor. Dazu braucht es meiner Erfahrung nach mehr den persönlichen Austausch mit einem Coach, Trainer oder Dozenten und den anderen Teilnehmern.

Marcus Klug: Ich schließe mich da der Meinung von Herrn Lindner an. Auch ich denke, dass die Einstiegshürden bei MOOCs gerade für den Bereich der Erwachsenenbildung sehr niedrig sind. Außerdem liegt das Potenzial von MOOCs gerade auch darin, mehr Menschen weltweit qualitativ hochwertige Bildungsangebote besser zugänglich zu machen. Das muss nicht nur auf einzelne frei zugängliche Online-Vorlesungen von Universitäten bezogen sein, wie das etwa in Stanford in den USA der Fall ist.

Ein anderes Beispiel für das Potenzial von MOOCs ist das heute als »Granny Cloud« bekannte Projekt aus England, bei dem englische Großmütter indischen Kindern per Skype Fernunterricht geben. Die Großmütter erzählen den Kindern Geschichten, singen und lernen zusammen mit ihnen. Das finde ich wirklich toll, denn in Indien herrscht ja nach wie vor eine hohe Armutsrate, bessere Bildungsangebote sind dementsprechend für viele Familien aus finanziellen Gründen einfach undenkbar. Projekte wie »Granny Cloud« stellen somit echte Entwicklungshilfe in Sachen Bildung dar!

(Bildrechte: Marcus Klug/Michael Lindner)

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