Vor fast zwei Jahren haben wir entschieden, nach Köln zu ziehen und in diesem Zuge neu zu bauen. Natürlich war es unser Ziel, bei der Haustechnik möglichst auf dem aktuellen Stand zu sein. Also: Smart Home. Jetzt wohnen wir seit einigen Monaten in den neuen vier Wänden und sind dabei auszuloten, wie „smart“ alles in der Praxis ist. Unser erster Eindruck: Das wird noch dauern mit schlauen Lösungen in Sachen Internet der Dinge.

Natürlich basieren unsere Erfahrungen auf unserem persönlichen Projekt und sind sicher nicht in jeder Hinsicht repräsentativ. Dennoch möchte ich gerne darüber berichten, weil sicher manches davon symptomatisch für den derzeitigen Stand in Sachen „Digitalisierung im eigenen Zuhause“ ist.

Learning 1: Smart Home braucht Zeit – viel Zeit

Man kann es so zusammenfassen: Für die Inbetriebnahme aller Smart Apps und das Einrichten der gesamten Technik haben wir wesentlich länger gebraucht als für das Auspacken der 140 Umzugskartons. Während die inzwischen geleert sind, ist die Installation der Technik noch nicht abgeschlossen.

Die Krux liegt in der Vielzahl der verschiedenen Einzellösungen. Von der Heizung über die Jalousien bis hin zur Lichtsteuerung: Alles kommt von unterschiedlichen Herstellern mit eigenen Apps und eigenen Benutzerführungen. Da geht nichts schnell und einfach.

Darüber hinaus ist die Fehleranfälligkeit enorm. So „verabschieden“ sich viele App-Steuerungen nach dem Update und müssen neu konfiguriert werden. Andere lassen sich nicht mehr verbinden oder reagieren nicht richtig. Auch müssen viele Geräte für eine Steuerung von unterwegs in diversen Portalen angemeldet und konfiguriert werden. Das heißt dann: „Google fragen“ oder die diversen Hotlines kontaktieren.

Learning 2: Mit ein oder zwei Apps ist es nicht getan

Wenn Geld keine Rolle spielt, kann man es vielleicht einfacher haben und bekommt mehr aus einer Hand. Einige Spezialisten bieten die „komplette Lösung für alles“, aber da werden allein für die Steuerung Preise aufgerufen, die einem Mittelklassewagen gleichkommen. Eine Garantie, dass dann alles funktioniert, gibt es auch hier nicht, da zum Beispiel eine Heizung mit Gewährleistung immer noch Sache des Fachbetriebes ist.

Kauft man also jedes Produkt nach Preis-Leistung individuell, dann wird der „App-Dschungel“ schnell sehr groß. Wir haben für unser Haus derzeit zwölf verschiedene Hersteller-Apps plus Alexa im Einsatz – und zwar:

  • Türsteuerung (BuschJäger)
  • Licht teilweise (Casambi und Gira)
  • Garage (Zapf)
  • Dachfenster (Velux)
  • Jalousie-Steuerung (Gira)
  • Heizungs-Steuerung (Buderus)
  • Solarzellen (SolarWatt)
  • Akku zur Stromspeicherung (Fronius)
  • Wasserfilteranlage (BWT AG)
  • Soundanlage (Heos)
  • Fernseher (Denon)
  • Sicherheitskamera (Bosch)
  • Alexa für diverse Steuerungen (Licht, TV…) im Jugendzimmer

Eigentlich ist diese Vielfalt positiv zu werten. Immer wieder wird bemängelt, dass Digitalisierung zu Monopolisierung führt. Amazon, Google, Facebook – sie alle haben Marktstellungen, die keine ausgewogene Wettbewerbssituation zulassen. In Sachen Smart Home ist das (noch) anders. Derzeit gibt es nicht DEN einen Player, der alles aus einer Hand anbietet. Das bedeutet, man ist auf die verschiedenen Hersteller von Haustechnik „zurückgeworfen“, die sicher in ihrem Kerngeschäft viel Erfahrung haben, in Sachen IoT aber nicht unbedingt.

Entsprechend unzureichend sind die Standards und das Qualitätsniveau der Apps. Kaum eine begeistert bei der Nutzung, wenige sind intuitiv. Selbst so etwas Banales wie die Torsteuerung der Garage funktioniert nicht immer auf Anhieb.

Andererseits: Würde ein erfahrener Software-Anbieter wie etwa Google die gesamte Steuerung aus einer Hand ermöglichen, dann wäre der Zuwachs an Daten, die dieser Anbieter hat, enorm. Und das Datenmonopol würde noch beängstigendere Ausmaße annehmen als heute schon.

Learning 3: Smart Home kennt oft keinen Endkunden

Eine besondere Herausforderung ist, dass viele Smart Home-Produkte nicht vom Hersteller direkt an den Endkunden verkauft werden, sondern ausschließlich über das Handwerk – also Sanitärbetriebe oder Elektroinstallateure – zu beziehen und einzurichten sind.

Diese B2B-Ausrichtung der Hersteller merkt man der Nutzerführung an. Sie endet darin, dass wir als User*innen und App-Nutzer*innen keinen Service vom Hersteller erhalten und der Hersteller sich für unsere Belange nicht zuständig wähnt.

Ein Beispiel: Das Dachfenster in unserem Haus lässt sich mittels App (bzw. Fernbedienung) nicht mehr öffnen. Der Reset-Knopf befindet sich im Fenster, das nur über ein gefährliches Leiter-Konstrukt erreichbar ist, da das Fenster genau über der Treppe liegt. Wir haben zweimal unter Lebensgefahr (naja, fast) dieses Fenster manuell resettet. Leider ohne Erfolg. Velux sieht sich nicht zuständig, der Fensterbauer weiß dazu natürlich auch nichts. Hier gibt es dann nur Service gegen Bezahlung mit unbekanntem Ausgang – obwohl wir eigentlich noch in der Gewährleistungszeit liegen.

Aus meiner Sicht hat Smart Home so keine Zukunft. Es kann nicht die Aufgabe der Handwerksbetriebe sein, die IT-Fragen rund um Smart Home zu lösen und einen lebenslangen Support in Sachen Apps zu bieten. So wird das nichts.

Learning 4: Handwerksbetriebe sind gnadenlos überfordert

Unabhängig davon, wer zuständig ist, stellt sich auch die Frage nach der Kompetenz. In unserem Fall liegt diese bei Heizung, Sanitär und Elektro leider in keiner Weise vor – und ich glaube, das ist kein Einzelfall.

Die Komplexität der Funktionen unserer Heizung, unserer Solaranlage, der Licht- und Jalousie-Steuerung etc. ist enorm. Man kann alle Betriebe individuell anpassen, automatisieren, auf Urlaubs-Modus stellen, den Jahreszeiten angleichen usw.

Obwohl wir die von unseren Handwerkern präferierten Hersteller gewählt haben, fehlen den Mitarbeitern vor Ort die Kenntnisse dazu, wie diese Geräte funktionieren. Sie haben sie angeschlossen, uns die Bedienungsanleitung danebengelegt und sind gegangen.

Dass beispielsweise die Filteranlage eine eigene App hat, hat uns niemand gesagt. Das haben wir zufällig bei unserer Recherche im Netz erfahren. Auf Nachfrage sagte der Heizungsinstallateur: „Das braucht kein Mensch.“ – Mag ja stimmen, aber wenn wir dafür bezahlen, würden wir das gerne selbst entscheiden.

Anderes Beispiel: Die Jalousie-Steuerung von Gira funktioniert seit Einzug nicht richtig. Entweder gehen einzelne Schalter nicht oder die App oder beides. Der Elektriker verbringt regelmäßig und ergebnislos ganze Tage bei uns. Er telefoniert jedes Mal stundenlang mit der Hotline und schaut danach weitere Stunden ziemlich ratlos in sein Laptop. Am Ende gibt er meist auf. Obwohl wir das Netzwerk und einige Steuerungen ganz gut verstehen, können wir ihn in keiner Weise unterstützen, weil unsere Anrufe bei der Hotline grundsätzlich mit dem Verweis auf den „Fachbetrieb“ abgeschmettert werden. Also wird der Elektriker nächste Woche wieder kommen …

Smart Home benötigt andere Prozesse als bisher. Die Gewerke sind so unterschiedlich und umfangreich, dass es kaum realistisch ist, einen „Techniker“ für alles zu finden. Hier müssen neue Prozesse sowie Modelle für Zusammenarbeit entwickelt werden. Es bedarf einer umfassenden Beratung für die Endkunden und digitaler Kompetenz, die übergreifend alle Smart Home-Themen zusammenhängend betrachtet und verantwortet. Davon sind wir derzeit aber noch weit entfernt.

Learning 5: Schalter sind was Schönes!

Insgesamt ist es auf der einen Seite sehr spannend und faszinierend, was Smart Home an Möglichkeiten und Features bietet. Vieles davon ist zwar oft nur „nice to have“, aber einiges kann auch dabei helfen beispielsweise den Strom- und Wasserverbrauch eines Hauses transparent zu steuern und zu optimieren.

Auf der anderen Seite nimmt die Überforderung nicht nur bei den Handwerkern, sondern auch bei den Nutzer*innen der Systeme damit weiter zu. Es ist einfach nicht hilfreich, wenn man ein Esstischlampe sowohl über einen Schalter als auch über App als auch über Bewegungen steuern kann. Und darüber hinaus auch ein „An“ und „Aus“ nicht mehr reicht, weil man zwei Lichtkreise bedient, die man an- oder ausschalten und natürlich auch jeweils dimmen kann. Irgendwie finde ich da eine Lampe mit einem banalen Schalter attraktiver – auch wenn es uncool ist.

Da wir – so hoffe ich – kein weiteres Haus mehr in unserem Leben bauen werden, bin ich sehr gespannt, was unsere Kinder in Sachen Smart Home erleben werden. Vielleicht ist sie dann ja wirklich und wahrhaftig da: Die schöne neue Wohnwelt dank Digitalisierung.