Künstler im Social Web

Eine Gratwanderung zwischen Objekt und Subjekt

Alle reden über Facebook, aber nicht jeder will, dass man sich auf Facebook negativ über ihn äußert. Besonders bei Künstlern ist Letzteres eine heikle Angelegenheit, denn: Sie sind Marke und Mensch, wollen sich selbst repräsentieren (lassen), aber auch zum Teil mitreden und -gestalten. Sie wollen die Follower- und Fanzahlen steigen sehen, haben aber gleichzeitig Angst, dort Kritikern, Neidern und – ja – auch Stalkern zu viel Raum zu bieten.

Was gilt es für die Kommunikation von Künstlern zu beachten? Das Wie und das Wo der eigenen Kommunikation sind hier ganz entscheidend.

Das Wie: Die Inhalte und die Ansprache regulieren die Nähe, die man zu den Fans aufbauen möchte, und damit auch, wie nah sich diese dem Künstler fühlen. Sendet man Backstage-Videos oder -Fotos, in denen sich die aktuelle Gemütslage spiegelt, oder verlinkt man „nur“ auf Inhalte, die ohnehin auf der eigenen, offiziellen Homepage stehen?

Das Wo: Die jeweilige Plattform, auf der man kommuniziert, ist allein aus technischen Gründen zusätzlich Distanz-entscheidend. Es ist nämlich tatsächlich etwas anderes, ob man sich auf Twitter bewegt oder auf Facebook. Bei Twitter wirft man seinen Followern kleine Informationshäppchen zu, bei Facebook lädt man sie alle gemeinsam in den eigenen Vorgarten ein.

Ich habe ein paar Beispiele deutscher Künstler gefunden, die unterschiedliche Herangehensweisen und Haltungen widerspiegeln:

Anke Engelke

Ihre Haltung zu Facebook und Twitter hat sie ja neulich mehr als deutlich gemacht. Sie hält es für „Dreck“. Es gibt zwar einen Anke-Engelke-Facebook-Account, der aber wird mehr als lieblos gepflegt. Ihre Attitüde wird dort also durchaus „gelebt“. Hier ist alles gewünscht, nur keine  Nähe zu den Fans. Wenn mal etwas von der „Anke-Engelke-Redaktion“ gepostet wird, dann ausschließlich zu ihren Shows – das allerdings viel zu selten. Irgendwelche User tummeln sich auf diesem Account und posten „Anke-fremde“ News, reguliert wird hier nicht. Auch ein Ansatz – mit dem aber sollte man es gleich lassen. Im Übrigen taucht die Webseite von Anke Engelke bei der Google-Suche nach ihrem Namen an fünfter Stelle auf, und wenn man sie ansurft, sieht man das hier: http://www.anke-engelke.de. Das spricht für sich.

Dieter Nuhr

Der Kabarettist, Autor und Moderator hat von Anfang an stark auf Twitter gesetzt, also eher auf „Informationshäppchen“, denn auf „Vorgarten“. Auf seiner Webseite gibt es gar einen eigenen Unterpunkt „twitter“. Und Nuhr schießt twitter-mäßig in Deutschland tatsächlich den sprichwörtlichen Vogel ab: Er hat fast 100.000 Follower und lässt alle anderen Promis weit hinter sich (Platz 2: Reiner Calmund mit knappt 70.000). Seine Strategie: humoristisches Kommentieren von Phänomenen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sprich: die Inhalte seines Bühnenprogramms.
Jedoch: Sein Facebook-Account kann einem fast leid tun, denn das letzte Mal, als er (oder wer auch immer) dort etwas gepostet hat, ist fast zwei Jahre her. Seitdem wird der Account von irgendwelchen Usern missbraucht, um ihre eigenen Projekte zu promoten (vgl. Anke Engelke), und die haben nun gar nichts mit Dieter Nuhr zu tun.

Ganz anders Kai Pflaume:

Näher an den Fans geht es kaum! Kai Pflaume setzt klar auf „Vorgarten“ und lädt ganz offensiv zur Gartenparty ein. Zu einer seeeehr großen Gartenparty wohlgemerkt (Seine Facebook-Seite hat fast 200.000 Fans). Seine Webseite ist eine blogähnliche Dokumentation dessen, was er unterwegs erlebt. Sie spielt aber eindeutig die zweite Geige in seiner Kommunikation. Man kann fast den Eindruck gewinnen, er agiere im Netz ausschließlich, um Futter für seine Fans zu liefern. Bleibt hier allerdings die Frage:  Und wer ist der Künstler Kai Pflaume? Will ich als Fan wissen, wie sein Workout war?  Möchte ich nicht auch ein bisschen zu ihm aufschauen? Wo bleiben „Glitzer und Glamour“? Aber vielleicht ist gerade das eine Möglichkeit, um sich Stalker und Groupies vom Hals zu halten. Denn warum sollte man jemandem hinterher hechten, von dem man weiß, dass er auch nur ein ganz normaler Mensch ist?

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Eine in meinen Augen klare Linie auf Facebook verfolgt hingegen Konstantin Wecker.

Ja, genau der ist auf Facebook. Er hat immerhin schonmal verstanden, dass man die eigenen Posts von denen der Fans filtern kann, damit die nicht sofort auf der Wall auftauchen. Die Inhalte, die er postet, sind eine gute und authentische Mischung aus künstlerischem Schaffen und dem politischen Menschen Konstantin Wecker. Soll heißen: Die Distanz zum Privaten ist hier durchaus gewahrt, und dennoch gibt Wecker seinen Fans das Gefühl, sie ernst zu nehmen. Das funktioniert sehr gut, wie man an deren Reaktionen ablesen kann! Schön!

Sie sehen: Es macht durchaus Sinn, sich vorher Gedanken darüber zu machen, was, wie und wo man etwas über sich sagen möchte.

  • Will man diesen Vorgarten Facebook?
  • Was möchte man dort über sich preisgeben – über das künstlerische Schaffen und auch über sich als Privatperson?
  • Wie reagiert man auf Fragen und Rückmeldungen (positive wie negative)?
  • Reagiert man überhaupt?
  • Was macht man im Falle der Eskalation?

An dieser Stelle möchte ich aber auch noch einmal den Hinweis geben: Es muss niemand im Social Web vertreten sein! Es gibt zwei gute Gründe, warum man es sein lassen sollte.

  1. Die eigene Zielgruppe ist dort schlicht nicht zu finden.
  2. Es besteht einfach kein Interesse daran. Mit anderen Worten: Man hat dort nichts zu sagen. In diesen Fälle macht das alles ohnehin relativ wenig Sinn.

Doch unabhängig davon, ob man als Künstler im Social Web aktiv wird oder nicht: Am Ende kann man ohnehin nicht verhindern, dass Menschen auch negativ über einen reden, ob zufällig im Supermarkt oder in irgendeinem Forum. Es passiert. Deshalb nicht im Social Web aktiv zu werden, ändert an dieser Tatsache nichts.

Und wenn Sie als Künstler im Social Web aktiv werden möchten und nicht wissen, wie: Rufen, mailen oder twittern Sie uns an. Wir freuen uns darauf!

By | 2011-03-22T15:28:11+00:00 22. März 2011|Categories: Allgemein|Tags: , , , , |

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5 Kommentare

  1. Martina 23. März 2011 um 11:22 Uhr

    Huch, ich dachte es geht um “Künstler” im künstlerischen Sinne, also um Maler und Bildhauer etc.
    Kai Pflaume z.B. ist für mich eher Moderator als Künstler…

    Trotzdem danke für die Analyse – lässt sich ja auf Maler/Bildhauer eigentlich auch übertragen ;)

  2. neu_gierig 23. März 2011 um 13:05 Uhr

    Hallo Martina, danke für deinen Kommentar. Ja, “Künstler” im klassischen Sinne wird heutzutage natürlich ein wenig verwässert gebraucht. Ich habe eine Zeitlang in einem “Künstler”management gearbeitet und bin daher begriffsmäßig so gepolt. In diesem Kontext sprechen alle von “Künstlern”, wobei der ein und auch andere diese Bezeichnung in der Tat nicht verdient… Auf bald mal wieder hier :)

  3. neu_gierig 23. März 2011 um 16:24 Uhr

    Ergänzung zu meinem Artikel: Bei Dieter Nuhr war ich tatsächlich auf einer falschen Facebook-Fährte. Offenbar ist dies hier sein richtiger Account: http://www.facebook.com/nuhr.de?sk=wall. Hier werden aber seine Tweets 1:1 übernommen. Mit anderen Worten, seine “Party” besteht daraus, dass er Informationshappen in den Vorgarten wirft. Mh… Schade eigentlich.
    Apropos falsche Fährte. Dieses Problem haben ja viele Künstler, wenn sie im Social Web aktiv werden. Sie müssen erstmal alle “Fake-Accounts” irgendwie übertrumpfen.

  4. Falk Ebert 24. März 2011 um 21:01 Uhr

    “Er hat immerhin schonmal verstanden, dass man die eigenen Posts von denen der Fans filtern kann, damit die nicht sofort auf der Wall auftauchen.”

    Das empfinden aber, meiner Erfahrung nach, viele User als unfreundlich und dreist.
    Wer keinen Dialog möchte, sollte nicht auf Facebook sein. Wer den Dialog sucht, sollte auch die Ansicht mit allen Posts auf default setzen.

    Viele Grüße,
    Falk Ebert

  5. neu_gierig 25. März 2011 um 9:19 Uhr

    Lieber Falk, ich kann verstehen, was du meinst, aber 1. löscht Herr Wecker die Posts ja nicht (sie sind ja alle noch da) und 2. nimmt es ihm offenbar niemand übel. Bei manchen Seiten ist es einfach besser zu filtern, denn die Posts haben z.T. nichts mehr mit dem zu tun, um den es geht. Social Media hin oder her: Es spricht nichts gegen eine kleine Lenkung des “ersten Eindrucks” :)
    Finde ich jedenfalls…

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