Kultur im Wandel erfordert Wandel der Begegnungskultur

„Wie werden aus Migranten Kulturbesucher?“, ist eine der Fragen, zu der Axel Kopp in seiner Blogparade #KulturImWandel ein Meinungsbild einholen will. Doch ist das wirklich die Frage? Müsste sie nicht vielmehr lauten: Wie können Migrantinnen und Migranten das hiesige Kulturleben mitgestalten? Wobei wir schon mittendrin in der Debatte über die Begrifflichkeiten wären, denn von wem sprechen wir, wenn von »Migranten« die Rede ist?

Wer ist gemeint?

»Türken, türkischstämmige Deutsche, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, türkische Zuwanderer der ersten, zweiten, dritten bis zur x-ten Generation, Deutsch-Türken, Berlin-Türken, Frankfurt-Türken… Allein die sprachlichen Verrenkungen und die immer mitschwingende ,Political‘ Correctness bei dieser Aufzählung lassen einen fast schwindelig werden, wenn es darum geht, Menschen zu benennen, die in Deutschland leben, vielleicht auch deutsche Staatsbürger sind, in jedem Fall aber einen Herkunftsbezug zur Türkei haben.«

So benannte Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, schon 2011 zu Beginn seines Artikels Teilhabe an Kunst und Kultur und die Last der deutschen Geschichte die Schwierigkeiten, überhaupt die »richtigen Worte« für diejenigen zu finden, die teilhaben sollen an unserer Kultur.

Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Gorki Theaters, drückt als Frau der Praxis dagegen verständlicher aus, worum es (ihr) geht:

»Am Theater hat etwas gefehlt, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Die neuen Deutschen als Erzählende, als Protagonisten, als Publikum.«

Seit ihrer Zeit am Berliner Ballhaus Naunynstraße, dem Vorzeigeprojekt für das Thema »Migration im Theater«, sorgt sie erfolgreich dafür, diese Lücke zu schließen und erkennt Bewegungen in diese Richtung auch bei anderen Stadt- und Staatstheatern. Oftmals werde die Beschäftigung mit Internationalität aber auch nur als Deckmäntelchen dafür genutzt, das eigene Image in Sachen Internationalität aufzupolieren, ist Roberto Ciulli überzeugt. Der Gründer und künstlerische Leiter des Theaters an der Ruhr lädt dagegen bereits seit 1980 regelmäßig ausländische Ensembles nach Mühlheim ein und gewährte dem Roma-Theater Pralipe 1991 Asyl, als dieses in seiner Heimat Jugoslawien nicht mehr arbeiten konnte.

Integration geht nur in eine Richtung

kultur_im_wandel_bild_2 Kultur im Wandel

Der Autor, Journalist und Migrationskulturforscher Mark Terkessidis benennt im Gespräch mit Silvia Fehrmann, Leiterin des Bereichs Kommunikation und Kulturelle Bildung am Haus der Kulturen der Welt, einen Grund, woran es bei der Umsetzung der kulturellen Teilhabe aller hierzulande hakt:

»[…] so soll kulturelle Bildung häufig dazu dienen, die ‚richtigen‘ Voraussetzungen zu schaffen, um ‚unsere‘ Angebote in den Kulturinstitutionen zu nutzen. Dabei wäre es notwendig, angesichts der Vielheit der Gesellschaft diese Angebote auf den Prüfstand zu stellen.“

Bisher war das Augenmerk beim Thema „Kultur und Migration“ auch eher auf die freie Kulturszene und Soziokultur gerichtet, die anerkannt, wenn auch nicht in den Adelsstand der Hochkultur erhoben wurden, während die bestehenden kulturellen Einrichtungen sich wenig bis gar nicht öffneten oder wandelten und auch weiterhin hierarchisch organisiert blieben. Ein Umstand, der sich bei vielen Kultureinrichtungen nicht nur beim Thema kultureller Wandel, sondern auch beim digitalen Wandel seit Jahren massiv nachteilig auswirkt.

Wandel in der Kultur der Begegnung

kultur_im_wandel_bild_3 Kultur im Wandel

»Als Kultur sind wir immer in einem Zustand der Entwicklung und der dynamischen Veränderung«,

konstatierte bereits die amerikanische Autorin Anaïs Nin (1903-1977) in ihrer Absage an die Verzweiflung. Kultur wandelt sich also ohnehin ständig, daher scheint wichtiger zu sein, einen Wandel in der Kultur der Begegnung herbeizuführen. Etwa so, wie es bereits 1998 Ruud Breteler am Rotterdamer Theater Zuidplein versuchte. Die größte Hürde dabei ist, Fragen zu stellen, also beim Publikum anzuklopfen, und es nach seiner Meinung zu fragen.

Als Breteler die Leitung des Theaters übernahm, suchte er den direkten Kontakt zu den aus 170 verschiedenen Kulturen stammenden Einwohnern der Stadt, um zu erfahren, was für ein Theaterprogramm sie sich wünschen würden. Er bot ihnen die Möglichkeit, ein Laien-Komitee zu bilden und das Theaterprogramm aktiv und autonom mitzugestalten. Als Leiter des Theaters nahm er bei diesen Programmpunkten, die etwa 75 Prozent des Spielplans ausmachten, nur eine koordinierende und beratende Funktion bei der Finanzierung und bei aufführungstechnischen Fragen ein.

Eine demütige Grundhaltung ist vonnöten

Bretelers Credo nach seinen Erfahrungen ist: Wer neue und größere Publika mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gewinnen möchte, sollte die Menschen demütig fragen, was sie in ihrer Freizeit am liebsten tun und sehen möchten. In dieser Ermächtigung der Menschen liegt seiner Erfahrung nach die Antwort auf die Frage, wie mithilfe der Kunst ein gesellschaftlicher Wandel angestoßen werden kann.

»Outreaching will result in audience development«,

lautet Bretelers These, und er rät Kulturverantwortlichen, »humble professionals« zu werden. Seine Initiative wurde von der (Kultur)Politik forciert und mitgetragen und von lokalen Wohngenossenschaften, Künstlerinnen und Künstlern, kulturellen Einrichtungen, Sozialarbeitern und Kulturscouts mitgestaltet. Sie führte zu einer Vielzahl von neuen kulturellen Festivals und Veranstaltungen rund um die Aktivitäten des Theaters Zuidplein – und letztlich auch zum Engagement großer Einrichtungen und Wohnungsgesellschaften für das Projekt.

Wo bleibt die Qualität, wenn das Publikum das Programm macht?

Ruud Breteler hat mit seinen Unterstützern einen radikal neuen Ansatz der Publikumsgewinnung getestet, der nach langer Durststrecke mit roten Zahlen langfristig von Erfolg gekrönt war. Das Theater verlor dabei allerdings auch Teile des alten Stammpublikums, die es sich aber leisten konnten, alternative Spielorte aufzusuchen. Was die Qualitätsfrage angeht, ist Breteler überzeugt, dass das Kunstempfinden »einfacher Leute« nicht geringer geschätzt werden sollte als die Meinung ausgebildeter (Theater-)Fachleute. Im gemeinsamen Organisieren und Erleben kultureller Veranstaltungen sieht Breteler eine ganz neue und emotionale Qualität von Kunst und Kultur:

»Quality is the emotion you share with people next to you.«

Dieses Modell mag sich nicht 1:1 umsetzen lassen, die dahinterstehende Haltung einzunehmen und sich auf das Publikum und eine Interaktion mit ihm einzulassen, ist aber sicher wünschenswert und erforderlich. Ähnlich wie beim digitalen Wandel erfordert es von den Kultureinrichtungen allerdings den Willen zur Veränderung, eine Öffnung nach außen und eine unvoreingenommene Dialogbereitschaft, um Mitwirkungsmöglichkeiten zu schaffen und Teilhabe zu ermöglichen.

By | 2016-04-11T11:48:56+00:00 19. April 2016|Categories: Allgemein|

Über den Autor:

Birgit Schmidt-Hurtienne
Seit 2015 ist Birgit Schmidt-Hurtienne Projektleiterin und Social Media Beraterin bei der result gmbh. Sie vermittelt in Workshops strategisches und praktisches Social-Media-Wissen und betreut Corporate Blogs der result-Kunden redaktionell. Im Web auch bekannt als Pfadfinderin für Kulturwirtschaftswege (@KuWiWege), ist sie spezialisiert auf die Konzeption und Umsetzung kreativer und innovativer Projektideen im Bereich digitale Kulturvermittlung.

2 Kommentare

  1. […] Kultur im Wandel erfordert Wandel der Begegnungskultur Birgit Schmidt-Hurtienne geht es in ihrem Beitrag auf dem Result-Blog um das Thema kulturelle Partizipation. Während die freie Kulturszene und die Soziokultur schon seit längerem sich mit „Kultur und Migration“ beschäftigen, komme das Thema erst langsam in den (Hoch-)Kultureinrichtungen an. Wie kulturelle Partizipation funktionieren kann, zeigt Birgit Schmidt-Hurtienne unter anderem am Beispiel des Rotterdamer Theater Zuidplein. […]

  2. Folie 17. Dezember 2016 um 14:08 Uhr

    Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und die Informationen aufbereitet und diese uns mitteilt.Danke dafür.
    Gruß Anna

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