Kommentarkultur in Blogs oder mein Streit mit Amir Kassaei

Das Social Web ist ja immer gut für psychologische Selbsterfahrungen. So auch beim Schreiben von Kommentaren. Mir jedenfalls ist Interessantes aufgefallen:

Schreibe ich einen Kommentar auf einer Zeitungsseite oder einem Newsportal, dann blieb dies bislang vom Autor selbst unwidersprochen. Für mich bedeutet das, ich lese etwas, mir fällt dabei ein Gedanke ein und ich poste diesen in einem Kommentar. Gut ist! Vielleicht findet sich der ein oder andere Leser, der mir zustimmt oder widerspricht. Meist in wenigen Worten und meist so, dass ich mich nicht zu einer weiterführenden Antwort animiert fühle. Auch gut!

Psychologisch ist das für mich sehr in Ordnung. Ich habe „Dampf abgelassen“ oder „klug daher geredet“, fühle mich positiv und zufrieden. Frei nach dem Motto: „Das musste mal gesagt werden :-).“

Anderes erlebe ich bei Kommentaren auf Blogs. Auch habe ich das ein oder andere mal – spontan und unbedacht (?) – Stellung genommen, weil ich davon ausgehe, dass ist im Social Web ja auch erwünscht. Meist schreibe ich natürlich an den Stellen, wo ich anders denke und mit der Autorensicht nicht einverstanden bin. Einen Beitrag, der meine Ansicht deckt, wird von mir eher auf Twitter empfohlen, aber sehr selten kommentiert.

Und dann passiert mir häufiger das Folgende: Meine Kritik am Autorenstandpunkt weckt den Widerspruchsgeist eben desjenigen. Er schreibt zurück: Umfassend, streitlustig, mich auseinandernehmend. Das bringt mich in Schwierigkeiten. Was tun? Die Höflichkeit und das eigene Selbstbewusstsein fordern: Da muss ich jetzt drauf antworten. Das kann ja so nicht stehenbleiben.

Also nehme ich einen zweiten Anlauf. Ich räume mir Zeit frei, die ich eigentlich nicht investieren wollte, und antworte wieder. Gehe auf die Argumente ein, versuche meinen Standpunkt noch mal verständlich zumachen und zu stärken. So. Gut jetzt?

Manchmal nein. Das bleibt dann so auch nicht stehen. Der Autor greift wieder zur Tastatur und ich befürchte, dabei ist er jetzt schon leicht genervt, um mir noch einmal seine Welt zu erklären. Jetzt wird´s emotional langsam haarig. Ich habe einen Disput mit einem mir fremden Menschen, dessen Blogbeitrag ich eigentlich nur um meine Sicht der Dinge bereichern wollte (In meinen Augen blöde Blogs kommentiere ich nämlich gar nicht).

Das Ergebnis: Ich fühle mich schlecht und schreibe trotzdem wieder. Vielleicht mit einer eher witzigen Note, damit die Stimmung wieder stimmt!? Weil, soll ich jetzt einfach nix sagen? Wäre ja auch komisch. Wenn ich Pech habe, so aktuell passiert im Fall Amir Kassaei (auch noch gerade bei DEM!), ist mein Gegenüber jetzt sogar sauer. Ups!!

Das wollte ich aber nun ja gar nicht. Ist aber passiert. Und interessant. Denn im persönlichen Gespräch hätte ich natürlich die Chance gehabt, die Befindlichkeit meines Gegenüber früher zu erspüren und die Kurve zu kriegen … oder zu kratzen. Ging im Web nicht. Fettnapf! Ende!

Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack und das Gefühl, einen Menschen, den man in seiner Meinung sehr respektiert durch seine eigene Sicht ein Stück auf Distanz getrieben zu haben. Das ist äußerst schade, denn das Gegenteil war ja beabsichtigt.

Für mich ist das zunächst mal eine sehr spannende Erfahrung. Was ich daraus lerne, ist mir derzeit noch nicht klar. Es motiviert nicht allzu sehr dazu, weiter kommentierend durch das Web zu ziehen. Andererseits möchte ich das natürlich gerne tun. Vielleicht stellt sich ja auch heraus, dass diese Situationen jeweils Einzelfälle waren, die sich nicht mehr wiederholen. Jedenfalls macht es mir noch einmal sehr deutlich, dass es viel Medienkompetenz und eines guten Selbstbewusstseins bedarf, im Web aktiv zu werden. Ganz für jedermann ist es dann halt doch nicht.

By | 2010-06-10T11:21:38+00:00 10. Juni 2010|Categories: Allgemein, Kommunikation, Social Web|Tags: , , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. Matthias Busse 10. Juni 2010 um 16:40 Uhr

    Dieses schöne Beispiel zeigt, dass beim Monitoring und der Interpretation von Blog Kommentaren grundsätzlich ein wenig Sorgfalt geboten ist. Zustimmung bleibt oft ohne schriftlichen Beleg, wenn damit keinerlei emotionale Regung verknüpft ist. (Man nickt und verschwindet in der Weite und Tiefe des Netzes.) Übrig bleiben Beiträge, die eine emotionale Schwelle (im Positiven oder Negativen) überwunden haben. Im Ergebnis kann ein stärker kontroverses Bild entstehen als de facto vorhanden. (“In der Blogosphäre wurde wild diskutiert.” Schreibt sich leicht. Bei diesen Aussagen ist aus den geschilderten Gründen eben manchmal große Vorsicht geboten.)

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