Kleine Anthropologie der Zeit. Ein Vortrag bei der Verleihung des Hessischen Kulturpreises für Wissenschaft 1997

Vor einigen Tagen ist mir eine alte Rede von Prof. Dr. Dr. h.c. Odo Marquard in die Hände gefallen. Auch wenn diese bereits 1997 von ihm gehalten wurde und somit schon etwas älter ist – interessant, lesenswert und thematisch auch heute noch aktuell ist die Rede allemal …

Exemplarische Rede

Kleine Anthropologie der Zeit
Vortrag bei der Verleihung des Hessischen Kulturpreises für Wissenschaft 1997 an Odo Marquard am 14. Dezember 1997 in der Aula der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Herr Ministerpräsident!
Hochansehnliche Festversammlung!

Das Menschenleben ist kurz. Unsere gewisseste Zukunft ist unser Tod. Unsere unvermeidlichste Vergangenheit ist unsere Geburt. Das gilt für jeden Menschen: denn – um es nüchtern und diesseits aller existenzialistischen Emphase zu formulieren – die Mortalität und die Natalität der Menschen beträgt nach wie vor durchschnittlich 100 Prozent. Unsere Lebenszeit – die Zeitstrecke zwischen der einzigen Geburt, durch die wir selber zur Welt kommen, und dem einzigen Tod, den wir selber sterben – ist endlich. Sie ist gerade keine aus dem Unbestimmten ins Unbestimmte weiterfließende gleichförmige und unbegrenzte Folge von Gegenwarten: sie ist vielmehr befristet – hätten wir beliebig viel Zeit, könnten wir beliebig viel Zeit vergeuden, ohne Zeit zu verlieren: es gäbe ja immer wieder neue. Die aber gibt es gerade nicht, Unsere Zeit ist endlich, sie ist Frist, sie ist knapp. Die knappste unserer knappen Ressourcen ist unsere Lebenszeit.

Zu einem kurzen Leben gehört eine kurze Philosophie. Darum muß auch ein Vortrag, der sie zur Sprache bringt, kurz sein. Ich fasse mich ultrakurz, indem ich hier nur auf folgende drei Tatbestände hinweise:

  1. Schnelligkeit und Langsamkeit
  2. Innovationsüberlastung und Kontinuitätskultur
  3. Lebenspluralisierung

1. (Schnelligkeit und Langsamkeit)

Das Menschenleben ist kurz. Darum lautet in jener skeptischen Endlichkeitsphilosophie; die ich vertrete, ihr temporal-anthropologischer Hauptsatz: der Mensch ist das Zeitmangel-Wesen. Daraus folgt – meine ich – mindestens dreierlei:

a) unser Leben ist kurz; darum können wir nicht beliebig lange warten, sonst verpassen wir unser Leben. So müssen wir also ungeduldig sein und eilen. Was wir – verändernd, verbessernd – an Neuem erreichen wollen, müssen wir schnell erreichen: jedenfalls schneller, als der schnelle Tod uns erreicht; sonst nämlich erreichen wir es gar nicht. Darum gilt: unsere Lebenskürze zwingt uns Menschen zur Schnelligkeit.

b) unser Leben ist kurz; darum können wir nicht beliebig viel Neues erreichen, uns fehlt einfach die Zeit dazu. Das limitiert unsere Veränderungsfähigkeit und bindet uns an das , was wir schon sind, an unsere Herkunft. So bleiben wir, trotz aller Schnelligkeit langsam. Darum gilt: unsere Lebenskürze zwingt uns Menschen zur Langsamkeit.

c) unser Leben ist kurz.; darum haben wir nicht die Wahl, ob wir schnell oder langsam leben wollen, sondern wir müssen – unvermeidlicherweise – stets beides: schnell und langsam leben, Eiler und Zögerer sein. Unsere Lebenskürze zwingt uns dazu; und das ist – meine ich – gut so. Denn dieses temporale Doppelleben schützt uns – als eine Art Gewaltenteilung der Zeit – vor temporalen Gleichschaltungen: davor, nur – zukunftshungrig – schnell oder nur – herkunftsdominiert – langsam zu leben. Wir müssen stets beides sein: schnell und langsam.

2. (Innovationsüberlastung und Kontinuitätskultur)

Das Menschenleben ist kurz. Das gilt für jeden Menschen. Es gilt in verstärktem Maße für die modernen Menschen. Die moderne Welt steigert zugleich das menschliche lnnovationstempo und den menschlichen Langsamkeitsbedarf. Denn je mehr modern die Innovationsbeschleunigung zur Innovationsüberlastung führt, desto stärker wächst der Bedarf, ihre Kontinuitätsbrüche zu kompensieren: durch Langsamkeitspflege, durch Kontinuitätskultur.

Die moderne Welt beschleunigt das menschliche Innovationstempo vor allem, indem sie Traditionen neutralisiert: denn nur traditionsneutral kann die Wissenschaft, kann die Technik, kann die Wirtschaft, kann die soziale Welt, kann der Fortschritt immer schneller immer universeller werden. So – durch die Neutralisierung von Traditionen – forciert die moderne Welt unsere Schnelligkeit so sehr, daß die Langsamkeit besiegt zu werden und abzusterben scheint: ausschließlich das schnelle Leben scheint übrigzubleiben. Aber das – diese lnnovationsüberlastung – halten wir Menschen nicht aus.

Darum brauchen wir gerade in der modernen Welt mit ihren Kontinuitätsbrüchen die Kompensation durch Kontinuitätspflege. Wie sie gelingt, zeigen uns die ganz jungen Kinder, die die für sie unermeßlich neue und fremde Welt bestehen, indem sie eine eiserne Ration an Vertrautem kontinuierlich mit sich führen; ihren Teddybären. Wo sich die Wirklichkeit immer schneller ändert und so dauernd fremd wird, brauchen auch die Erwachsenen derlei “transitional objects“, also Teddybärenäquivalente: z.B. Klassiker. Dann kommen sie mit Goethe durchs Jahr, mit Habermas durchs Studium, mit Reich-Ranicki durch die Gegenwartsliteratur, und so fort. Je schneller die Zukunft modern für uns das Neue – das Fremde – wird, desto mehr Kontinuität und Vergangenheit müssen wir – teddybärengleich – in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes – auskundschaften und pflegen. Darum wird heute zwar mehr vergessen und weggeworfen als je zuvor; aber es wird heute auch mehr erinnert und respektvoll aufbewahrt als je zuvor: das Zeitalter der Entsorgungsdeponien ist zugleich das Zeitalter der Verehrungsdeponien: der Museen, der Naturschutzgebiete, der Kulturschutzmaßnahmen, der Denkmalpflege, der Ökologie, des ästhetischen und historischen Sinns, der Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes, der Geisteswissenschaften. Die moderne Welt – je schneller sie wird – braucht Ausgleich durch Langsamkeitspflege. Ihre Überlastung durch lnnovationen muß kompensiert werden: durch Kontinuitätskultur. Zukunft braucht Herkunft.

3. (Lebenspluralisierung)

Das Menschenleben ist kurz. Dieses kurze Leben leben wir obendrein nur ein einziges Mal. Auch deswegen benötigen wir mehr Lebenszeit, als wir haben, um mit unserem Leben fertigzuwerden.

Darum brauchen wir unsere Mitmenschen, die ja viele sind mit vielen – bunten Lebenszeiten, an denen wir teilnehmen können und so – in gewisser Hinsicht auch ihre Leben und Lebenszeiten haben. Mit so vielen Mitmenschen man kommuniziert, so viel mal ist man ein Mensch. Der Zeitmangel der endlichen Menschen wird also kompensiert durch die Kommunikation mit ihren Mitmenschen. Das nenne ich Lebenspluralisierung: die Ergänzung unseres einen kurzen Lebens durch Kommunikationskultur.
Für die Partizipation an einem Teil dieser lebenskompensierenden und lebenspluralisierenden Kommunikationskultur – der Wissenschaft – einen Preis zu bekommen ist schön, besonders, wenn es ein hessischer Preis ist für jemanden, der – wie ich – selber kein gebürtiger Hesse ist, sondern ein gebürtiger Hinterpommer, geübter Ostfriese, studierter Westfale, und der – obwohl er sein gültiges Abitur in Hessen abgelegt hat: in Treysa; und obwohl er jetzt schon 32 Jahre in Gießen lebt – nach Bestätigungen lechzt dafür, daß er nun inzwischen vielleicht doch ein wirklicher Hesse geworden ist. Und was könnte eine eindrucksvollere Bestätigung dafür sein als ein echter hessischer Preis, überreicht durch einen echten hessischen Ministerpräsidenten? Ob ich diesen Preis verdient habe oder nicht: jedenfalls freue ich mich über ihn – den Hessischen Kulturpreis für Wissenschaft 1997 – und sage für ihn artig meinen herzlichen Dank.

Preisträger im Bereich Wissenschaft
Prof. Dr. Dr. h.c. Odo Marquard
Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen

By | 2010-07-09T11:57:49+00:00 9. Juli 2010|Categories: Vortrag|Tags: , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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