Internet macht Zeitung tot! – Ist es wirklich so einfach?

Derzeit liest man erneut extrem viele Darstellungen und Gegendarstellungen rund um das Thema Zeitungssterben. Es werden ausführliche Argumente ausgetauscht, viele Studien zitiert, Belege gesucht und Meinungen vertreten. Das alles lässt sich allerdings immer auf zwei knappe Standpunkte zusammenfassen.

Die These: Die Umsonstkultur im Internet entzieht der Zeitung den Markt und raubt ihr die Existenzgrundlage.

Die Gegenthese: Die Zeitungen haben den digitalen Wandel verschlafen, sie verstehen das Internet nicht, daher gelingt es ihnen auch nicht, damit Geld zu verdienen.

Ich persönlich finde beide Standpunkte zu schlicht gefasst, denn sie verkürzen das Problem.

Meiner Überzeugung nach hat die Krise der Verlage ihre Gründe nicht ausschließlich im Internet, sie liegen zu einem guten Teil jenseits davon. Denn die Abos vieler Regionalzeitungen gehen nicht nur so drastisch zurück, weil junge Menschen keine Abos mehr abschließen. Sie gehen zurück, weil junge Menschen keine Abos mehr abschließen und alte Menschen ihre Abos kündigen.

Bildquelle: (CC BY 2.0) | Andreas 1977 | flickr.com

Zu den Gründen lassen sich verschiedene Thesen aufstellen, die nichts oder wenig mit dem Internet zu tun haben. Einige möchte ich hier nennen:

1.        Qualität

Aus meiner Erfahrung bei Lokalzeitungen weiß ich, dass dort oft mit wenig qualifizierten Mitarbeitern lokale Nachrichten recherchiert wurden. Die Redakteure, als eigentliche Profis, waren (sind?) mit Layout und Redigieren beschäftigt, selbst vor Ort waren (sind?) sie nur selten. Das Ergebnis war eine Zeitung, mit der die Leserschaft oftmals sehr unzufrieden war. Man hatte sie trotzdem im Abo, weil es wenige Alternativen gab und es zum „guten Ton“ der bürgerlichen Schicht gehörte. Inzwischen wird man auf dem Land durchaus nicht mehr schief angesehen, wenn man kein Abo hat und sich die Informationen nur aus dem Radio und den Anzeigenblättern holt.

2.       Konkurrenz

Es gibt inzwischen immer mehr Konkurrenz zum Zeitungsmarkt – online und offline. Es gibt lokale Radiostationen, Anzeigenblätter haben im redaktionellen Bereich teilweise stark zugelegt, es gibt Lokalfernsehen und natürlich auch das Internet. Entsprechend muss sich die Zeitung in ihrem Angebot deutlich stärker beweisen, als das früher der Fall war. Das gelingt durchaus nicht allen Anbietern.

3.       Spezialisierung

Unabhängig vom Internet sind nachwachsende Generationen aufgrund allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen immer stärker an spezifischen, ihren persönlichen Interessen nachempfundenen Informationen interessiert. Fachkräfte sind gefordert, nicht Generalisten. Ein gesellschaftlich definierter Kanon festen Allgemeinwissens ist für diese Generationen nicht mehr verbindlich. Man muss nicht über Wirtschaftsthemen Bescheid wissen, wenn sie einen nicht interessieren. Das war früher anders. Im klassischen Bildungsbürgertum gab es eine Erwartung, was man zu wissen hat, und dieses Wissen betraf alle Bereiche und war im besten Sinne Allgemeinwissen. Mit Wegfall dieser „Informationspflicht“ verliert die Zeitung als themenübergreifende Informationsquelle automatisch an Attraktivität, da man die Hälfte der Themen nicht lesen möchte.

4.       Sinkende Relevanz von Medien

Vor etwa zehn bis 15 Jahren war es ein großes Ereignis, Journalisten zu treffen oder gar in den Medien zu erscheinen. Jeder Verein wollte sein Gruppenfoto veröffentlicht sehen, weil darin eine besondere Würdigung der eigenen Arbeit lag. Dies hat sich stark verändert. Die Menge der Dokusoaps und Umfragen im TV, die intensive Hörereinbindung beim Radio und natürlich auch das Netz haben den Wert solcher Veröffentlichungen drastisch gesenkt. „In der Zeitung sein“ ist schon lange kein so großes „Zugpferd“ mehr, wie es das einmal war. Entsprechend muss man Zeitungsmeldungen auch nicht mehr notwendigerweise verfolgen.

5.       Kostenbewusstsein und Discountertrend

Wenn ältere Menschen Abos von Zeitungen kündigen, dann spielen die Kosten oft eine entscheidende Rolle. In Zeiten, in denen Telefon und auch Internet vergleichsweise günstig geworden sind und man für 20 Euro (zwar nicht wirklich) nach Rom fliegen kann, erscheint der Preis für ein Zeitungsabo recht hoch. Viele sind nicht mehr bereit, diesen Betrag zu zahlen (wo sie doch kostenfrei mit diversen Anzeigenblättern versorgt sind).

Natürlich habe ich für diese fünf Thesen keine wasserdichten Belege, auch will ich mich nicht zum Experten im Verlagsgeschäft aufschwingen, denn das bin ich ganz sicher nicht. Was ich deutlich machen möchte: Auch wenn das Netz alle gezeichneten Tendenzen noch einmal verstärkt und vieles an Wandel begründet, so gibt es in meinen Augen keine lineare Ursache-Wirkung-Beziehung, um die es bei der Krise der Verlage geht.

Die Probleme und Herausforderungen, denen Zeitungsverlage gegenüberstehen, erscheinen mir sehr vielfältig. Nicht alle sind digital begründet, und nicht alle lassen sich digital lösen. Und ich denke (und hoffe im Sinne der Verlage): Legt man diesen Tunnelblick erst einmal ab, finden sich auch mehr Perspektiven zur Weiterentwicklung als bislang diskutiert.

Wer tiefer ins Thema einsteigen möchte, dem seien folgende Beiträge ans Herz gelegt:

Neoliberalismus im Journalismus? Wer hat’s erfunden? – Eine Replik an Frank Schirrmacher

Zukunft des Journalismus: Sehr geehrter Herr Schirrmacher

Untergang des Journalismus

Zeitungssterben Der Anfang vom Ende fürs bedruckte Papier

Zeitungssterben: Meine (sprichwörtlichen) 5 Cent

 

Von | 2015-07-16T13:03:54+00:00 30. November 2012|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Medienforschung, Neue Medien, Print|Tags: , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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