Wir haben uns inzwischen mehr oder weniger daran gewöhnt: Die Nutzung vieler sozialer Plattformen im Netz ist nicht mit einer monetären Gebühr verbunden, stattdessen »zahlt« man mit seinen Daten. In vielen Diskussionen wird dieses Argument immer wieder gebracht, wenn man sich über »die Datenkraken im Internet« echauffiert. »Warum sich aufregen?«, heißt es dann, »schließlich ist das gesamte Angebot kostenfrei. Es ist doch klar, dass die Anbieter dennoch eine Gegenleistung erwarten. Du zahlst einfach mit Deinen Daten.« Das Argument ist schlüssig. Dennoch ist es aus meiner Sicht an der Zeit, das Modell »Leistung gegen Daten« genauer zu betrachten.

Wenn Daten tatsächlich eine Währung darstellen, dann gehören diese zu unserem privaten »Vermögen«. Der Handel damit sollte vor diesem Hintergrund mit einer gewissen Sorgfalt erfolgen. Es bedarf Regeln, um sicherzustellen, dass es fair und seriös zugeht. Diese Regeln gibt es aus meiner Sicht bislang nicht. Einige Aspekte möglicher Regeln seien im Folgenden genannt.

a. Wie lange und wie oft dürfen Daten »ausgegeben« werden

Es gibt viele Unterschiede zwischen der Währung Geld und der Währung Daten. Einen davon finde ich besonders diskussionswürdig: Während das Unternehmen, das mein Geld bekommt, dieses nur einmal ausgeben kann und dadurch einen festen Gegenwert erhält, können Unternehmen die Daten, die sie bekommen, wieder und wieder verkaufen. Damit ist der Wert dieser Daten nicht limitiert, sondern steigert sich über die Zeit. Mich durchzuckt es immer ein wenig, wenn zum Beispiel Facebook mir wieder einmal präsentiert, was ich vor sechs Jahren gepostet habe. So schön diese Erinnerungen oft sind, so beunruhigend finde ich, dass Facebook weder vergisst noch löscht. Im Sinne des »Bezahlsystems Daten« ist mir das nicht Recht. Mir wäre lieber, wenn Posts, die älter sind, nach einem bestimmten Zeitraum gelöscht würden, da sich sonst mein Profil bei der Social Media-Plattform immer weiter schärft. Aber ich kann da nicht wählen, sondern müsste, um die alten Daten »loszuwerden«, händisch entfernen oder die jeweilige Plattform komplett verlassen und einen Antrag auf Löschung meiner Daten stellen. Es gilt das »Ganz-oder-gar-nicht«-Prinzip.

b. Transparenz über die Kosten

Ähnlich unbefriedigend finde ich die Informationen zu Preisen im »Bezahlsystem Daten«. Wenn wir irgendetwas mit Geld kaufen, erfahren wir vorher den Preis. Und zwar nicht lapidar im Sinne von »Du zahlst mit Geld«, sondern in Form eines exakten Betrages, den man für die Leistung aufbringen muss. So sollte es auch bei dem Geschäft mit Daten sein: Ich zahle nicht partout mit meinen Daten. Vielmehr sollten die Menge, der Umfang und der Erfassungszeitraum der Daten vorab definiert sein, damit ich den »Preis« genau kenne. Bisher entnehme ich diese Informationen nur dem unüberschaubaren Wust der Datenschutzbedingungen. Ich würde mir wünschen, dass – ähnlich wie bei anderen Abo-Modellen – sofort beim Start eine Übersicht erscheint: »Erhaltene Leistung – Preis«. Die sozialen Plattformen (ebenso wie Google) verlangen – wenn man so will – einen Blanko-Scheck von ihren Nutzerinnen und Nutzern. Das ist vor allem dann problematisch, wenn auf der jeweiligen Plattform sehr viele Daten zusammenlaufen, um bei dem Beispiel Google zu bleiben. Ich halte das für kritisch. Und im Grunde auch für »überteuert«.

c. Verschiedene Leistungen, unterschiedliche Preise

Mit der Transparenz der Preismodelle könnten dann auch verschiedene Angebote einhergehen. Es wäre aus meiner Sicht wünschenswert, dass man die Möglichkeit hat, mit verschieden großen Datenpaketen zu zahlen und im Gegenzug entsprechend unterschiedlich umfangreiche Leistungen zu erhalten. Im Handel ist es eigentlich fast immer so, dass ich die Möglichkeit habe, mein Budget zu steuern. Etwa, indem ich die Leistungen reduziere, die ich kaufen möchte. Wenn ich weniger Geld ausgeben will, dann verzichte ich auf gewisse Ausstattungen oder wähle einen günstigeren Hersteller. So sollte es auch bei den Social Media-Anbietern sein: Wie viele Daten möchte ich preisgeben? Wie viel Leistung erhalten? Bisher gibt es solche Modelle nicht. Hier machte mein aufmerksamer Kollege den Einwand geltend, dass eine solche Abstufung implizit ja gegeben sei: Je mehr ich eine Plattform nutze, desto mehr Daten gebe ich preis, umso höher sind also die »Kosten«. Durch das Nutzungsverhalten könne man somit sehr wohl steuern, wie viel man zahle. Das ist richtig, aber auch wieder nicht: Wenn Daten eine Währung darstellen, müssen solche Preis-Leistungs-Nutzungs-Modelle vorab klar und deutlich gemacht werden. Zudem sollte eine Auswahl bestehen, bevor ich mit der Nutzung beginne.

d. Rechnung am Ende des Monats

Denkt man weiter, was der Kollege zu Recht anführte, nämlich dass die Kosten im »Bezahlmodell Daten« von der Intensität der Nutzung abhängen, dann würde der bezahlte Preis sich monatlich ändern. Wäre das im »Bezahlmodell Geld« der Fall, dann wäre jedem von uns doch an einer monatlichen Kostenaufstellung gelegen. Diese erhält man aber im Bereich der Daten-Bezahlmodelle nicht. Ich fände das jedoch wünschenswert: Jeden Monat kann ich in meine Plattformen schauen und sehen, was ich »bezahlt« habe, also wie viele neue Daten übertragen wurden. Das wäre doch spannend, oder?

Mehr Transparenz schafft fairen Umgang mit Daten im Netz

Immer wieder ist die Rede davon, dass sich künftig der Wert von Unternehmen vor allem an seinen Daten misst. Nicht mehr die Technologie ist der entscheidende Faktor, sondern die Datenmenge, auf die ein Unternehmen zugreifen kann. Aber diese Daten, von denen die Rede ist, sind immer unsere Daten. Sie beschreiben unsere Persönlichkeit, unsere Gewohnheiten, Vorlieben, unsere politische Haltung und unsere Abneigungen. Es wird Zeit, dass diese Daten als unser Eigentum anerkannt werden und ihr »Verkauf« bzw. ihre Herausgabe im Rahmen eines Regelwerks erfolgt, das uns deutlich mehr Transparenz und mehr Rechte einräumt als bislang. Nur so kann auf lange Sicht ein fairer Umgang mit Daten im Netz gewährleistet werden. Mit dem »Internet der Dinge« verschärft sich die Situation noch einmal drastisch. Dann sammeln nicht mehr nur Google, Facebook & Co unsere Daten, sondern irgendwann jedes Gerät in unserem Haushalt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte klar sein, wem die gesammelten Daten gehören. Nämlich zunächst einmal uns.

Nachtrag

Facebook veröffentlichte, nachdem ich den Artikel verfasst hatte, am vergangenen Dienstag in einem White Paper seine Pläne für die eigene digitale Währung namens GlobalCoin. Natürlich macht dies gewissermaßen Sinn, denn Zahlungsströme und Kaufverhalten sind das fehlende Puzzlestück im eigenen Datenbestand. Entgegen der allgemeinen Erwartung könnte dies aber auch eine Kettenreaktion auslösen: Mit dem Hinzukommen von Finanzdaten treten andere Regularien und Institutionen auf den Plan. Vielleicht wird das Thema des Eigentumsrechts von Daten dadurch auch bei weniger Social Media-affinen Personen endlich präsenter.