Als Markt- und Medienforscher setzen wir uns naturgemäß mit Zielgruppen und Typen von Mediennutzern auseinander, sprich: Wir versuchen, Menschen zu kategorisieren. Und dies ist keine leichte Aufgabe, weder in der Online- noch in der Offline-Welt.

Für Letztere gibt es unglaublich viele Zielgruppenmodelle, die auf soziodemografischen Daten, auf Lebenseinstellungen oder Einkaufsverhalten basieren. Aber wie sieht es in der Online-/Social-Media-Welt aus? Digital Natives und Digital Immigrants sind ein „netter“ Versuch, eine grobe Klammer über eine große Masse zu setzen, ähnlich wie die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen in der TV-Werbezeitenvermarktung. Und dann finde ich noch solche Kategorien wie „netz-Kind“, „Generation Online“ und Lobos und Friebes „Digitale Bohème“. Was bin ich denn nun?

Bildquelle: (CC BY-NC-ND 2.0) URBAN ARTefakte | flickr.com

Mal sehen: Ich bin VOR 1980 geboren, demnach also ein digitaler Immigrant, stecke aber bis über beide Ohren im Social Web (zugegebenermaßen auch beruflich bedingt) und bin zum Beispiel ein begeisterter Twitterer. So richtig lebe ich das Social Web aber auch nicht. Ich poste nie, wo ich gerade bin, manchmal bin ich auch einfach gern offline, lasse mein iPhone zu Hause und denke gar nicht mehr dran. Einen Ausstieg halte ich jederzeit für möglich. Ich halte den „Hype“ für keinen „Hype“, bin generell etwas relaxter, was Netzneutralität angeht, bin kein dogmatischer „24-7-Onliner“…

Diejenigen, die sich total radikal und absolut der Idee der Netzneutralität verschreiben, die gegen ACTA und Co. auf die Straße gehen (mit Ausnahme der Piratenpartei vielleicht) und leidenschaftlich ihr Recht auf Freiheit verteidigen, sind für mich gefühlt eher die „Immis“ (Markus Beckedahl, Sascha Lobo, Ibrahim Evsan etc.), aber so bin ich nicht.

Bin ich gleich ein „digitaler Spießer“, wenn ich auch durchaus kritische Punkte bei ACTA sehe? Ich bin nicht gänzlich dagegen, vor allem weil ich weiß, dass man Daten im Internet ohnehin nur schwer steuern und Datenströme schwer beschränken kann. Ich halte aber den Versuch für legitim. Die Grundidee des Urheberrechts ist eine gute, das Gesetz selbst muss sich nur den Entwicklungen anpassen. Die „digitalen Wutbürger“ gehen mir auf den Keks, ebenso diese bloggenden Menschen, die ganz schnell irgendeiner Meinung sind (beispielsweise über Herrn Gauck), die Zitate aus dem Zusammenhang reißen, ohne genau zu recherchieren.

Während ich diesen Beitrag auf Papier (!) „vor“schreibe, sitze ich in einem Café in der Kölner Südstadt (dicht dran am Prenzlauer Berg, aber eben doch so gar nicht „bohemian“). Vor mir liegen eine Zeitung und eine Zeitschrift, mein iPhone daneben (das ich so lieb habe) und ich stelle fest, wie schwer es ist, sich selbst zu verorten beziehungsweise zu typologisieren – aber vielleicht muss man das ja auch gar nicht?

Der polnische Dichter Piotr Czerski hat das jüngst ganz schön für mich zusammengefasst, und ich möchte hier diese gesamte Passage aufführen, weil diese so wunderbar den Nagel auf den Kopf trifft:

»Wir, die Netz-Kinder; die mit dem Internet und im Internet aufgewachsen sind, wir sind eine Generation, welche die Kriterien für diesen Begriff gleichsam in einer Art Umkehrung erfüllt. Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst. Es ist kein gemeinsamer, begrenzter kultureller Kontext, der uns eint – sondern das Gefühl, diesen Kontext und seinen Rahmen frei definieren zu können.
Indem ich das so schreibe, ist mir bewusst, dass ich das Wort “wir” missbrauche. Denn unser “wir” ist veränderlich, unscharf, früher hätte man gesagt: vorläufig. Wenn ich “wir” sage, meine ich “viele von uns” oder “einige von uns”. Wenn ich sage “wir sind”, meine ich “es kommt vor, dass wir sind”. Ich sage nur deshalb “wir”, damit ich überhaupt über uns schreiben kann.« 
(Quelle: netzpiloten.de)

Scheinbar brauchen wir dieses „wir“, um uns zu Hause zu fühlen. Ich jedenfalls fühle mich ganz wohl als digitaler Heimatloser.

Was für Schlussfolgerungen können wir nun aus Forschersicht ziehen? Eine Kategorisierung von Menschen ist kaum möglich, weder in der „richtigen Welt“ und schon gar nicht im Internet, dort wo ein Rückschluss auf einzelne Personen noch schwieriger ist. Im Netz geht es um den Austausch von Inhalten, und dabei zuzusehen, zuzuhören und mitzumachen ist nicht nur als Forscher hochinteressant.

Abschließen möchte ich daher mit These 2 aus dem Cluetrain Manifest:

»Märkte bestehen aus Menschen, nicht aus demografischen Segmenten.« (Quelle: cluetrain.com)

Wie immer freue ich mich auf Ihre Meinungen und eine anregende Diskussion!